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„Ein Schnitzel für alle“ in der ARD : Der eine ist robust, der andere wie aus dem Ei gepellt

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Wussten Sie, dass der Schauspieler Ludger Pistor (rechts) Schirmherr des Landesverbandes klassisch-barocke Reiterei Ost e.V. ist? Und dass er - kein Witz - eine etwas größere Rolle in Tarantinos „Inglorious Basterds“ gegen eine kleinere tauschte, weil ihm der Fernsehfilm „Ein Schnitzel für drei“ (Vorgänger des am Mittwoch laufenden Stücks) wichtiger war? Das zeigt um was es hier geht: die hohe Kunst der Komödie im Fernsehen. Dass Armin Rohde (links, Rock Okon, Mitte) sich auf diese versteht wissen wir längst. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Wenn eine Komödie aussieht, als würde Loriot eine britische Sozialkomödie drehen, dann „Ein Schnitzel für alle“. Ohne klischeehaft zu wirken, gelingt eine großartige, schwarzhumorige Milieustudie des Ruhrgebiets.

          Wer würde „Dortmund“ und „Lebensqualität“ in einem Atemzug nennen? In Essen gibt es grüne Viertel und noble Villen rund um den Baldeneysee. Wer sich ins Westfälische aufmacht, befindet sich bald auf ausgedehnten Radrouten zu Wasserschlössern. Aber Dortmund? Zeichnet sich in der öffentlichen Wahrnehmung als eine der Städte mit der höchsten Kinderarmut aus. Beherbergt, so scheint es, hauptsächlich Langzeitarbeitslose, die an der Theke, für die Borussia oder im Schrebergarten leben, oder alles zusammen. Ist übersät mit sozialen Brennpunkten. Früher machte man eine Lehre bei Hoesch und bekam einen Teil des Lohns in Dortmunder Bier ausgezahlt. Das war, als man wegen der Zechen jede Woche Fenster putzen musste. Nun findet man sich andauernd als Kulturstadt neu. Kümmert aber keinen. So richtig Ruhrpott, das ist ansonsten bloß noch Bochum.

          Wer einen sozialkritischen Fernsehfilm um das liebe Geld und den bösen Kapitalismus in Dortmund ansiedelt, trifft fast zwangsläufig ins Schwarze. Reich ist Dortmund eben nur an Armutsklischees. Doch von wohlfeiler Depression ist Manfred Stelzers berückend stimmige Sozialbetrachtung „Ein Schnitzel für alle“ so weit entfernt wie eine Loriotsche Darstellung der Tücken der Zwischenmenschlichkeit von einem öden Beziehungsdrama-Fernsehspiel. 2011 bekam der Vorgängerfilm „Ein Schnitzel für drei“ eine Grimme-Nominierung als bester Spielfilm (nicht etwa als bestes Unterhaltungsprogramm). Man bemerkte die tiefe Weisheit, die in der Philosophie des Wie-gewonnen-so-zerronnen der Fernsehkomödie steckte.

          Traumpaar auf Anhieb

          Obwohl die prekären Helden Wolfgang Krettek (Ludger Pistor) und Günther Kuballa (Armin Rohde) sich schon im ersten Teil als Langzeitarbeitslose auf der Jagd nach Wohlstand in den Widrigkeiten des Zufalls, der sich mal zu ihren Gunsten und mal gegen sie drehte, wild verhedderten, erst ein Vermögen fanden und es dann wieder verloren; obwohl das Tempo hoch war, das freundschaftlich verbundene Paar nervös wie nur was, ein Demenzkranker den Dritten im Bunde gab, war die Grundstimmung des Films vorwiegend gelassen.

          Wer braucht schon Geld wenn man Freundschaft hat? Ludger Pistor (rechts) und Armin Rohde als prekäres Helden-Duo im tiefsten Ruhrpott.

          Englischer Sozialkomödienhumor traf auf Loriotsche Einblicke und verband sich zu einem genauen, leisen Witz, der sich erst beim genauen Hinhören ganz erschloss. Wobei man die Traumpaarqualitäten von Armin Rohde und Ludger Pistor auf Anhieb bemerken konnte. Ein nachlässig körpergepflegter Robuster und ein wie aus dem Ei Gepellter mit vorzüglichen Manieren gingen da füreinander durch dick und dünn (Kamera: Johann Feindt).

          „Ein Schnitzel für alle“ macht wieder alles genauso gut wie sein Vorgänger. Diesmal scheint der finanzielle Aufstieg zumindest für Wolfgang gelungen. Der ehemalige Herrenschneider berät für die Betrügerfirma Maxima Plus Finanz AG Rentner in Sachen Vermögensanlage und verspricht wortreich Renditen von elf Prozent. Ex-Tierpfleger Günther träumt inzwischen vom Robbenretten in Kanada. Doch da ist seine Intimfeindin, die Hartz-IV-Fallberaterin Frau Rademacher (Margit Bendokat), vor. Tierpfleger, Pfleger, egal. Sie schickt ihn in eine Behinderten-WG zur Betreuung von Hans, einem Autisten mit Asperger-Syndrom (Rick Okon), Tina, einer heiratsverliebten Fee in spe mit Trisomie 21 (Anna Lange) und dem Rollstuhlfahrer Robert (Daniel Michel).

          Hans-im-Glück stand Pate

          Immerhin ein Ein-Euro-fünfzig-Job! Wie zuerst Günther darauf kommt, mit Hilfe der mathematischen Fähigkeiten von Hans die Dortmunder Spielbank zu sprengen, wie man sich in Schale wirft, wie die Sozialarbeiterin Urte (Irene Rindje) von Wolfgang umgarnt werden muss und die Gattin Karin (Therese Hämer) aus Liebe hinters Licht geführt, das entwickelt sich zuallererst aus den Figuren heraus und nicht aus Handlungseinfällen des Drehbuchs (von Katja Kittendorf). So hält man selbst die unwahrscheinlichste Wendung für bodenständig und den Scherz, der hier mit jedem, also auch mit den Behinderten, getrieben wird, für gewissermaßen angebracht.

          „Ein Schnitzel für alle“ ist wie eine zeitgenössische Version des Hans-im-Glück-Märchens. Geld ist, vergleicht man es mit Freundschaft und Solidarität, eine eher gering zu schätzende Währung. Lässliche Sünden, beispielsweise, der Ehefrau den Gewinn der Tombola für blinde Kinder zu klauen, um es beim Roulette zu setzen, vergibt der liebe Gott sofort. Beim angetrauten Weibe kann man da allerdings nicht so sicher sein. Manfred Stelzer versteht etwas von jener tieferen Moral, die sich mit dem eingebürgert Richtigen nicht immer aufhalten kann. Und er macht daraus unwiderstehliche Komödien.

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