Home
http://www.faz.net/-gsb-72gj5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Ein neuer Rahmen für das Netz? Die Großmächte kämpfen ums Internet

Die Zukunft des Internets wird in Dubai entschieden. Aus einer internationalen Konferenz in dem Emirat könnten die ICANN, Amerika und die Meinungsfreiheit als Verlierer hervorgehen.

© AP Vergrößern Ihre Stimme könnte durch ein neues ITU-Abkommen an Gewicht verlieren: ICANN-Mitglieder bei einer Abstimmung in Schanghai im Herbst 2002

Der Anlass klingt denkbar unspektakulär, das Ergebnis könnte weite Kreise ziehen: Im Dezember treffen sich in Dubai Gesandte aus 193 Ländern, um über die Zukunft des Internets zu entscheiden. Ein Abkommen der Internationalen Fernmeldeunion (International Telecommunications Union), kurz ITU, wird neu verhandelt, der 1988 in Melbourne unterzeichnete „International Telecommunications Regulations“- Vertrag. Er bildet nicht nur eine Grundlage für die effiziente und sichere Nutzung von Telefon-, Radio- und Fernsehnetzen, sondern inzwischen auch für das seinerzeit außerhalb von Forschung und Militär noch nicht genutzte Internet. In Dubai soll der Vertrag für das moderne Netz angepasst werden und - die gesamte Organisation, die Strukturierung, mithin auch die Sicherheit und den Inhalt des Internets verändern.

Das älteste technologische Institut für Normung, im Jahr 1865 gegründet und zunächst mit der Standardisierung der telegraphischen Übermittlung befasst, ist heute eine Unterorganisation der Vereinten Nationen. Was läge näher, als einer altehrwürdigen internationalen Organisation die Verantwortung auch über das wichtigste Kommunikationsnetz der Gegenwart zu übertragen, das Internet?

Die Gefahr zentraler Kontrolle

„Wir müssen Entscheidungen des 21. Jahrhunderts treffen und brauchen keine Institutionen aus dem 19. Jahrhundert“, schimpft Bill Smith, Vordenker beim Online-Bezahldienst PayPal, in seinem Blog: „Die ITU muss die Existenz von anderen Institutionen und deren Expertise anerkennen.“ Smith bezieht sich auf den sogenannten „Multi-Stakeholder-Ansatz“: Dieses Prinzip bedeutet, dass sich eine Vielzahl verschiedener Organisationen um die Funktionstüchtigkeit, Stabilität und Sicherheit des Internets kümmert. Nach Meinung vieler Netzaktivisten ist es unbedingt schützenswert, gerade weil die verschiedenen Interessensvertreter, die „Stake Holders“, keiner Regierung angehören und das Internet somit auf integrative, offene und pragmatische Weise organisieren können. Im Vorfeld der Konferenz von Dubai bestehen mehrere Länder aber nun darauf, dass die Aufgabe der Adressenverteilung, die bislang von der „Internet Corporation for Assigned Names and Numbers“ (ICANN) übernommen wird, zumindest teilweise in die Verantwortung der ITU gegeben werden sollte.

Was viele Befürworter eines Internets ohne Zensur beunruhigt, ist die Möglichkeit einer zentralisierten Kontrolle über das Netz. Es hat in der Vergangenheit noch nie eine Zentralverwaltungsbehörde für das Internet gegeben, und keine Regierung oder Institution einer Regierung hätte die Fähigkeit, technische und wirtschaftliche Entscheidungen in „Internet-Zeit“ zu treffen, wie Robert McDowell sagt, Beauftragter der amerikanischen Medienaufsicht FCC. Will heißen: Keine Regierung verfügt über die Expertise und das nötige Tempo, mit den Entwicklungen im Internet regulatorisch Schritt zu halten. Zudem zeigt der UN-Sicherheitsrat mit schöner Regelmäßigkeit, wie schwer sich ein multinational besetztes Gremium gerade mit heiklen politischen Entscheidungen tut und wie leicht es bei divergenter Interessenlage blockiert werden kann.

Die „Schlacht um das Netz“

Die ITU selbst tut einiges, um sich für die Aufgabe als zentrale Internet-Instanz zu profilieren: Kaum wurde der Fernmeldeunion Intransparenz vorgeworfen, stellte sie auf ihrer Website ein öffentliches Forum vor, in dem besorgte Internetnutzer bis zum 3. November relevante Vorschläge für die Konferenz einreichen können. Das führte im verschwörungstheoretisch ambitionierten Internet umgehend zu der Vermutung, damit solle nur von den wirklich wichtigen Entscheidungen abgelenkt werden. Zudem betraute die ITU jüngst die russische Sicherheitsfirma Kaspersky Lab mit der Analyse der im Nahen Osten aufgetauchten Schadsoftware namens „Gauss“. Die Kaspersky-Leute kamen zu dem Schluss, dass „Gauss“ wie auch verwandte Schadprogramme (Flame, Duqu, Stuxnet) wahrscheinlich im Auftrag Israels und Amerikas entwickelt worden ist. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wollen wir die Verantwortung über das Internet wirklich in einem Land belassen, das sich gerade mit großer Energie für die Kriegsführung mit den Mitteln des Internets rüstet?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.08.2012, 11:53 Uhr

Lorbeer für Comiczeichner

Von Andreas Platthaus

Den königlich-englischen Poet laureate kennt man seit Jahrhunderten. Jetzt soll auch ein Comic-Künstler seine Lorbeeren erhalten und für kindliche Lesefreudigkeit sorgen. Gleich die erste Ernennung ist verblüffend. Mehr 3