Die Burganlage galt als uneinnehmbar. Die 1051 Meter lange hochmittelalterliche Wehranlage über dem niederbayerischen Burghausen hat noch jedem Gegner getrotzt. Jetzt hausen Piraten in einem ihrer sechs Burghöfe. Ein bunter Papagei schaut schräg auf die finsteren Gestalten und ein in den Abendhimmel weisendes Kanonenrohr. Im Verlies dahinter glänzt ein Berg goldener Münzen. Regisseur Andreas Linke greift tief hinein und verschenkt großzügig Golddukaten. „Sind nur Schokoladentaler“, sagt er. Das Szenario aber, das aus der mittelalterlichen Burg ein obskures Piratennest macht, ist stimmig.
Eine „Scharnierszene“ werde gerade gedreht, sagt der Leiter der BR-Kinderprogramme, Andreas M. Reinhard. Es ist eines der abenteuerlichsten Großprojekte der ARD: Zur Weihnachtszeit soll der „Baron Münchhausen“ in einer zweimal neunzig Minuten langen Verfilmung im Ersten die Zuschauer locken. Nach Ansicht der Muster sind sich Reinhard und die Teamworx-Produzentin Ariane Krampe einig, dass die aufwendige Produktion gute Chancen auf ein großes Publikum haben müsste. Ihre Hoffnung beruht auf dem populären Sujet und auf der Besetzung: „Jan Josef Liefers sprüht nur so vor Spielfreude, Katja Riemann liefert als Zarin Katharina ein maliziöses Meisterstück ab, und Jessica Schwarz muss man einfach mögen in der Rolle der Landadeligen Constanze von Hellberg“, meint Ariane Krampe.
Drei ARD-Sender für einen Münchhausen-Film
Man kann sie verstehen. Gerade Liefers scheint die Rolle des Lügenbarons noch besser zu stehen als die des Pathologen Börne im Münsteraner „Tatort“. Im Burghausener Piratennest trumpft Liefers auf wie Johnny Depps deutscher Bruder. Leicht übertrieben geschminkt, schwankend der Gang - ein Kindskopf durch und durch: „Hier darf ich nicht nur spinnen, ich muss es sogar“, sagt Liefers. „Wir arbeiten hemmungslos.“ Dem Regisseur Andreas Link werde zugemutet, daraus eine Auswahl zu treffen. „Jeder kennt doch Menschen, die ein wenig durchgeknallt sind. Diese Leute strahlen eine große Faszination aus. Es wäre ein trauriges Leben, gäbe es sie nicht. Münchhausen ist einer von ihnen. Dessen Fahne zu schwenken macht mir Riesenspaß.“
Fünfzig Drehtage waren für einen Zweiteiler angesetzt. Das klingt opulent. Dem Vernehmen nach kostet der „Baron Münchhausen“ aber nicht mehr als zwei „Tatorte“, also knapp drei Millionen Euro. An dem Münchhausen-Film wirken drei ARD-Sender mit: SWR, BR und HR. Die Kulturchefin des Bayerischen Rundfunks, Sabine Scharnagl, glaubt, dass sich der Aufwand lohnt: „Ein solcher Film ist repertoirefähig. Ich wünsche mir, dass er irgendwann genauso fest zum Weihnachtsprogramm gehört wie die ,Drei Nüsse für Aschenbrödel’.“ Münchhausen-Kenner mögen irritiert an die blutigen Schilderungen denken, die der Lügenbaron auch auftischt. Doch gibt Jan Josef Liefers Entwarnung. Für das Drehbuch sei eine familientaugliche Auswahl getroffen worden.
Ein Palast im Schwimmbad
Mit Hans Albers, der vor siebzig Jahren auf der Kanonenkugel ritt, wird Liefers wohl niemand in Vergleich setzen. Liefers blickt eher wieder auf Johnny Depp als schrägen Piratenkapitän. Ein Prinzip gelte da wie dort: „Mit zaghaften Versuchen oder mittelmäßigen Vorstellungen kann man nichts reißen.“ Vielleicht freundeten sich mit seinem Münchhausen nicht alle an - „aber zaghaft ist es jedenfalls nicht“.
Der Regisseur Andreas Linke (“Go West“, „Rosa Roth“) hat es mit einer Reiseproduktion zu tun, was auch mit der Förderung aus Baden-Württemberg, Bayern und Brandenburg zusammenhängt. In Burghausen wurden die Festungsruine der Piraten, der Angriff auf St. Petersburg, das Schloss der Zarin und das Feldlager der Osmanen inszeniert. Im Barockschloss von Ludwigsburg wurden Szenen gedreht, die im Palast von St. Petersburg spielen sollen. Die große Halle eines Leipziger Schwimmbads verwandelte sich in den Palast des Großen Sultans, ein Feld in der Nähe von Berlin hielt als russische Taiga her.
Doch schließlich fielen die Illusionisten der Lügenbaron-Produktion selbst auf einen Schwindler herein. Ein Mann in Lederhosen, der wie ein Einheimischer wirkte, bat am Burghausener Set freundlich darum, ein Bild mit Jan Josef Liefers machen zu dürfen. „Wir erlaubten es ihm ausschließlich zum privaten Gebrauch“, erzählt der Regisseur Linke. Er bereute es am nächsten Morgen. Da hatte der vermeintliche Fan sein Foto als Leserreporter in der „Bild“ veröffentlicht. Lügenbarone gehen nicht nur auf das 18. Jahrhundert zurück.