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„Ein blinder Held“ im Ersten : Ich lasse Alice da nicht umkommen

Ein blinder Seher in dunkler Zeit: Edgar Selge spielt Otto Weidt Bild: NDR/Vincent TV/Beate Waetzel

Ein Sehender ohne Augenlicht: „Ein blinder Held - Die Liebe des Otto Weidt“ ist ein unglaublicher Film über den mutigen Widerstandskampf eines Blinden im NS-Regime.

          Die Geschichte des Otto Weidt ist eine unglaubliche. Sie handelt von unglaublichem Mut, von einer unglaublichen Liebe und von einem unglaublichen Zufall. Und es ist unglaublich, dass diese Geschichte kaum jemand kennt. Obwohl Inge Deutschkron sie seit langem erzählt und aufgeschrieben hat und obwohl sie das Zeug zu einer Hollywood-Aufführung wie die Geschichte von Oskar Schindler hat. Und es ist unglaublich gut, dass die ARD den Film „Ein blinder Held“ produziert hat und an diesem Montag Abend zeigt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Er zeigt unmittelbar, was der Terror der NS-Herrschaft, was die Totalität der Vernichtungspolitik ausmachte und was das Beispiel eines Einzelnen bedeutet, der sich dagegen auflehnt. Der, wie Inge Deutschkron sagt, Mensch blieb, als andere wegsahen und als Unmenschen sich immer neue Schikanen für jene ausdachten, die am Ende alle ermordet werden sollten. Was niemand übersehen konnte. Otto Weidt war blind, er führte in Berlin von 1936 an bis zum Ende des Krieges eine Bürsten- und Besenwerkstatt, in der er bis 1943 jüdische Blinde und Gehörgeschädigte beschäftigte, die er vor der Gestapo zu retten suchte. Was ihm bis auf zwei Ausnahmen nicht gelang. Otto Weidt hatte kein Augenlicht, doch er sah, was geschah.

          Ein Güterzug rollt über die Gleise, eine junge Frau steckt eine Ansichtskarte durch eine Ritze, die Karte fliegt durch die Luft. Jemand findet sie und steckt sie in den Briefkasten. Der Empfänger werde das Porto übernehmen, steht darauf. Der Empfänger ist Otto Weidt. Die ihm da schreibt, ist Alice Licht, seine ehemalige Sekretärin, Anfang zwanzig und damit knapp vierzig Jahre jünger als er: die Frau, die er liebt. Sie teilt ihm verklausuliert mit, dass sie von Theresienstadt nach Auschwitz verlegt wird, ins Vernichtungslager. Nach Theresienstadt waren „seine“ Juden deportiert worden, das war das Letzte, was Weidt der Gestapo abhandeln konnte, nachdem alle abgeholt worden waren. „Ich fahre nach Auschwitz. Ich lasse Alice da nicht umkommen“, sagt er, nachdem ihm Inge Deutschkron die Karte vorgelesen hat. „Sie wollen nach Auschwitz? Zeigen Sie mir mal Ihre Fahrkarte“, sagt der Schaffner, als der Handlungsreisende Weidt im Zug sitzt. „Kein Mensch will nach Auschwitz.“

          In Weidts Besen- und Bürstenwerkstatt
          In Weidts Besen- und Bürstenwerkstatt : Bild: NDR/Vincent TV/Beate Waetzel

          Diese Geschichte erzählt die 91 Jahre alte Journalistin und Schriftstellerin Inge Deutschkron unmittelbar, direkt, nüchtern und mitreißend. Es ist ihre Geschichte. Eine der beiden jungen Frauen, die in Weidts Sekretariat arbeiteten, war sie. Nur sie und Alice Licht überlebten. Inge Deutschkron konnte sich mit ihrer Mutter verstecken, sie ging nach dem Krieg nach England, kehrte als Journalistin in die Bundesrepublik zurück, berichtete als Korrespondentin für die israelische Zeitung „Maariv“ über den Auschwitz-Prozess, der 1963 in Frankfurt begann, wanderte nach Israel aus, schrieb ihre Autobiographie „Ich trug den gelben Stern“, kehrte 1988 abermals nach Deutschland zurück und trug maßgeblich dazu bei, dass die ehemalige Bürsten- und Besenwerkstatt von Otto Weidt in der Rosenthaler Straße 39 in Berlin heute ein Museum ist. Ende 2008 wurde im Gebäude zudem die Gedenkstätte „Stille Helden“ eröffnet.

          So lebendig Inge Deutschkron (im Interviewgespräch mit Sandra Maischberger) erzählt, so nachdrücklich setzt der Regisseur Kai Christiansen das alles nach einem Drehbuch von Heike Brückner von Grumbkow und Jochen von Grumbkow in Szene. Das ist keine didaktisch aufgesetzte Geschichtsstunde, es ist keine unglückliche Mischform zwischen Dokumentation und nachgestellter Szenerie. Hier geht eines fließend ins andere über, die Kraft der Erzählerin findet ihre Entsprechung in den Filmszenen, die einen unmittelbar ergreifen. Das ist Doku-Drama at its best.

          Dazu tragen die hervorragenden Schauspieler das Ihre bei - Julia Goldberg als Inge Deutschkron, Henriette Confurius als Alice Licht und Edgar Selge als Otto Weidt. Ihm nimmt man den Blinden vom ersten Augenblick an ab. Bei seinem Spiel, sagt er, habe ihm die Begegnung mit Jürgen Bünte, einem Mitglied des Berliner Sehbehindertenverein in Berlin geholfen: „Als er mir die Tür öffnete und mit seinen blinden Augen meinen Blick suchte und ihn nur haarscharf verfehlte, hatte ich das auffälligste und für mich wichtige Detail erfasst: die besondere Art, wie Blinde ihr Gegenüber zu fokussieren versuchen.“ Genau das macht Selge als Otto Weidt: Er fokussiert und - sieht. Er sieht den Hass der Gestapo-Leute, die seine Leute bei den Kontrollen in der Werkstatt malträtieren und die er mit allerlei Waren besticht. Und er sieht die Angst der Verfolgten und sieht, dass er ihnen nicht mehr lange wird helfen können.

          Wie er wenigstens Alice Licht retten konnte, davon erzählt dieser Film. Die Geschichte von Otto Weidt, der schon 1947 starb und 1971 von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde, verdient es fürwahr, erzählt zu werden.

          Ein blinder Held - Die Liebe des Otto Weidt läuft am Montag um 21.45 Uhr im Ersten. Informationen zu Otto Weidt unter www.museum-blindenwerkstatt.de .

          Quelle: F.A.Z.

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