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Echtzeit-Journalismus beim Obama-Besuch Auf der Damentoilette wurde ein Ring gefunden

Beim Obama-Besuch überbieten sich die elektronischen Medien im Vermelden von Banalitäten. Auf die Demokratie wirkt der Echtzeit-Journalismus verheerend.

© Reuters Vergrößern Ein Personenkult, den man am liebsten für ironisch halten möchte: Barack Obama vor dem Brandenburger Tor

Der Echtzeitjournalismus hat uns geistig auf den Wilhelminismus zurückgeworfen. Die Berichterstattung zum Deutschland-Besuch des amerikanischen Präsidenten hat aus interessierten Zeitgenossen Untertanen gemacht, die sich mit der Aufzählung von Banalitäten zufriedengeben müssen. Wir sind von Königskinderhochzeiten allerhand gewohnt: Wie sehen sie aus? Weint sie? Küssen sie sich? Passt der Ring? Regnet es? Man lässt sich dergleichen im Bewusstsein, dass das alles mit Politik nicht viel zu tun hat und die Bevölkerung offenbar hin und wieder ein Ventil für gewisse royalistische Neigungen braucht, noch gefallen und will auch niemandem die Freude daran nehmen.

Edo Reents Folgen:  

Was soll man aber anfangen mit folgenden, laufend online zu lesenden Informationen: „Obama ist erstaunt über Berlins Hitze“, „Gauck weinte bei der amerikanischen Hymne“, „Obamas Dienstwagen ist ein mächtiges Gefährt“? Das Problem sind nicht die Informationen als solche, sondern, dass sie zu den politischen Nachrichten, die es ja auch gibt, in kein Verhältnis mehr gesetzt und nicht mehr hierarchisiert werden. Es ist, zumal bei dieser, tatsächlich auch vom Präsidenten bemerkten Hitze, nicht nur ungesund, den Ereignissen dermaßen hinterherzuhecheln wie die Online-Reporter; es verwirrt auch eine an Politik interessierte Öffentlichkeit.

Einzelheiten, die früher allenfalls Kinder interessiert hätten

Der atem- und besinnungslos hinter der Kutsche des Staatenlenkers herlaufende, „hurra!“ brüllende Bürger: Man kennt dieses Bild aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ (1914/18) und dem Film Wolfgang Staudtes (1951). Die hiesige Öffentlichkeit hält sich etwas darauf zugute, dass sie aus diesem Untertanengeist die richtigen Lehren gezogen hat und eine Satire darauf heute nicht mehr nötig hat. Was sie aber jetzt, anlässlich des Besuches eines demokratisch legitimierten Staatschefs, generiert, ist reine Kriecherei. Die aufdringliche Nähe, die dauernde Präsenz suggerieren eine Transparenz der Ereignisse, die ohne jeden Gehalt ist und sich im Ton des Neckischen äußert: „12.06 Uhr: Gerade eine lustige Durchsage im Kanzleramt: ,Auf der Damentoilette wurde ein Ring gefunden!‘“ Den wird doch nicht die schöne Michelle dort verloren haben?

Wenn Journalisten solche Dinge für erwähnenswert halten, dann ist es offensichtlich, dass sie ihre Aufgabe, die vor allem im Filtern und Werten besteht, nur noch am Rande wahrnehmen. Sie können auch gar nicht mehr anders, jeden Moment muss sich ja die nächste Banalität ereignen: ein Auto, das vorfährt, ein Windstoß, der ein Kleid oder eine Frisur in Unordnung bringt, ein Gesichtszug, der für einen Moment entgleitet, der Bissen Spargel, der nun allen Ernstes verzehrt wird - das muss alles haarklein berichtet werden, im Netz ist ja Platz genug. „Der mächtigste Lunch der Welt“, titelte „Spiegel Online“, wo man vorher schon Einzelheiten über Obamas Dienstauto erfahren konnte, die früher allenfalls Kinder interessiert hätten. Fassen wir zusammen: Der amerikanische Präsident ist der mächtigste Mann der Welt, der im dicksten, schnellsten Auto der Welt (sogar mit Panzerglas, wer hätte das gedacht!?) vorfährt und mittags den längsten, teuersten Spargel der Welt vertilgt (statt mit Angela Merkel einen McDonald’s aufzusuchen).

Immer weniger Zeit für Wertung

Es war absehbar, dass die im Vergleich zum ersten Obama-Besuch vor fünf Jahren nun doch spürbar genervteren, hier und da bemüht witzelnden Vorabberichte, die sich enttäuschten, aber eben auch übertriebenen Hoffnungen verdanken mögen, noch genug Raum lassen würden für einen Personenkult, den man am liebsten für ironisch halten möchte. Aber es ist offensichtlich alles ernst gemeint. „Familie Cool ist in der Stadt“, titelte wiederum „Spiegel Online“, und für einen Moment dachte man schon, die Guttenbergs wären aus Amerika hereingerauscht. Eine affirmative, nur noch auf Äußerlichkeiten achtende Hofberichterstattung, die man vor nicht allzu langer Zeit noch einem Blender widmete, den man schon im Kanzleramt wähnte, macht sich hier breit.

Obama in Berlin © dpa Vergrößern Barack Obama vor dem Brandenburger Tor

Es war in den vergangenen Jahren etwas viel die Rede von der Macht der Bilder und dem Hang zur Inszenierung - der Echtzeit-Journalismus wirkt auf die Demokratie verheerend, weil er immer weniger Raum und Zeit dafür lässt, die Dinge so sortieren, Abstand zu ihnen zu gewinnen und sie zu werten. Welchen Stellenwert hat es angesichts der Fülle der Belanglosigkeiten zum Beispiel, dass Obama an diesem Mittwoch die Datenschnüffelei durch Prism in kühlem Realismus gerechtfertigt und Angela Merkel hier auf Verhältnismäßigkeit bestanden hat?

Neuland für alle

Unversehens finden wir uns, auf dieser Ebene, um einhundert Jahre zurückgeworfen. „Diese Augen lassen einen nicht los. Sie sind der erste Eindruck seiner Persönlichkeit, und wie sie mit ihrem offenen, männlichen Blick jeden seiner Sätze begleiten und erhellen, leuchten sie einem noch am Ende nach als der Spiegel einer klaren, im tiefsten Sinne sittlichen Natur.“ Karl Kraus konnte „eine Audienz bei Kaiser Wilhelm“ 1917 nur satirisch schildern.

Wenn heute der König der neuen Welt zu Gast ist, meint man den Kitsch, womöglich noch in der Annahme, damit kritische oder auch nur halbwegs sachliche Berichterstattung zu bieten, bierernst - um dann, wie abermals bei „Spiegel Online“ und nach der alles in allem beeindruckenden Präsidenten-Rede zu lesen, Überraschungsfreies, das sich längst vorher abgezeichnet hatte, unter „Eilmeldung“ wie ein Großereignis zu verbuchen und damit eine Nachrichtenkaskade des vermeintlich Unausweichlich-Dramatischen aufzubauen: „Obama will Atomarsenal drastisch verringern.“

Vorher hatte Angela Merkel, wohl auch an Obamas Adresse, gesagt: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Ganz so ist es ja nicht, aber man wusste, was sie meinte. Datenüberwachung ist das eine. Das andere ist, was der Journalismus aus der Möglichkeit (und dem Zwang), dauernd und lückenlos dabei zu sein, macht. Letzte Livemeldung, Stand 17 Uhr: Obamas Rede enthielt nun doch „keinen Satz für die Geschichtsbücher“.

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Quelle: F.A.Z.

 
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