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Veröffentlicht: 18.05.2017, 17:26 Uhr

Journalisten-Mord in Mexiko Die Kartelle bestimmen deinen Todestag

In der mexikanischen Stadt Culiacán ist der Journalist Javier Valdez erschossen worden. Seine Recherchen über die Drogenkartelle machten ihn weltbekannt. Mit ihm hat die Mafia eine Symbolfigur ausgeschaltet.

von , São Paulo
© AP Angehörige und Freunde nehmen Abschied von dem ermordeten Journalisten Javier Valdez. Er war in seiner Heimstadt Culiacán auf offener Straße erschossen worden.

Javier Valdez, einer der bekanntesten investigativen Reporter Mexikos, wusste um die Gefahr. Er hat sie nicht gesucht, wich ihr aber auch nicht aus. Am Montag wurde der 50 Jahre alte Journalist, den man in der Öffentlichkeit fast nie ohne seinen Panamahut sah, vor dem Bürogebäude des Wochenmagazins „Rio Doce“ in Culiacán erschossen. Valdez gehörte 2003 zu den Gründern von „Rio Doce“, der wichtigsten Informationsquelle über die organisierte Kriminalität in der Region. Außerdem arbeitete er seit fast drei Jahrzehnten für verschiedene mexikanische Tageszeitungen, vor allem für das Blatt „La Jornada“, sowie seit gut zehn Jahren für „Agence France Press“ (AFP).

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Javier Valdez wurde hingerichtet, am helllichten Tag und auf offener Straße. Gut ein Dutzend Patronenhülsen fanden die Ermittler am Tatort, wo Valdez stundenlang in seinem Blut lag, den Hut fast noch auf dem Kopf, ehe ihn die Gerichtsmediziner abtransportieren ließen. Man kann sicher sein, dass die Mörder ungeachtet der peniblen Spurensicherung nicht ermittelt werden. Mehr als hundert Journalisten wurden in Mexiko seit dem Jahr 2000 umgebracht, 25 weitere werden vermisst und dürften ebenfalls nicht mehr am Leben sein. Die Aufklärungsquote geht gegen null. Valdez ist der sechste Journalist, der in diesem Jahr ermordet wurde. 2016 wurden in Mexiko elf Reporter umgebracht. Nur in Afghanistan und in Syrien leben Journalisten dieser Tage gefährlicher als in Mexiko.

© reuters Mexikanischer Journalist auf offener Straße erschossen

Culiacán ist die Hauptstadt von Sinaloa, und natürlich assoziiert man mit dem Namen des nordwestmexikanischen Bundesstaates sogleich das Sinaloa-Kartell. Dessen Boss war jahrzehntelang Joaquín Guzmán, genannt „El Chapo“, der wegen seiner Brutalität berüchtigt war und wegen zweier spektakulärer Ausbrüche aus mexikanischen Hochsicherheitsgefängnissen von manchen auch bewundert wurde. So machte sich Sean Penn im Oktober 2015 auf den langen Weg von Hollywood ins Bergland von Sinaloa, wo ihm der entflohene „El Chapo“ in seinem Versteck ein langes Interview gewährte. Im Januar 2016, ein halbes Jahr nach seiner letzten Flucht durch einen anderthalb Kilometer langen Tunnel unter seiner Gefängniszelle, wurde „El Chapo“ wieder gefangen genommen. Im Januar 2017 lieferten ihn die mexikanischen Behörden an die Vereinigten Staaten aus. In New York wartet der einst mächtigste Drogenboss der Welt seither auf seinen Prozess und beschwert sich über die Haftbedingungen. Wer hätte ein größeres Interesse daran haben können, Valdez zum Schweigen zu bringen, als die Leute vom Sinaloa-Kartell?

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Wenn in Mexiko oder anderswo ein Drogenboss erschossen oder festgenommen wird, lässt die Gewalt nicht nach. Sie nimmt im Gegenteil zu, weil es zu Diadochenkriegen und Revierkämpfen kommt. Neben Sinaloa sind die Bundesstaaten Michoacán in Zentralmexiko und Guerrero im Süden sowie Chihuahua in Nordmexiko an der Grenze zu den Vereinigten Staaten besonders von der neuen Welle der Gewalt betroffen. In Guerrero, wo sich zwei verfeindete Kartelle einen blutigen Verteilungskrieg liefern, wurde am vergangenen Wochenende eine Gruppe von sieben gemeinsam reisenden Journalisten von rund hundert Maskierten an einer Straßensperre ausgeraubt und bedroht. Die Journalisten kamen mit dem Leben davon, wurden aber mit der Warnung verabschiedet, dass sie beim nächsten Mal nicht mehr so viel Glück haben würden. Im März wurde die Reporterin Miroslava Breach, die wie Valdez für „La Jornada“ über das organisierte Verbrechen, über Drogenschmuggel und Korruption berichtete und auch für das Lokalblatt „El Norte“ schrieb, in Chihuahua in ihrem Auto erschossen. Nach der Bluttat stellte der Verleger von „El Norte“ das Erscheinen des Blattes ein, weil er nicht mehr die Verantwortung für die Sicherheit seiner Mitarbeiter und Angestellten tragen wollte.

46456812 © AFP Vergrößern Der mexikanische Journalist Javier Valdez

Als Javier Valdez Ende letzten Jahres sein jüngstes Buch über die Risiken des „Narco-Journalismus“ vorstellte, sagte er, als Reporter, der über das organisierte Verbrechen berichte, stehe man in Mexiko automatisch auf der „schwarzen Liste“: „Selbst wenn man eine schusssichere Weste trägt oder Leibwächter beschäftigt, es sind die Kartelle, die den Tag bestimmen, an dem sie dich umbringen werden.“ Bei der Überreichung des Internationalen Preises für Pressefreiheit durch das amerikanische „Committee to Protect Journalists“ (CPJ) beschrieb Valdez 2011 die Arbeit eines Reporters in seinem Heimatstaat Sinaloa als gefährliche Annäherung „an eine unsichtbare Linie zu einem Minenfeld, das von jenen Verbrechern gelegt wurde, die sowohl bei den Kartellen wie auch bei der Regierung sind“. Im Januar erschien unter dem Titel „The Taken“ in den Vereinigten Staaten die englische Version seines Buches mit Gesprächen mit Angehörigen der Ermordeten und der Verschwundenen im Drogenkrieg von Sinaloa. Valdez hat nie geleugnet, dass er in ständiger Angst lebe. Auf die Frage, warum er für seinen Beruf sein Leben riskiere, antwortete er: „Weil es etwas ist, das ich gerne tue, und weil es jemand tun muss. Wenn man die Dinge ändern will, muss man kämpfen.“

© YouTube/ Al Jazeera English Der Journalist Javier Valdez wurde in Mexiko erschossen

Der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto äußerte sich erschüttert über das „abscheuliche Verbrechen“. Seine Regierung sei „der Meinungs- und Pressefreiheit verpflichtet“, sagte er, diese sei „fundamental für unsere Demokratie“. Peña Nieto ordnete zudem eine Untersuchung des Falls durch den neuen Sonderermittler für Verbrechen gegen die Meinungs- und Pressefreiheit an. Der bisherige Amtsinhaber war im April wegen Erfolglosigkeit entlassen worden. In seinem jüngsten Länderbericht zu Mexiko beklagte das CPJ, die Journalisten des Landes würden „in einen tödlichen Strudel von Gewalt und Straflosigkeit gezogen“. Amnesty International spricht von einer „offenen Jagdsaison“ auf Journalisten in Mexiko.

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