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„Drei Nüsse für Aschenbrödel“ : Wie der Sozialismus für ein Wintermärchen sorgte

Passt das? Libuse Safránková und Pavel Trávnícek als Aschenbrödel und Prinz. Bild: WDR/Degeto

Mehr als ein dutzendmal läuft zu Weihnachten wieder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Eine Ausstellung am Drehort Schloss Moritzburg zeigt, welch ein Politikum der Dreh war. Und warum der Film läuft und läuft und läuft.

          Der Schuh steht auf der Mitte der barocken Treppe, ungefähr dort, wo Aschenbrödel ihn auf ihrer Flucht verloren hat und wo der Prinz ihn kurz darauf findet. Schüler aus zwei tschechischen Klassen umringen das Märchenutensil an diesem Vormittag, sie machen Fotos, lachen. Als sie geboren wurden, war „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ schon um die dreißig Jahre alt, aber der Film fasziniert bis heute. Allein das deutsche Fernsehen zeigt ihn zu Weihnachten fünfzehnmal, und seit Mitte November die „Winterausstellung zum Kultfilm“ in Moritzburg eröffnete, stehen die Besucher Schlange. Dreißigtausend Menschen kamen allein in den ersten vier Wochen in das einstige Jagdschloss Augusts des Starken vor den Toren Dresdens.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Sie gucken von außen durch das Fenster, in das Aschenbrödel im Film ein Eisloch haucht, um in den Ballsaal zu blicken. Sie bestaunen Kostüme, lebensechte Wachspuppen in nachgestellten Ballszenen und jede Menge Requisiten. Der Originalschauplatz entfaltet seine Anziehungskraft, darüber hinaus aber gelingt den Machern mit Interviews und Dokumenten ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen, der zeigt, zu welchem Politikum selbst ein Märchendreh im Sozialismus führen konnte und an dessen Ende sogar Karel Gott über die Wupper ging. Letzteres allerdings hatte, soweit man weiß, ausschließlich künstlerische Gründe.

          „Hier war es“, raunen sich die Fans zu

          Steffen Retzlaff ist Kurator der Ausstellung, er schrieb vor drei Jahren seine Masterarbeit über den Film und räumte damit nicht nur eine glatte Eins und den Preis der Märchen-Stiftung ab, sondern bekam den Job in Moritzburg. Immer wieder hatten hier Mitarbeiter festgestellt, dass Aschenbrödel-Fans flüsternd mit Sätzen wie „Hier war es“ oder „Hier hat sie gestanden“ durch das Schloss liefen. Vor einigen Jahren haben sie dann begonnen, ein paar Dinge aus dem Film auszustellen – und wurden überrannt: 600000 Menschen sahen die temporären Schauen und verlangten mehr.

          Die Hutmode könnte man fast für britisch halten: Rolf Hoppe und Karin Lesch als König und Königin. Bilderstrecke
          Die Hutmode könnte man fast für britisch halten: Rolf Hoppe und Karin Lesch als König und Königin. :

          So war es nun an Retzlaff, dem Geheimnis des Erfolgs auf den Grund zu gehen. Zwei Jahre lang durchstreifte er mit seinem Team Archive, sichtete Dokumente, sprach mit Zeitzeugen wie dem Regisseur Václav Vorlíček, den Schauspielern Pavel Trávníček und Rolf Hoppe, die den Prinzen und den König mimten, oder mit Gert Müntefering, der den Film einst für den WDR einkaufte. Am Ende, sagt Retzlaff, lernte er „3HFA“, wie eingefleischte Fans den Märchenstreifen nennen, noch mal ganz neu kennen.

          Der Film selbst war zunächst ein originär tschechoslowakisches Projekt, das die legendären Prager Filmstudios Barrandov – auch „Hollywood des Ostens“ genannt – Anfang der siebziger Jahre als Sommermärchen realisieren wollten. Doch die opulent geplante Ausstattung des Streifens – etwa mit maßgeschneiderten Renaissance-Roben – überstieg die Möglichkeiten. Abhilfe kam schließlich von der Defa: Sie verdoppelte das Budget auf zwei Millionen Mark der DDR, gedreht wurde daraufhin nicht mehr nur im Böhmerwald und in Prag, sondern auch in Moritzburg und Potsdam-Babelsberg.

          Weil die Studios dort gerade frei waren, wollte die Defa Ende 1972 sofort mit dem Dreh beginnen. Die Außenaufnahmen hätten dann bis zum Sommer warten müssen, was Regisseur Vorlíček, dessen Posten als Einziger im Filmteam nicht doppelt, also deutsch und tschechisch, besetzt war, nicht riskieren wollte. Er ließ den Film kurzerhand auf Winter umschreiben, was wohl entscheidend zum Erfolg beitrug. Verschneite Wälder und weiß gezuckerte Städtchen boten den perfekten Hintergrund für die herzerwärmende Geschichte des armen Mädchens, das sein großes Glück findet.

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