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Drehbesuch bei Dieter Wedel Das Geld der anderen

22.05.2009 ·  Am Set der Vorkrise: Der Regisseur Dieter Wedel erzählt in „Mit Glanz und Gloria“ von einem Finanzjongleur, um die innere Logik der Gier zu begreifen. Für den gibt es ein sehr reales Vorbild.

Von Matthias Hannemann
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Zu den Verlusten, die sich in keinen Wirtschaftsbüchern niederschlagen, zählt das Gespür für Rosengewächse. Früher beispielsweise, als man sich noch durch Nachbars Sträucher schlug, war es keine Frage, dass die Dornenhecke nah war, wo die Brombeeren schwarzrot leuchteten. Der Mann von Welt hat das heute vergessen. Zwar schmückt er sich mit Brombeeren, als sei dies immer so gewesen. Doch der „Blackberry“, das Taschentelefon mit E-Mail-Zentrale, ist zum Signum einer dornigen Zeit geworden, ohne dass wir das je begriffen hätten.

Auch Ulrich Tukur hat einen Blackberry in der Tasche, als er das Juweliergeschäft am Bonner Kaiserplatz betritt. Das Statussymbol der Erfolgreichen gehört zur neuen Rolle wie die zarte Rose auf dem Anzug und die Rotarier-Nadel am Revers. „Ich wollte“, wird er in der Drehpause später sagen, „einen Menschen spielen, der verrückt ist. Der den Mund aufmacht und lügt. Der eigentlich leer ist und bis zum Ruin damit spielt, was andere Menschen ihm geben.“ Doch so weit ist es noch nicht. Tukur mimt einen Finanzbetrüger namens Dieter Glanz, und einer von beiden schafft es nicht, den Blackberry so lässig wie passgenau vor den Kameramann zu halten.

Im Zirkus des Finanzjongleurs

„Und bitte!“ Der Regisseur Dieter Wedel, der krausköpfig hinter einer Vitrine kauert und ein Eis lutscht, nimmt mit Gelassenheit, was sich als aufwendigste Aufnahme seines Projekts erweisen dürfte. Die Dreharbeiten für seinen Zweiteiler „Mit Glanz und Gloria“ gehen dem Ende entgegen, und irgendwie ist es ja auch sympathisch, wenn man so ein modernes Ding nicht richtig zu bedienen weiß.

Die Geschichte, die Wedel in „Mit Glanz und Gloria“ erzählt, ist ohnehin die eines Hochstaplers. Sie kam ihm schon vor Jahren in den Kopf, als er von einem Betrugsprozess in Hamburg las - und nimmt sich doch im Frühjahr 2009, in dem es Männer wie Bernard Madoff in die Schlagzeilen brachten, aus wie der Kommentar zur Krisenstunde: Ein Finanzjongleur, um den sich alles dreht, verspricht seinen Kunden unfassbar hohe Renditen, lebt ihnen ein Leben vor in Saus und Braus und setzt sich schließlich nach Südafrika ab - in sicherer Distanz vor dem Zugriff der Steuerfahnder und umschwirrt von all jenen, die noch immer auf ihr Geld hoffen. Noch ist die Party nicht zu Ende.

Wie in einem typischen Wedel-Film

„Sie kennen Harksen?“, sagt Wedel. Die Blackberry-Szene ist im Kasten. Der Filmtross zieht, von den Bonnern fast unbemerkt, zur Wohnwagen-Welt am Hofgarten, um sich alte Hemden wie Lätzchen überzustreifen. Wedel hat diese lilafarbene Sonnenbrille an, die einen aus der Fassung zu bringen sucht. Und über dem schwarzen Hemd: ein heller Mantel wie weiland Peter Falk als Columbo.

„Vor einigen Jahren las ich eine Reportage über das Verfahren gegen den Finanzjongleur Jürgen Harksen“, sagt Wedel, „dieser Mann schaffte es, mit seinem Charme sogar noch die Journalisten und das Gericht zu beeindrucken. Es spielten sich Szenen ab, die der Reporterin wie Szenen eines typischen Wedel-Films erschienen. Das weckte mein Interesse.“

Finden und dann Erfinden

Wedel traf Harksen damals, wohl im Herbst 2004, nicht nur im Gefängnis. Er lud den zu sechs Jahren Haft Verurteilten in sein Haus ein, sobald der offene Vollzug möglich war - mehrere Tage nacheinander, je fünf oder sechs Stunden pro Tag. Harksen wollte dabei dem Regisseur der „Affäre Semmeling“ und des „Großen Bellheim“ schmeicheln. Lobte. Lachte. Testete instinktiv, was Wedel hören wolle. „Aber auch die besten Geschichtenerzähler“, sagt Wedel, „werden irgendwann müde, so dass ich bald ein Gespür für das entwickeln konnte, was Harksen verschwieg. Ich war ja nicht an einem Biopic interessiert. Über das Gefundene kann ich stets zum Erfundenen kommen, und so hielt ich es auch, als ich später seine Opfer traf.“

Einige dieser Geprellten traf Wedel durch Zufall, bei einem Abendessen unter Nachbarn auf Mallorca. Amüsiert erzählte er von den Recherchen und Begegnungen mit Harksen. Nicht alle am Tisch konnten mitlachen. Selbst der Fahrer eines Bekannten grollte. „Derartige Dinge“, sagt Wedel, „flossen ins Drehbuch sicher mit ein, wie auch eigene negative Erfahrungen mit Vermögensberatern das Buch sicherlich beeinflussten. Irgendwann weiß ich nicht mehr, was ich übernommen habe und was erfunden. Aber das ist es ja: Ich wollte die innere Logik dieses Hochstaplerfalles verstehen und dann zu einer ganz eigenen Geschichte gelangen, in der auch die Nebenfiguren zu ihrem Recht kommen.“

Mehr als Profitgier

Als das Filmteam im Frühjahr von den Dreharbeiten in Südafrika zurückkehrte, meinte der Hauptdarsteller Ulrich Tukur im Flugzeug, er habe erst vor der Kamera die wahre Absicht Wedels verstanden: eine Comédie Humaine im Sinne Balzacs zu drehen. Das hat Wedel gefallen. Das hat ihm das Gefühl gegeben, zu Recht gewartet und auf eine hochkarätige Besetzung gepocht zu haben: „Einige der Nebenfiguren sagen nur wenige Sätze. Kai Wiesinger etwa spielt einen von jenen, die Glanz blindlings folgen wie einem Guru. Aber gerade dann kommt es auf die ganze Schauspielkunst an. Sonst funktioniert es nicht.“

In Bonn funktioniert es an diesem Tag. Hinter dem Glas des Juweliergeschäfts, das Wedel mit dem Privatschmuck einer betuchten Bekannten ausstaffieren ließ, stehen Ulrich Tukur, Kai Wiesinger und Regina Fritsch, alle hochkonzentriert. Anweisungen, sagt Wedel, müsse er solchen Schauspielern kaum geben. Er hat ihnen einfach von der Recherche erzählt. Er hat ihnen das Skript vorgelesen und erklärt, dass dies nicht nur ein Film über die Profitgier, sondern auch über die Gier nach Freiheit und Freundschaft sei: „Auch die Menschen, die Harksen hereinlegte, sollte man nicht auslachen. Sie sehnten sich nach dem Leben, das Harksen ihnen eine Zeitlang vorspielte.“

Krisendämmerung

In der Szene, die sie in den nächsten Minuten drehen, zieht Tukur den diesmal gestriegelten, schnurrbärtigen Wiesinger zur Seite, um ihn mit Schmuck, Strategien und großen Zahlen zu beeindrucken. Die wenigen Worte, das verschworene Kopfnicken: alles sitzt.

Und Wedel hat recht: Ulrich Tukur, der gerade erst von der „John Rabe“-Premiere in Peking zurückgekehrt ist, versteht auch in winzigen Einstellungen wie dieser der „Einsamkeit und Verlorenheit“ ein Gesicht zu geben, ohne die kein Hochstapler zu begreifen ist. Er ist der richtige Mann für die Rolle. Schon weil er selbst optisch an Harksen erinnert.

Tukur sagt, als er die Tür zum Kaiserplatz aufreißt und nach Luft schnappt, er spiele „einen Kranken, einen Süchtigen“, einen Mann, der „einen Mechanismus lostritt und ihn zu kontrollieren glaubt, bis sich alles verselbständigt und in den Abgrund gerissen wird“. Das ist es, was Dieter Wedels Film „Mit Glanz und Gloria“, wenn er im Winter gezeigt wird, als Sittengemälde der Vorkrisenjahre auszeichnen könnte.

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