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Doppel-„Tatort“ aus Hannover Sie werfen die jungen Frauen weg wie Müll

Dieser „Tatort“ kommt in zwei Folgen. Sie handeln von brutalen Rockern, Zwangsprostitution, einem Immobilienhai und Herren der besseren Hannoveraner Gesellschaft. Anspielungen auf die Realität sind kein Zufall. Leider haben die Filme eine eklatante Schwäche.

© NDR/Gordon Muehle Vergrößern Kommt gerade noch mit dem Leben davon: Larissa Pantschuk (Emilia Schüle) wurde missbraucht. Die Täter kommen aus „besseren Kreisen“.

Richtig stolz ist man beim „Tatort“ auf all die Neuerungen, die in letzter Zeit stattgefunden haben und die beim näheren Hinsehen so innovativ auch wieder nicht sind, sondern im amerikanischen Serienkrimi gängige Praxis. Da gibt es neue Kommissarspaare, da gibt es bald einen „Star“ zu bestaunen (Til Schweiger) oder höchst seltsam-komplexe Kommissare, die auch noch im Team funktionieren sollen (Dortmund).

Der gegenseitige „Tatort“-Amtshilfebesuch der Kölner und Leipziger Kommissare wurde vor einiger Zeit als furchtbar kreativ verkauft, wobei so etwas zur Einführung neuer „CSI“-Ableger in den Vereinigten Staaten schon vor Jahren gang und gäbe war.

Nun also eine weitere Premiere. Am heutigen und am kommenden Sonntag ermittelt im NDR-„Tatort“ LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler wie gewohnt als einsame Wölfin von Hannover) in ihrem zwanzigsten Fall in einer Doppelfolge. Zwei Filme, zwei Sonntage, ein Fall. Zwei abgeschlossene Geschichten, aber eine erzählerische Tiefenbohrung in den Filz von organisierter Rockerkriminalität, Wirtschaftsgebaren, Käuflichkeit der Politik und menschenverachtendem Wareneinsatz von Zwangsprostituierten, wie sie in einmal neunzig Minuten nicht möglich wäre.

Jagd auf die Hintermänner

Man braucht nicht beide Folgen zu sehen, um die Handlung zu verstehen, wenngleich die zweite Folge auf umständliche Wiederholungen zu Beginn verzichtet. Dramaturgisch recht geschickt, gibt der Drehbuchautor Stefan Dähnert Charlotte Lindholm auf, die neu hinzugezogene Ermittlerin Carla Prinz (Alessija Lause) mit Ergebnisbröckchen des ersten Teils zu versorgen.

Tatort: Wegwerfmädchen © NDR/Gordon Muehle Vergrößern Staatsanwalt von Braun (André Hennicke) mit Uwe Koschnik (Robert Gallinowski, Mitte), dem Chef der Rockergang, und seinem Kumpel (Fred Gantenberg)

Während es in „Wegwerfmädchen“ vor allem um den Mord an einer osteuropäischen Zwangsprostituierten geht, die bei einem geheimen Herrenabend durch schwere sexuelle Misshandlung getötet und dann im Plastiksack entsorgt wurde, ist Lindholm in „Das goldene Band“ auf die Hintermänner aus, vor allem auf die Herren der besseren Hannoveraner Gesellschaft, die sich, um ihren Einfluss auf die Wohnungsbaupolitik zu feiern, zehn Frauen bei der Rockergang von Uwe Koschnik (glaubwürdig: Robert Gallinowski) bestellt hatten.

Um Käuflichkeit geht es, um die Reduktion von Frauen auf ihren sexuellen Gebrauchswert und um das Menschenbild von „Leistungsträgern“ der Gesellschaft, die sich hier besonders in der Versicherungsbranche finden. Wer Menschen als Mittel betrachtet und stets nach deren „Nutzen“ fragt - so die plausible Suggestion des Drehbuchs -, tut das beruflich wie privat.

Freie Nacherzählung der Budapester Sex-Sause

In seinen - natürlich fiktiven - Anspielungen auf tatsächliche Vorgänge und Typen (Ergo-Versicherungsskandal, VW-Betriebsratsvorgänge, Maschmeyer, Wulff) ist dieser „Tatort“ richtig gut. Vor allem Bernhard Schir als Immobilientycoon Hajo Kaiser (eine Brechung des weiland vertrauenerweckenden „Herrn Kaiser“ von der Hamburg-Mannheimer) verleiht dem zweiten Teil Glanz.

Denn auch wenn „Das goldene Band“ vor allem eine dramaturgisch gesteigerte, freie Nacherzählung der Budapester Sex-Sause sein will, mit der die Ergo-Versicherung 2007 ihre hundert besten Verkäufer verwöhnt hatte, macht Schir als Kaiser, besonders in seiner charismatischen, dabei rhetorisch einfach gestrickten Mobilisierungsrede vor Mitarbeitern deutlich, wie Leute ticken, die meinen, sie seien nicht den Gesetzen (des wirtschaftlichen Erfolgs) unterworfen, sondern machten diese.

Tatort: Wegwerfmädchen © NDR/Gordon Muehle Vergrößern Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) auf Spurensuche im Müll

Die Figur Kaisers trägt Züge, wie wir sie in der Autobiographie des AWD-Gründers Carsten Maschmeyer aufgeschrieben finden. Im Film geht es um einen „Selfmade“-Millionär, der nicht nur Vermögen anhäuft, sondern auch die Regeln bestimmt, nach denen in den wichtigen Netzwerken, die er sich schafft, gespielt wird.

Verschiedenfarbige Bändchen

Besonders entrüstet, sagt Maria Furtwängler im „Spiegel“-Interview, sei sie gewesen, als sie von der Kategorisierung der Budapester Prostituierten auf der Ergo-Party durch verschiedenfarbige Bändchen am Handgelenk erfahren habe. Frauen mit weißem Bändchen, hieß es, seien für den Vorstand und besondere Gäste „reserviert“ gewesen. Durch Stempel auf dem Unterarm, wurde in eidesstattlichen Versicherungen versichert, habe man markiert, wie oft die Damen „frequentiert“ worden seien.

In „Wegwerfmädchen“ und „Das goldene Band“ wird dieser Teil der Geschichte mit emotionalisierenden Mitteln erzählt (Regie: Franziska Meletzky, Kamera: Eeva Fleig). Die Kindfrauen sind wunderschön und schrecklich eingeschüchtert. Eher plakativ allerdings wirkt die Einstellung, in der sich die Zwangsprostituierte Larissa Pantschuk (Emilia Schüle), in den Fetzen eines Barockkostüms steckend, aus einem Müllberg in der Verbrennungsanlage herauskämpft.

Tatort: Wegwerfmädchen © NDR/Gordon Muehle Vergrößern Larissa (Emilia Schüle) betrachtet ihre Verletzungen im Waschraum des Kaufhauses

Auch die Figur des investigativen Journalisten Jan Liebermann (Benjamin Sadler), der auch noch Charlotte Lindholms komplizierter „love interest“ sein muss und als Kaisers Biograph in ungute Nähe zu den Mächtigen und Korrupten gerät, ist eher unterkomplex.

Mehr zum Thema

Wie man solche Geschichten interessanter und tiefgründiger inszenieren kann, wie man die „Guten“ mit erkenntnisfördernden Widerhaken zeigt, kann sich dieser „Tatort“ bei Dominik Grafs Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ (von der man sich unzweifelhaft hat inspirieren lassen) und seinem Spielfilm „Das unsichtbare Mädchen“ ansehen.

Es ist schon bedauerlich bei einer solchen Vorlage, inmitten einer klug angelegten Handlung eine einsame Heldin zu sehen, die überpointiert spröde daherkommt, niemandem vertraut, keine Schwächen zeigt und im Hang zum Melodramatischen ihre Liebe dem Beruf opfert. Dadurch bekommt dieser Doppel-„Tatort“ eine erzählerische Unwucht, die einen sehr gut gemeinten von einem sehr guten Film unterscheidet.

Die zweite „Tatort“-Episode „Das goldene Band“ läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.

 
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