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WDR-Reporter überrumpelt : Stell dir vor, das russische Staatsfernsehen kommt

Skepsis ist angebracht, noch mehr Skepsis wäre besser gewesen: Hajo Seppelt sitzt Olga Skabejewa gegenüber. Bild: F.A.Z.

Der Journalist Hajo Seppelt hat entscheidend dazu beigetragen, dass ans Licht kam, wie systematisch in Russland gedopt wird. Jetzt bekam er Besuch von Putins Rundfunk. Und erlebte sein blaues Wunder.

          Hajo Seppelt hätte es ahnen können. Sollten am kommenden Freitag Russlands Athleten von den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen werden, läge das auch an Enthüllungen des WDR-Journalisten. Er befasst sich seit Jahren mit dem Thema Doping, in seinem jüngsten Beitrag wird Sportminister Witalij Mutko persönlich belastet. In Moskau werden solche Berichte als Teil einer Verschwörung des Westens dargestellt, mit dem Ziel, die große Nation zu schwächen, die sich gerade, Wladimir Putin sei Dank, „von den Knien“ erhebe. Wer das Bild stört und zeigt, wie es wirklich aussieht, wird selbst zum Ziel, gleichviel, ob es um sportliche Weltgeltung oder im Krieg gefallene und heimlich bestattete Soldaten geht. Nun hat es Hajo Seppelt getroffen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Aus russischer Sicht erscheint es folgerichtig, dass Olga Skabejewa zum Interview mit ihm nach Köln reiste. Sie ist eine der schärfsten Stimmen im Chor von Dmitrij Kisseljow, der sonntagabends in den „Nachrichten der Woche“ den vom Kreml gewünschten Blick auf die Welt vermittelt und die Staatsmedienagentur Rossija Sewodnja (Russland heute) leitet. Skabejewa hat eine steile Karriere gemacht. Sie hat Oppositionelle und Ukrainer verleumdet; sie ist mit einem weiteren Mitarbeiter des Staatsfernsehens verheiratet, Jewgenij Popow, der sich als „Sonderkorrespondent“ denselben Aufgaben widmet.

          Staatsfeind Nummer eins?

          Dass Skabejewa nun Hajo Seppelt anging, der unvorsichtig genug war, dem Interview zuzustimmen, adelt ihn zum russischen Staatsfeind und zeigt, wie ernst der Kreml den drohenden Ausschluss seiner Athleten von den Spielen nimmt: Die russische Öffentlichkeit soll darauf mit einer Mischung aus Diffamierung des Enthüllers, Seppelt, und den üblichen Verschwörungstheorien von finsteren westlichen Mächten vorbereitet werden, die Russland Böses wollten. Glück für Skabejewa und Glück für das Staatsfernsehen, dass Hajo Seppelt auf den Überfall so reagierte, wie man es für vermeintlich aussagekräftige Bilder brauchte. Ihm platzte der Kragen.

          Die Sache wird persönlich, aber das war sie von Beginn an.

          Einige „grundsätzliche, präzisierende Fragen“ habe Skabejewa Seppelt stellen wollen, sagte der Sprecher der Abendnachrichten am Donnerstag. Die Kamera folgte der mit einem roten Kleid angetanen, mit züchtigem Haarkranz versehenen jungen Frau in ein Kölner Hotel. Skabejewas Stimme sagt zu den Bildern, es sei nicht nur die „Sternstunde internationalen Ruhms“ für Seppelt, die ARD miete ihrem „Triumphator“ auch ein Hotelzimmer für Interviews. Russische Zuschauer verstehen den sarkastischen Tonfall: So gut geht es einem westlichen Journalisten, der uns schlechtmacht, soll das heißen. Bilder zeigen Seppelt, dann eine Espressomaschine und einen Wasserkocher. „Anrufe alle dreißig Sekunden“, sagt Skabejewa. Sie fragt zuerst, warum Seppelt Sportminister Witalij Mutko „Minister Putins“ nennt, worauf der WDR-Mann auf Verbindungen zum Präsidenten hinweist. Dann sagt die Sprecherin zu Bildern der beiden im Hotelzimmer, Seppelt werfe Russland allerlei vor, ohne Beweise vorzulegen. „Könnten Sie nicht einmal dieses Material zeigen?“ Er habe es gerade nicht dabei, sagt Seppelt. Dann heißt es – wieder aus dem Off – Seppelt glaube offenbar, „dass er die Welt vor dem russischen Sport rettet“. Frage der Besucherin: „Und Sie wurden nie bezahlt für Ihre Arbeit in Ihrer Karriere?“ Soll heißen: Haben Sie Geld von westlichen Diensten für ihre russlandfeindlichen Berichte erhalten? Seppelt schüttelt den Kopf. „Niemals.“ Er sei nicht Agent, sondern Journalist. Die Sprecherin sagt, Seppelt habe mit „Herrn Mutko eine persönliche Rechnung offen“, der Minister solle zurücktreten, als „Bestrafung“.

          Die Stimmung kippt vollends, als Skabejewa laut Übersetzung sagt, Seppelt stütze sich auf „irgendwelche Mitschnitte, die Sie nie zeigen“. Seppelt weist die Besucherin darauf hin, dass in ihrer Identifikation mit dem Berichtsgegenstand das Problem liege: Sie als „Journalistin“ solle Distanz haben. „Ich versuche ein Freund meines Landes zu sein“, sagt Skabejewa, deren Chef Kisseljow zur Gründung von Rossija Sewodnja vor zweieinhalb Jahren sagte, Russland brauche nicht Objektivität, sondern Liebe. „Warum? Sie müssen nicht Freund Ihres Landes sein“, so Seppelt. „Warum nicht?“ „Weil Sie Journalistin sind, Sie müssen unabhängig sein. Sie verstehen Ihre Aufgabe als Journalistin nicht.“

          Die nächsten Bilder zeigen, wie Seppelt etwas in den Flur vor der Zimmertür wirft . Irgendetwas muss passiert sein. Unklar bleibt, was, die Sprecherin sagt, Seppelt sei „in Wut geraten, das ist auf diesem Bild gut zu erkennen“. Der Sportjournalist trägt ein Kamerastativ zur Tür. Er fordere „aus irgendeinem Grund, das ganze Material zu löschen“, sagt die Sprecherin. Im nächsten Bild sitzt Seppelt wieder Skabejewa gegenüber, laut Übersetzer sagt er: „Olga, das ergibt keinen Sinn, Sie verstehen nicht, dass Sie nicht auf Ihr Land stolz sein müssen. Das Interview ist zu Ende.“ Dann beginne eine „offene Beleidigung“, so die Sprecherin. Skabejewa fragt Seppelt, warum er so aggressiv sei, er sagt, hört man auf Englisch, weil sie „blöd“ sei. Seppelt wirft den Besuchern vor, zu schummeln und korrupt zu sein. Skabejewa fordert ihn auf, zuzugeben, dass er vorgehabt habe, eine Geschichte darüber zu machen, „wie schrecklich Putin ist, sagen Sie es ehrlich, Sie wollten erzählen, dass Russland schlecht ist“.

          Jetzt reicht es: Hajo Seppelt ruft die Polizei.

          Dass westliche Medien das Land und seinen Führer dämonisierten, ist ein Leitmotiv der Kommunikation des Kremls und seiner Adepten. Laut Übersetzer antwortet Seppelt sarkastisch: „Ihr seid die Opfer der ganzen Welt, so unglücklich, ihr leidet, die ganze Welt ist gegen euch, mein Gott, mein Gott, geht bitte, ich kann diesen Quatsch nicht mehr anhören.“ Dazu sieht man eine geschlossene Tür; es folgen Bilder aus dem Zimmer, die vorher schon einmal gezeigt wurden. Seppelt habe gedroht, die Polizei zu rufen, das gedrehte Material an sich zu nehmen oder die Kamera zu zerstören, sagt die Sprecherin. Schnitt, Bilder aus dem Treppenhaus: Skabejewa fordert Seppelt auf, ihre Handtasche holen zu dürfen. Seppelt verbietet dem Kameramann, weiterzudrehen, Skabejewa stöhnt wie entsetzt auf. Es folgen Bilder von der Straße. Skabejewa sagt: „Sie sehen jetzt, wie uns Hajo Seppelt weiterverfolgt, in seinen Händen ein Mikrofon des Fernsehsenders Rossija, das er aus irgendeinem Grund uns nicht zurückgeben will.“ Es handelt sich freilich nicht um das Mikrofon, sondern um den Überzug in den Farben des Senders, die der Trikolore Russlands entsprechen. Seppelt ruft die Polizei. Das könne er tun, sagt Skabejewa, sie werde von der „Bedrohung“ berichten. „Seppelt verfolgt uns und nicht umgekehrt“, sagt sie in die Kamera. So also sahen die Jagdszenen für russische Zuschauer aus und Gennadij Sjuganow, der Vorsitzende der russischen Kommunisten, ordnete es auch gleich ein: Hajo Seppelt habe sich gegenüber Skabejewa auf „faschistische Weise“ benommen.

          Aus Sicht des Überfallenen gestaltet sich die Sache anders. Noch am Mittwoch hatte Hajo Seppelt in seiner vierten Doping-Dokumentation zu den Verhältnissen im russischen Sport berichtet. Dabei ging es nicht nur um Doping in der Leichtathletik, sondern auch im Fußball, um belastete Trainer, die heimlich weiterarbeiten und um besagten Sportminister Witalij Mutko, der höchstpersönlich an der Vertuschung eines Dopingfalls bei dem Verein FK Krasnodar beteiligt gewesen sei. Mutko ist Mitglied des Exekutivkomitees der Fifa und verantwortlich für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland.

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          Das russische Staatsfernsehen hatte also allen Grund, dem WDR-Rechercheur Seppelt auf die Pelle zu rücken, der das Drehteam in einem Hotelzimmer empfing. Das Interview habe ganz normal begonnen, sagt Hajo Seppelt im Gespräch mit dieser Zeitung, nach fünfzehn, zwanzig Minuten habe er jedoch festgestellt, dass die Fragen immer eigentümlicher und zu Beschuldigungen wurden. Irgendwann habe er gemerkt, dass es nur darum ging, zu provozieren, das Team filmte immer weiter, nicht nur ihn und die Interviewerin, sondern auch im Schlafzimmer. Er habe das mehrfach untersagt und das Gespräch schließlich beendet, das Band gefordert und vom Drehteam verlangt, sein Appartement zu verlassen. Die Crew sei aber einfach nicht gegangen und habe weitergefilmt, nach einer halben Stunde habe er Olga Skabejewa hinaus expediert. Er habe die Security des Hotels gerufen, doch auch im Treppenhaus und auf der Straße habe sich der Tumult fortgesetzt, bis er die Polizei rief und die Crew des russischen Staatsfernsehens geflüchtet sei.

          „Es ging gar nicht um die Sache“

          Er müsse sich, sagt Seppelt, „den Vorwurf machen, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, dass das Gespräch provozieren sollte und es eigentlich gar nicht um die Sache ging. Dass mir der Kragen geplatzt ist, nachdem ich eine halbe Stunde vergeblich darum gebeten habe, das Hotelappartement zu verlassen, war vielleicht nicht die feine Art, aber menschlich vielleicht nachvollziehbar. Und für mich in dem Moment alternativlos. Mir war auch nicht klar, dass nach meiner Aufforderung, die Kamera auszuschalten, weiterhin gefilmt wurde, auch in meinem Schlafzimmer. Ich habe viel Erfahrung mit Interviews weltweit, aber ich hatte noch nicht die Erfahrung, was es heißt, wenn das russische Staatsfernsehen kommt.“

          Die Tatsache, dass das Team des russischen Staatsfernsehens so aufgetreten und bis in seinen intimsten Bereich vorgedrungen sei, sagte Seppelt, „zeigt mir persönlich, dass es offenbar darum ging, meine Arbeit zu diskreditieren. Es beweist mir, wie unglaublich wichtig das Thema eines staatlichen Dopingsystems für Russland zu sein scheint.“ Es könne sein, dass Russlands Leichtathleten am 17. Juni vom Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Er habe „den Eindruck, als sollten die Whistleblower Julia und Witali Stepanow und ich jetzt zu Staatsfeinden stilisiert werden, damit man jemanden hat, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann, wenn Russland tatsächlich ausgeschlossen wird. Wenn auch der Kreml-Sprecher sich dazu äußert, zeigt das, welchen Rang das Thema hat. Es wird als Angriff auf den Kreml ausgelegt. Wir haben mit unserem Film offensichtlich den schlimmsten Nerv getroffen.“ Diesen Eindruck dürfte der Auftritt von Olga Skabejewa für das russische Staatsfernsehen unterstrichen haben.

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