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Arte-Doku über Zugvögel : Der frühe Vogel hält den Kurs

  • -Aktualisiert am

Stare interessiert der Petersdom in Rom wenig. Ihr Ziel ist das Vogelparadies. Bild: © Peter Thompson/Sebastian Meien

Dokumentationen über Zugvögel hatten wir schon. Allerdings nicht aus der Perspektive der Macher von „Deutschland von oben“: Sie zeigen, wie der Mensch die Tour der Vögel zur Reise ohne Wiederkehr macht.

          Sobald die warmen Sommertage vorbei sind, zieht es Gänse, Störche und Singvögel in den Süden. Jedes Jahr aufs Neue nehmen sie die wochenlange, mühselige Reise auf sich, obwohl sie von den Gefahren auf ihren Routen wissen. Von zwanzig Milliarden Singvögeln weltweit kehrt nur die Hälfte im Frühling zurück. Warum also tun sie das, wenn es doch für einige Vögel auch hier genug Nahrung gibt? Was erleben sie auf ihrem Weg in das entfernte Tansania? Und was haben wir Menschen damit zu tun?

          Die Macher von „Deutschland von oben“, Freddie Röckenhaus und Petra Höfer, haben die Reise der Vögel in die Winterreviere begleitet, um diesen Fragen in der Dokumentation „Zugvögel“ nachzugehen. Sie zeigen aus nächster Nähe, wie sich Zugvögel auf ihrer Reise verhalten, und erklären daran, wie die moderne Umwelt mit den Instinkten der Vögel zusammenhängt. Kleine Sensoren auf den Rücken der Tiere sammeln pro Sekunde hundert Daten von der Fluggeschwindigkeit bis zur Herzfrequenz, um verschiedene Charaktere einzelner Tiere, aber auch ganzer Vogelschwärme zu porträtieren. Die Daten werden in Grafiken und Animationen faszinierend visualisiert. Leuchtende Streifen auf dreidimensionalen Karten zeigen die verschiedenen Flugrouten an, aber auch, wo die Zugvögel rasten. Die beeindruckenden Bilder des neuseeländischen Kameramanns Peter Thompson unterstützen die Erklärungen für Flugpausen, Umwege und Abstürze.

          Der Mensch ist das gefährlichere Raubtier

          Am Beispiel vom Jungstorch Borni, der zum ersten Mal vom Rhein über die Meerenge von Gibraltar bis nach Tansania fliegt, kann zwar nicht gezeigt werden, warum Vögel in den Süden ziehen, aber sehr genau, dass es angeborene Instinkte für genau diese Reise gibt. Doch die Dokumentation leistet mehr, als nur eine Reise in den Winterurlaub abzubilden. Sie wird, wenn auch subtil, kritisch, wenn es darum geht, dass selbst die Kommunikation unter Störchen nicht vor den Gefahren der modernen menschlichen Welt schützen kann. An ungesicherten Stromleitungen in Südfrankreich oder giftigen Mülldeponien in Katalonien, die auf Tiere wie ein Nahrungsparadies wirken, stirbt jährlich ein Drittel der Störche. Russische Jäger schießen mit Tricks und Tarnung an den Grenzen der Naturschutzgesetze unzählige Gänse. Die wenigsten Zugvögel werden von natürlichen Räubern getötet, denn gegen diese wissen sich die meisten Vogelarten zu verteidigen.

          „Zugvögel“ bekommt aber auch Witz, wenn es Zootiere begleitet, die vor dem Aussterben bewahrt wurden und nun von Menschen auf die Reise vorbereitet werden. Die Dokumentation zeigt an diesen Stellen, was Waldrappen aus Deutschland erst von den Eltern lernen müssen und wie einfallsreich die menschlichen Leiheltern werden, um die Vögel zum Fliegen zu animieren.

          Worauf Röckenhaus’ und Höfers Dokumentation sich stützt, sind Informationen aus neuen leichten Senderprototypen. Sie liefern Daten, die Rückschlüsse auf die Umwelt der Tiere zulassen. Ornithologen wissen, dass Vögel ihr Verhalten nur anpassen, wenn es Gründe dafür gibt. Das Wissen um solche Veränderungen hilft Wissenschaftlern, Prognosen über Wetter, Klimawandel und Katastrophen zu treffen. Wie bei Nils Holgersson soll die Welt auf dem Rücken der Zugvögel vermessen werden. In „Zugvögel“ wird uns mit ruhiger Stimme die Vogelwelt aus imposanten Perspektiven erklärt. Doch, wenn wir uns besinnen, auch, was wir mit dem bunten Singvogel auf dem kleinen Ast in unserem Garten gemeinsam haben.

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