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Dokumentation „Das Blut der Welt“ : Am Beginn des Endes

Überall auf der Welt werden Energievorräte genutzt: so auch in den Ölförderanlagen bei Baku (Aserbaidschan) Bild: dpa

Ein Atem raubender Tour d'Horizon: In einer zweiteiligen Fernsehdokumentation schildern Stefan Aust und Claus Richter den strategischen Kampf um die Energiereserven der Erde.

          Stefan Aust und Claus Richter bitten die Zuschauer des ZDF an diesem Mittwoch und am Donnerstag zu einem Tour de Force. Es geht um „Das Blut der Welt“. Das Blut, von dem hier etwas reißerisch die Rede ist, sind die Betriebsstoffe der Zivilisation, die den „Fortschritt geschmiert“ haben, das sind Öl und Erdgas und deren Vorräte, um die Kriege geführt worden sind und um die ein internationaler Wettlauf im Gange ist zwischen den Nationen, deren Vorkommen den eigenen Bedarf nicht decken können.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Diesen Wettlauf in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht vollziehen Aust und Richter nach, sie bringen es auf einige zehntausend Kilometer, vom Nahen Osten bis nach Sibirien, von Alaska bis nach Feuerland und die Antarktis. Sie zeigen, mit welchen Methoden die letzten Vorräte angezapft werden, sei es tausend Meter unter dem Meeresgrund, im Watt vor der deutschen Küste oder in den kanadischen Wäldern. Sie beleuchten sämtliche politischen Aspekte: die Ausbeutung Afrikas, den Vormarsch der Chinesen, die Abhängigkeit Europas von Russland. Und sie zeigen den Preis, den der Kampf um Öl und Erdgas fordert: Das sind Mondlandschaften in den russischen Weiten wie in Kanada, wo ganz Alberta umgepflügt wird, um den letzten Tropfen Öl aus der Erde zu pressen.

          Selbst das Holz muss in Russland besorgt werden

          Wie bei Aust und Richter üblich, gibt es alles in einem: die Beschreibung der Gegenwart, den Blick in die Zukunft und den Rückgriff auf die Geschichte. Neben die aktuellen Bilder treten die Funde aus dem Archiv. Am beeindruckendsten zu sehen ist, wie die Rohstoffsuche ganze Länder verändert und die geostrategische Lage bestimmt. In Aust und Richters Worten: „Die Macht über die Energie bestimmt die Rangfolge in der Welt.“

          Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, der heute die Interessen eines halbstaatlichen russischen Energiekonzerns vertritt, wiegt die Deutschen in Sicherheit: „Das Gas ist sicher“, könnte man in Abwandlung des legendären Rentenspruchs von Norbert Blüm sagen. Bei Wladimir Putin hingegen blitzt das Selbstbewusstsein desjenigen auf, der an der Quelle sitzt, wenn er fragt: „Womit wollt ihr eigentlich heizen? Mit Holz?“ Selbst dass müssten sich die Europäer, die Deutschen insbesondere, in Russland besorgen.

          Es muss nicht das Ende der Natur bedeuten

          Ganz nebenbei erklären Aust und Richter bei dieser Gelegenheit, warum Putins Regierung dem ehemaligen Ölmagnaten Chodorkowskij den Garaus gemacht hat: Russlands Energiepotential in der Hand eines privaten Oligarchen, dass musste die Nomenklatura als Angriff auf den Staat verstehen. „Beim Öl hört die Demokratie auf“, lautet der Kommentar aus dem Off lapidar. Es folgt der Hinweis auf die gerade in Betrieb genommene Ostsee-Pipeline: „Seit dem 8. November fließt das russische Gas nach Deutschland.“ Was das bedeutet, kann sich jeder denken.

          Doch wie weit sind wir eigentlich beim Verbrauch der Energiereserven der Erde? Wann gehen sie zur Neige? Wie viel Zeit bleibt, um Öl und Gas durch neue Energieformen - da die Atomkraft keine Perspektive mehr hat - zu ersetzen? Der Höhepunkt der Ölförderung sei schon im Jahr 2005 überschritten gewesen, hören wir an einer Stelle, die Ölreserven reichten bis 2050, das Gas noch länger, heißt es an einer anderen. „Wir sind am Beginn des Endes“, sagt eine Expertin. „Wir sind mittendrin“, sagt der Vertreter eines Energiekonzerns. Aust und Richter drücken nur die Hoffnung aus, dass der Kampf um „das Blut der Welt“ nicht das Ende der Natur bedeute. Wir werden sehen.

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