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Dokumentarfilm „Mogadischu“ : Die Wirrköpfe in Stammheim waren unerheblich

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Als Held rehabilitiert: „Landshut”-Kapitän Jürgen Schumann (Thomas Kretschmann) Bild: ARD Degeto/Stephan Rabold

Er hat das Drehbuch zur Neuverfilmung der „Landshut“-Entführung von 1977 geschrieben. Im F.A.Z.-Gespräch äußert sich Maurice Philip Remy über die notwendige Neubewertung der Flugzeugentführung, über deutsche Helden und den Mythos RAF.

          Er hat das Drehbuch zur Neuverfilmung der „Landshut“-Entführung im Jahr 1977 geschrieben. Im F.A.Z.-Gespräch äußert sich Maurice Philip Remy über die notwendige Neubewertung der Flugzeugentführung, über deutsche Helden und den Mythos RAF.

          Vor elf Jahren hat Heinrich Breloer die Entführung der „Landshut“ in seinem Doku-Drama „Todesspiel“ ins Fernsehen gebracht. Warum haben Sie sich entschieden, die Geschichte noch einmal zu verfilmen?

          Schon Anfang der Neunziger habe ich davon geträumt, daraus einen Spielfilm zu machen, und begonnen, ernsthaft zu recherchieren. Aber dann kam Breloer, zum 20. Jahrestag 1997. Das ist so outstanding gewesen, da war klar, das Thema ist erst mal tot. Aber vor etwa fünf Jahren erwachte meine Neugier wieder. Irgendwie hatte ich das Gefühl: Breloer hat das Thema noch nicht abschließend bearbeitet. Mir hat schon bei der Ausstrahlung die Fixierung auf die RAF nicht gefallen. Die Generation vor mir hat aus der Motivation der Täter und aus dem Mythos RAF immer auch einen Teil ihrer eigenen Identität abgeleitet. Das war mir fremd. Ich war und bin an den Opfern interessiert, mehr als an den Tätern. Und das unterscheidet unseren Film von allem, was bisher da war. Diese radikale Sicht, zu sagen: Es geht um die Entführung einer deutschen Passagiermaschine durch palästinensische Terroristen, es geht um die Geiseln in der Maschine - nicht um die RAF.

          Maurice Philip Remy schrieb sein erstes Spielfilmdrehbuch

          Auch wenn es Ihnen um die Opfer geht: Ist es denn sachdienlich, den Kontext „Stammheim“ ganz auszublenden? Es war ja nicht irgendeine Flugzeugentführung.

          Nein, aber ich glaube, dass der Kontext einseitig hergestellt worden ist. Bisher wurde immer aus der Sicht der RAF argumentiert. Bei Breloer sitzt Baader in Stammheim wie die Spinne im Netz. Er zieht an den Fäden, bis hin zur Entführung der Maschine. Das ist doch historisch falsch. Ich betrachte auch die Interpretation im „Baader Meinhof Komplex“ kritisch. Im Juni 1976 wird Brigitte Mohnhaupt nach Stammheim verlegt; im Februar 1977 wird sie dann entlassen. Im Film sieht das so aus, als wäre sie in Stammheim von Baader und seinen Mitgefangenen instruiert worden, was zu tun ist. Dann kommt sie raus, übernimmt die Führung der RAF, und schon beginnt das Terrorjahr 1977. Das ist historisch nicht haltbar. Die RAF der zweiten Generation war nach Stockholm nicht mehr handlungsfähig. Die haben sich 1976 überhaupt erst mit Hilfe der palästinensischen Terrororganisation PFLP wieder richtig aufstellen können; in den Terrorlagern der PFLP im Südjemen wurde damals bereits der gesamte Fahrplan für das Terrorjahr 1977 festgelegt.

          Und Sie glauben, der Mythos RAF verhindert, dass man sich mit der größeren Perspektive beschäftigt?

          Das ist genau der Punkt, der mich getrieben hat. Alles war 1976 bis in die Einzelheiten schon geplant. Da musste doch Frau Mohnhaupt nicht mehr aus dem Gefängnis kommen und von Herrn Baader noch irgendeinen Input bringen. Deswegen gefällt mir diese Darstellung nicht - das ist nur der Dramaturgie geschuldet, damit das Ganze wieder bei Baader und seinen Leuten zusammenläuft. Dabei sind diese Wirrköpfe in Stammheim zu dem Zeitpunkt schon völlig unerheblich für die Geschichte.

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