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Dokumentarfilm „Godard trifft Truffaut“ : Sie schlugen sich

Schon entzweit, auch wenn es keiner der beiden merkte: Godard und Truffaut im Jahr 1968 Bild: Mouna

Sie waren zwei der wichtigsten Filmemacher des zwanzigsten Jahrhunderts und gute Freunde. Doch dann kam es zwischen Jean-Luc Godard und François Truffaut zum Bruch. Der Film „Godard trifft Truffaut“ möchte das nicht wahrhaben.

          Die Szene spielt im Mai achtundsechzig. Jean-Luc Godard steht auf der Kinobühne in Cannes und ruft etwas über Solidarität mit den Arbeitern, die Verbrechen des Systems und die Notwendigkeit des Sozialismus in den Saal. Und François Truffaut steht im Hintergrund und schweigt. Es ist der Augenblick der Entzweiung, nur hat es noch keiner der beiden gemerkt. Truffaut will kein politisches Kino machen, wie es Godard vorschwebt, er will das Kino zu sich selbst befreien, statt ihm, wie Godard, fremde Zwecke aufzubürden. Er will durch Geschichten zu den Menschen sprechen, nicht durch Sinnbilder, Texttafeln und redende Köpfe.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Erst sechs Jahre später bricht dieser Gegensatz offen aus, nachdem Truffaut „Die amerikanische Nacht“ gedreht hat, den Film, der ihm den Oscar einbringen wird. Und wieder ist es Godard, der als Erster das Wort ergreift. Er beschimpft Truffaut als Lügner und als Hure der Filmindustrie, und diesmal schießt Truffaut zurück: „Scheißtyp, Bluffer, Lackaffe“ nennt er den einstigen Gefährten, jetzt das „Arschloch auf seinem Sockel“. Es sind keine gezielten Beleidigungen, eher Notschreie eines Gekränkten, Epitaphe einer Freundschaft, die nicht mehr zu heilen ist.

          Der Webfehler von Emmanuel Laurents Dokumentarfilm „Deux de la Vague“, dem der deutsche Verleih den krachenden Titel „Godard trifft Truffaut“ verpasst hat, besteht darin, dass er dies alles im Grunde nicht wahrhaben will. Laurent, so scheint es, hält den Krach zwischen Godard und Truffaut für einen Fehltritt der Geschichte, eine Panne, die bei besserer Führung zu vermeiden gewesen wäre.

          Hier waren sie noch Freunde: Jean-Luc Godard und François Truffaut lachend in einer Bar
          Hier waren sie noch Freunde: Jean-Luc Godard und François Truffaut lachend in einer Bar : Bild: Mouna

          Beschwörung der Erfolge

          Deshalb verlegt er ihn ans Ende seiner Dokumentation und handelt die letzten zehn Jahre bis zu Truffauts frühem Tod 1984 in Kurzform ab - als wären Truffauts späte Filme nicht auch eine Form der Trauerarbeit um den verlorenen Freundesbund gewesen und als hätte Godard nicht 1990 ein rührendes Vorwort zu Truffauts Briefen geschrieben, in dem er das Schicksal der Nouvelle Vague in drei Worten zusammenfasste: „Saturn verschlang uns.“ Alles war unvermeidlich, heißt das, die Trennung, die Feindschaft und der Schmerz; wir waren die Kinder unserer Zeit, und wir wurden von ihr gefressen.

          Emmanuel Laurents Film aber kann den Blick nicht von den Anfängen der Bewegung abwenden, von Truffauts Triumph mit „Sie küssten und sie schlugen ihn“ 1959 in Cannes und, ein Jahr später, dem Beginn einer neuen Kinosprache mit Godards „Außer Atem“ nach einem Drehbuch von Truffaut. Laurent lässt alle Unterschiede zwischen den beiden - selbst die Jahre in den Redaktionsräumen der „Cahiers du Cinéma“, als Truffaut noch der Würgeengel des Qualitätskinos war und Godard schon der clevere Ideologe des Autorenfilms - in der Beschwörung ihrer Erfolge untergehen.

          Dabei gibt es für die Gemeinschaft des Großbürgersohns aus Genf und des Kleinbürgerkindes aus Paris kein Bild, außer ebenden Filmbildern von „Außer Atem“, die in ihrer freibeuterischen Schönheit und Rücksichtslosigkeit zugleich so unendlich weit entfernt sind von allem, was Truffaut je gedreht hat. Umso lauter reden die Bilder der Entzweiung, vor und nach achtundsechzig, im Kino wie im Leben, und sie haben recht. Dass er diese Bilder nicht zum Sprechen gebracht hat, ist der kleinliche Zug dieses groß gedachten, liebevoll nostalgischen Films.

          Quelle: F.A.Z.

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