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Dokudrama zu Konrad Adenauer : Er war der Chef von dem ganzen Verein

Die Rolle seines Lebens: Joachim Bißmeier spielt Konrad Adenauer Bild: SWR

Bei Arte und im Ersten läuft ein außergewöhnlich gutes Dokudrama über Konrad Adenauer, den ersten Kanzler der Bundesrepublik. Nur ein Aspekt fehlt, der in Europas Krise aber besonders auffällt.

          Soll aus der Gefahr, in der sich Europa befindet, auch das Rettende wachsen, müsste Konrad Adenauer der Mann der Stunde, müsste sein Vermächtnis Verpflichtung sein. „Er hat dem souveränen Nationalstaat“, bilanzierte der damalige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier im April 1967, „so entschieden abgesagt, dass eine Rückkehr zu ihm in Deutschland nur noch als Folge einer völligen Verzweiflung an der Verwirklichung der europäischen Gemeinschaft ... denkbar ist.“

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Montanunion von 1951, ein Zweckbündnis für den zollfreien Zugang zu Kohle und Stahl, mag heute bescheiden anmuten. Im Rückblick hat sie deren Mitarchitekt Adenauer als bedeutenden Schritt zur Integration, viel mehr aber noch als den Beginn einer neuen Welterfahrung gedeutet: „Ich war überzeugt“, notierte er in seinen „Erinnerungen“, „dass sie die Europäer aus der Enge ihres nationalstaatlichen Lebens herausführen würde in die Weite des europäischen Raumes, die dem Leben des einzelnen einen größeren und reicheren Sinn geben würde.“

          Vergleichbar mit den Höhepunkten des Genres

          Was die Europäische Union nun dringend brauche, hat Ulrich Wilhelm jüngst betont, sei „eine Rückbesinnung auf die Kraft ihrer Anfänge“. Konrad Adenauer war eine der elementaren Anfangskräfte im Nachkriegs-Europa. Es wäre nicht nur politisch fatal, sondern auch ein schreckliches Verkleinern und Verarmen des reichen Sinns, wenn das inzwischen ja wieder Denkbare - das Ende Europas aus Verzweiflung über es - auch Realität gewönne.

          Es bleibt keineswegs alles, wie es ist: Adenauer (Joachim Bißmeier) und seine Frau Gussie (Carolina Vera) am Vorabend von Hitlers Machtergreifung

          Ein handwerklich wie ästhetisch überzeugendes, über weite Strecken faszinierendes Dokudrama ist heute Abend bei Arte und am kommenden Sonntag dann im Ersten zu sehen. „Konrad Adenauer - Stunden der Entscheidung“ muss sich hinter vergleichbaren Höhepunkten der Gattung, etwa Heinrich Breloers „Wehner - Die unerzählte Geschichte“ von 1993 oder Thomas Schadts „Der Mann aus der Pfalz“ (2009), keineswegs verstecken.

          Der Drehbuchautor Werner Biermann und der Regisseur Stefan Schneider, beide zur ersten Nachkriegsgeneration gehörend, erfüllen die tückischen, also schwer einzulösenden Ansprüche des hybriden Genres nahezu perfekt. Sie vermeiden den bebilderten Schulfunk ebenso wie das schillernde Histotainment, sie zeigen ihre Hauptfigur ohne jede hagiographische Verbeugung, dafür mit aufgeklärter Sympathie. Der größte Fehler ihres Films ist, dass er nach neunzig Minuten endet.

          Das dokumentarische Material

          Zurück in die dreißiger Jahre reichen die Wochenschaubilder. Sie sind, wie die dokumentarischen Szenen aus den Fernseharchiven der späten Fünfziger bis in die zweite Hälfte der Sechziger, klug ausgewählt, kombiniert und komponiert. Obwohl man nicht weniges von diesem Material aus anderen Zusammenhängen kennt, wirkt es, konzentriert um und auf Adenauer, so informativ wie illustrativ, also erhellend.

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