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Dienstag, 18. Juni 2013
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Dokudrama zu Konrad Adenauer Er war der Chef von dem ganzen Verein

 ·  Bei Arte und im Ersten läuft ein außergewöhnlich gutes Dokudrama über Konrad Adenauer, den ersten Kanzler der Bundesrepublik. Nur ein Aspekt fehlt, der in Europas Krise aber besonders auffällt.

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© SWR Die Rolle seines Lebens: Joachim Bißmeier spielt Konrad Adenauer

Soll aus der Gefahr, in der sich Europa befindet, auch das Rettende wachsen, müsste Konrad Adenauer der Mann der Stunde, müsste sein Vermächtnis Verpflichtung sein. „Er hat dem souveränen Nationalstaat“, bilanzierte der damalige Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier im April 1967, „so entschieden abgesagt, dass eine Rückkehr zu ihm in Deutschland nur noch als Folge einer völligen Verzweiflung an der Verwirklichung der europäischen Gemeinschaft ... denkbar ist.“

Die Montanunion von 1951, ein Zweckbündnis für den zollfreien Zugang zu Kohle und Stahl, mag heute bescheiden anmuten. Im Rückblick hat sie deren Mitarchitekt Adenauer als bedeutenden Schritt zur Integration, viel mehr aber noch als den Beginn einer neuen Welterfahrung gedeutet: „Ich war überzeugt“, notierte er in seinen „Erinnerungen“, „dass sie die Europäer aus der Enge ihres nationalstaatlichen Lebens herausführen würde in die Weite des europäischen Raumes, die dem Leben des einzelnen einen größeren und reicheren Sinn geben würde.“

Vergleichbar mit den Höhepunkten des Genres

Was die Europäische Union nun dringend brauche, hat Ulrich Wilhelm jüngst betont, sei „eine Rückbesinnung auf die Kraft ihrer Anfänge“. Konrad Adenauer war eine der elementaren Anfangskräfte im Nachkriegs-Europa. Es wäre nicht nur politisch fatal, sondern auch ein schreckliches Verkleinern und Verarmen des reichen Sinns, wenn das inzwischen ja wieder Denkbare - das Ende Europas aus Verzweiflung über es - auch Realität gewönne.

Ein handwerklich wie ästhetisch überzeugendes, über weite Strecken faszinierendes Dokudrama ist heute Abend bei Arte und am kommenden Sonntag dann im Ersten zu sehen. „Konrad Adenauer - Stunden der Entscheidung“ muss sich hinter vergleichbaren Höhepunkten der Gattung, etwa Heinrich Breloers „Wehner - Die unerzählte Geschichte“ von 1993 oder Thomas Schadts „Der Mann aus der Pfalz“ (2009), keineswegs verstecken.

Der Drehbuchautor Werner Biermann und der Regisseur Stefan Schneider, beide zur ersten Nachkriegsgeneration gehörend, erfüllen die tückischen, also schwer einzulösenden Ansprüche des hybriden Genres nahezu perfekt. Sie vermeiden den bebilderten Schulfunk ebenso wie das schillernde Histotainment, sie zeigen ihre Hauptfigur ohne jede hagiographische Verbeugung, dafür mit aufgeklärter Sympathie. Der größte Fehler ihres Films ist, dass er nach neunzig Minuten endet.

Das dokumentarische Material

Zurück in die dreißiger Jahre reichen die Wochenschaubilder. Sie sind, wie die dokumentarischen Szenen aus den Fernseharchiven der späten Fünfziger bis in die zweite Hälfte der Sechziger, klug ausgewählt, kombiniert und komponiert. Obwohl man nicht weniges von diesem Material aus anderen Zusammenhängen kennt, wirkt es, konzentriert um und auf Adenauer, so informativ wie illustrativ, also erhellend.

Bis heute - und ganz jenseits von Schuld und Sühne - erschütternd ist die Ansprache eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten vom Oktober 1955 im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen. Mit zehntausend weiteren Kriegsgefangenen war er gerade aus den Lagern der Sowjetunion entlassen worden. Adenauer hatte dies der Kreml-Führung in zähen Verhandlungen abgerungen. Bei der Bundestagswahl 1957 sollte er dafür zum ersten und bisher einzigen Mal in der parlamentarischen Geschichte des Landes mit der absoluten Mehrheit belohnt werden.

Den größtmöglichen Kontrast zu Friedland bildet denn auch eine Wochenschau aus dem triumphalen Wahljahr. Der Kanzler urlaubt von nun an als oberster Repräsentant des Wirtschaftswunders regelmäßig in Cadenabbia am Comer See. Seine Landsleute, die ihrerseits die Badehosen einpacken und mit dem VW-Käfer gen Süden pilgern, macht er mit den Regeln, vor allem aber mit der tieferen Bedeutung des Boccia-Spiels vertraut. Es verlange „ruhige Nerven, ein gutes Auge und die wohlüberlegte Dosierung der körperlichen Kraft“.

Experten und Zeitzeugen

Auch die Experten und Zeitzeugen, die Biermann und Schneider gewonnen haben, überzeugen sehr. Die Auswahl reicht von Adenauers widerborstigem Biographen Henning Köhler bis zu Hermann Kusterer, des Kanzlers Dolmetscher seit 1957. Neben Hannelore Siegel, einer der Sekretärinnen, sind es vor allem die beiden jüngsten Kinder, der nun achtzigjährige Sohn Georg und die 1928 geborene Libet Werhahn-Adenauer, die sowohl anekdotisch als auch (familien-)analytisch brillieren.

Die jüngste Tochter bringt die einstige Rolle des Vaters ganz salopp auf den Punkt: „Er“, sagt sie, „war der Chef von dem ganzen Verein.“ Gemünzt ist das zunächst nur auf die sogenannte Rhöndorfer Konferenz im August 1949, bei der sich Adenauer als ein für den kargen Nachkrieg ungewöhnlich luxuriöser Gastgeber und Villenbesitzer zeigte und die jungen Granden aus CDU und CSU per Überrumpelung dazu brachte, ihn, den Dreiundsiebzigjährigen, zum Kandidaten für die erste Kanzlerschaft der Bundesrepublik zu küren.

Das heutige Diktum der Tochter hat übrigens keiner so sehr bestätigt wie schon 1965 der über alle Maßen wütende Schriftsteller Heinrich Böll. Er rezensierte den ersten Band von Adenauers „Erinnerungen“ in Grund und Boden, sprach von der „Menschenverachtung“, der „Hinterlist“ und der „Niedertracht“ dieses Autors, bekannte aber gleich zu Beginn in ohnmächtigem Zorn: „Er hat die Epoche geprägt, und so leben wir alle nicht in unserer, wir leben in seiner Zeit.“

Böll kommt in diesem Film nicht vor. Dessen Verriss gedruckt hatte übrigens Rudolf Augstein. Er, der Herausgeber des „Spiegels“, besetzt hier die Rolle des Fundamentalkritikers wie des finalen Bewunderers. Augsteins Biograph Peter Merseburger schildert die verschiedenen Stationen im Verhältnis zwischen dem ehernen Kanzler und seinem medialen Widerpart: vom apodiktischen Verdikt „Der Alte muss weg!“ aus dem Jahr 1961 bis zum späten Bekenntnis, er, Adenauer, sei „der größte Politiker“ gewesen, dem er, Augstein, „je begegnet“ sei.

Spielszenen von allererster Güte

Augstein gibt es aber auch als Schauspieler - Johannes Zirner spielt ihn als juvenilen Draufgänger wie als späteren Großjournalisten, dem der widerwillig im Rhöndorfer Ruhestand weilende Kanzler ein quasitestamentarisches „Spiegel“-Gespräch gewährt. Getrost bezweifeln darf man, dass sich die beiden auch im wirklichen Leben so umarmt haben, wie sie es als Filmhelden tun. Aber keinen Zweifel duldet, dass gerade die Spielszenen von allererster Güte sind.

Was sie der Fiktion übereignen, firmiert glaubhaft stets unter der Prämisse, dass es so hätte gewesen sein können. Vom beleuchteten Stopfei, dessen Erfinder der von den Nationalsozialisten als Kölner Oberbürgermeister abgesetzte Adenauer am Ende der dreißiger Jahre wahrhaft war, bis zum für die Fünfziger und Sechziger ganz unvermeidlichen Gummibaum als gestutzter Naturikone fürs spießige Interieur: die Atmosphäre stimmt.

Bis in die Nebenrollen hinein sind die Spielszenen bestens besetzt, wobei Carolina Vera als Adenauers zweite Frau Auguste, genannt Gussie, herausragt, Georg B. Lenzen als umstrittener Kanzleramtschef Hans Globke beamtenhafte Effizienz exerziert - einzig der Franz-Josef Strauß des Bernhard Ulrich wirkt zunächst befremdlich, kommt dann jedoch auch bajuwarisch besser in Fahrt.

Joachim Bißmeiers Lebensrolle

Selbstverständlich steht und fällt der fiktionalisierte Teil mit dem Hauptdarsteller. Weshalb die Vermutung keineswegs übertrieben ist, dass der 1936 geborene, im Theater, beim Film und im Fernsehen hocherfahrene Joachim Bißmeier als Konrad Adenauer die Rolle seines Lebens spielt. Er ist ein Glücksfall - von der hageren Erscheinung bis zum nie imitierenden, deshalb so kunstvoll-authentisch wirkenden Tonfall der Stimme. Sehr reizvoll ist es, die Gesten und die Mimik des realen mit denen des dargestellten Adenauer zu vergleichen - Bißmeier erreicht stets ein überlegenes Unentschieden.

Neunzig Filmminuten können ein mehr als neunzig Jahre währendes Leben nicht einfangen. Biermann und Schneider beginnen ihr Dokudrama am 13. August 1961 und lassen den am Tag des Mauerbaus in Berlin sichtlich unschlüssigen und dann unsensibel reagierenden Kanzler nicht eben gut aussehen: ein diskutabler, kein notwendiger Einstieg. Danach blenden sie zurück auf den 5. Januar 1933, Adenauers siebenundfünfzigsten Geburtstag, wenige Tage vor Hitlers Machtergreifung. Die letzte Szene gilt, fünf Jahre nach der „Spiegel“-Affäre, Augsteins letztem Besuch.

Die Leerstelle Europa

Es ist, bis auf das Luxemburger Abkommen mit Israel im Jahr 1952, das die „Wiedergutmachung“ in einen Vertrag zu fassen versucht, also fast alles da, was Adenauers private und politische Biographie seit 1933 prägte. Aber es gibt eine Leerstelle, die angesichts der Qualität dieses Films im Grunde unerklärlich ist. Die Leerstelle heißt Europa.

Kein Wort, keine Szene dazu, nichts also auch zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft EVG, deren Scheitern Adenauer bis zuletzt als seine größte politische Enttäuschung ansah. Mit dem Verzicht darauf, die europäischen Visionen und die reale europäische Mission zu dokumentieren und zu inszenieren, bringen sich Regie und Drehbuch aber schließlich um den gerade jetzt ganz brennend aktuellen Aspekt von Adenauers Wirken und Werk. Man versteht es nicht.

„Konrad Adenauer - Stunden der Entscheidung“ läuft am 31. Juli um 20.15 Uhr bei Arte und am 5. August um 21.45 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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