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Doku „Wadim“ im Ersten Eine brutale Nacht-und-Nebel-Aktion

 ·  Ein junger Mann, der in Deutschland lebt und das Land liebt. Er wird abgeschoben, kehrt zurück, doch er hat keine Chance: Davon handelt die Dokumentation „Wadim“. Sie bezeugt eine menschenverachtende Abschiebepraxis.

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© NDR/PIER 53 Vergrößern Der Film „Wadim“ lief im Dezember 2011 im NDR-Fernsehen. Jetzt zeigt ihn das Erste. Dafür hat der ARD-Chefredakteur Thomas Baumann gesorgt. Und das mit Recht, denn das Stück von Hauke Wendler und Carsten Rau verdient möglichst viele Zuschauer

Gefällig wirkt der Dokumentarfilm „Wadim“ von Carsten Rau und Hauke Wendler nicht, sondern rissig und spröde wie Lack, der von unserem Sozialstaat blättert. Ob ein so düsterer Film beim Publikum großes Interesse findet, ist fraglich. Deshalb verdient die Entscheidung der ARD-Chefredaktion Anerkennung, „Wadim“ im Ersten auf dem guten Sendeplatz um 22.45 Uhr auszustrahlen. Neunzig Minuten, kommentarlos.

Es geht um das Thema Asyl. In unserem Grundgesetz nahm es mit dem Artikel 16 einen hohen Rang ein. Mit gutem Grund! Millionen Deutsche haben in früheren Jahrhunderten aus bitterer Not oder - insbesondere während der Nazizeit - wegen politischer Verfolgung in anderen Staaten Zuflucht gesucht und auch gefunden.

Was unseren Verfassungsvätern ein hohes Gut war, diente indes ihren kleinmütigen Nachfahren als Bürgerschreck. Sie redeten das Gespenst der Asylantenflut herbei und schufen prompt die Stimmung für eine Verfassungsänderung, wofür man bekanntlich eine Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat benötigt. In diesem Fall eine Meisterleistung der politischen Polemik. Ein neuer Artikel (16a) wurde geschaffen, in dem die ursprünglich großherzige Aussage zum Asylrecht mit vier relevanten Zusätzen eingemauert wurde. Dank dieser Einschränkungen lässt sich seitdem völlig legal auch schreiendes Unrecht begehen. Einen solchen Fall schildern Carsten Rau und Hauke Wendler mit ihrem Film.

Das Grauen nimmt kein Ende

Die Autoren erzählen die Geschichte des russischen Jungen Wadim, dessen Eltern mit ihm und seinem jüngeren Bruder nach dem Untergang der Sowjetunion aus Lettland nach Deutschland fliehen. Das ersehnte Asyl wird ihnen nicht gewährt, sie werden lediglich geduldet, können jederzeit ausgewiesen werden. Die fortwährende Ungewissheit zermürbt und zerfrisst die Familie. Unter Berufung auf gesetzliche Bestimmungen wird ihr von den Behörden keine Chance gelassen, sich in die deutsche Bevölkerung einzufügen, obwohl sie alles dafür geben würde.

Schließlich wird Wadim - er ist gerade achtzehn geworden - in einer brutalen Nacht-und-Nebel-Aktion nach Lettland abgeschoben. Eine nicht nur herz-, sondern auch hirnlose Aktion. Für eine überalterte Bevölkerung wie die unsere wäre der junge aufgeweckte Wadim, der sich als Deutscher fühlt und unser Land liebt, mit seiner Begabung und seinem guten Willen eine Bereicherung.

In Lettland wissen sie mit ihm als Staatenlosem nichts anzufangen. Er spricht kein Lettisch, nur wenig Russisch, sein gutes Deutsch hilft ihm nicht, er landet im Obdachlosenheim, kämpft sich völlig verzweifelt zurück nach Hamburg, versucht alles, um seinen Platz in dieser Welt zu finden. Vergeblich. Er wird wieder abgeschoben und schlägt sich abermals nach Hamburg durch. Aber das Grauen nimmt kein Ende, stellt sein Anwalt fest. Als alle seine Bemühungen scheitern, stellt sich Wadim auf die Gleise der S-Bahn und wartet auf seinen Tod.

Es kommt auf den Einzelnen und seine Menschlichkeit an

Was als Schritt in die Freiheit, als große Hoffnung begonnen hatte, entwickelte sich über die Jahre zu einer fürchterlichen Tragödie, in der eine vorher intakte, im bürgerlichen Sinne ordentliche Familie zerstört und ein junger Mann in den Tod getrieben wurde. Die Autoren haben einen Indizienprozess gegen den Staat und seinen Behördenapparat geführt. Ihre Beweismittel sind Briefe, Protokolle, Erklärungen und die Aussagen von Anwälten, Freunden, Lehrern und Sozialarbeitern. Der Film ist Stückwerk; journalistisch meisterhaft zusammengesetzt aus Fotos, Amateurvideos, Archivbildern und neu gedrehtem Material. Am Ende sind unser Staat und sein Behördenapparat eindeutig der Unmenschlichkeit überführt.

„Wir haben die Drecksarbeit zu erledigen, wir haben zu vollziehen“, hören wir einen Behördenchef sagen. Was der Film „Wadim“ schildert, ist bei weitem kein Einzelfall. Ständig erfahren wir aus den Medien, dass Menschen trotz heftiger Proteste von Bürgern, von Kirchen und auch von Bürgermeistern rücksichtslos abgeschoben werden. Aber es gibt auch Fälle, in denen Behörden ihren Ermessensspielraum zugunsten der Asylsuchenden genutzt haben und nutzen. Den unentrinnbaren Zwang unerbittlich durchzuziehen gibt es nicht. Es kommt auf den Einzelnen und seine Menschlichkeit an.

87.000 Menschen, die zu uns geflüchtet sind, leben als vorübergehend geduldet in Deutschland. Über ihnen hängt Tag und Nacht das Damoklesschwert der Ausweisung. Der vom NDR redaktionell verantwortete Film von Carsten Rau und Hauke Wendler wird gewiss keine Verfassungsänderung bewirken, aber er hätte schon viel für die Wahrung der Menschenrechte gewonnen, wenn sich Ausländerbehörden nicht mehr für Drecksarbeit einspannen ließen.

Fritz Pleitgen war von 1995 bis 2007 Intendant des Westdeutschen Rundfunks.

Tod nach Abschiebung - Wadim läuft am Mittwoch, 9, Januar, um 22.45 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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