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Doku über Evolution : Mensch, du kannst Gen

Der bessere Mensch: Manche Forscher glauben, dass künstliche Intelligenz Teil unserer weiteren Entwicklung sein wird. Bild: SWR

Die Arte-Dokumentation „Der Mensch von morgen“ über die Zukunft der Evolution widmet sich ihrem Thema auf ungewöhnliche Weise. Dabei schafft sie den Spagat zwischen gewichtigen Fragen und leichter Unterhaltung.

          Das Weibchen des Felchens, eines Fisches der Gattung Coregonus aus der Familie der Salmonidae (Lachsfische), bevorzugt in Sachen Fortpflanzung vornehmlich solche Männchen, die einen sichtbaren Laichausschlag aufweisen. Dabei handelt es sich um eine Oberhautveränderung in Form von weißen Höckern an den Flanken, die während der Laichzeit auftreten. Glücklicherweise unterliegt der Mensch nicht solchen Auswahlkriterien. Bei ihm, das hat der Evolutionsbiologe Claus Wedekind 1995 nachgewiesen, geht die zielgerichtete Liebe durch die Nase.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Evolution, das stellt die ungewöhnliche Dokumentation des Grimme-Preisträgers Tom Theunissen mit dem Titel „Der Mensch von morgen“ gleich zu Beginn klar, bedeutet: Das wuselnde, schwimmende, kriechende, watschelnde, hoppelnde, schleichende, schreitende, fliegende und stampfende Leben selbst ist ein einziger Optimierungsprozess, in dem rigoros aussortiert wird. So lauten die alten, provokanten Fragen, die Theunissen zu Beginn stellt: Wird der Mensch diesen Prozess einst selbst steuern? Wie wird sich der Mensch weiterentwickeln? Wird aus dem „Survival of the fittest“ über den „Survival of the strongest“ letztlich der „Survival of the most“? Oder anders: Kann der Mensch sich durch Technologie und Wissen der natürlichen Selektion entziehen?

          Die Liebe zwischen freiem Willen und Gen-Programm

          Die Grundprinzipien der Evolution, sagt Wedekind, seien in „Stein gemeißelt“. Allein die Selektionskräfte ändern sich. Wenn das geschieht, ändert sich auch das Genom der nachfolgenden Generation. Liebe, sagt Wedekind salomonisch, ist demnach unsere freie Entscheidung, die jedoch maßgeblich von unseren Genen beeinflusst wird.

          Die Beantwortung solcher Fragen durch Experten wie Wedekind, den Anthropologen Jean-Jacques Hublin, die Evolutionsmedizinerin Luzie Verbeek oder den Paläoanthropologen John Hawks verpackt Theunissen in handliche, auf das Wesentliche reduzierte Informationspakete. Dabei erzählt er – manchmal etwas beliebig, aber immer eloquent – aus der Ich-Perspektive, was ihm gerade so in den Sinn kommt, während die Experten in knappen Sätzen das Fundament liefern. Versehen sind die Interviews mit reichlich schmückendem Beiwerk. Schon innerhalb der jeweiligen Interviewkapitel setzt Theunissen mit einem zumeist feinen Sinn für Ironie musikalische Pausen – um die gehaltvollen Sätze sacken zu lassen. Dem Liedermacher Tom Liwa aber ist die musikalische Rahmung des Gesamtkunstwerkes überantwortet. Er raunt den „Evolution Blues“ dazu.

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          Auch auf der Bildebene tobt sich Theunissen ordentlich aus. Mit der Handkamera filmt er seine Evolutions-Suada, die er einem aufgeweckten Taxifahrer um die Ohren haut. Seinen Interview-Orten nähert er sich mit spektakulären Luftaufnahmen. Und wenn Tom Liwa in die Saiten greift, dann tut er das vor einer weißen Leinwand, die abstraktes Schattentheater zeigt. Zudem verstecken sich viele kleine Bildscherze in den 53 Minuten, die stets mit der Sprachebene korrespondieren.

          Wem das zu sehr nach Infotainment klingt, der sollte sich dennoch nicht schrecken lassen. Diese Dokumentation zeigt, wie man die entscheidenden Fragen über die Zukunft der Evolution sowohl mit dem nötigen Sinn für das Spielerische als auch dem nötigen Ernst stellen und die Vielschichtigkeit ihrer Antworten veranschaulichen kann. Mitunter ist Theunissen beim Schneiden seines Films über dieses Ziel hinausgeschossen. Auch der trennscharfe Umgang mit den Begrifflichkeiten der Evolutionstheorie gelingt weder ihm noch den Experten immer. Es ist zwar ein ziemlicher Ritt durch gewichtige Fragen, die seit eh und je wie Monolithen im Raum stehen. Doch letztlich geht es hier, um es mit den Worten von Luzie Verbeek zu sagen, nicht um Perfektion, „sondern darum, dass es funktioniert“.

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