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Doku „Kreuz ohne Haken“ : Wenn Pfarrer zu Zielscheiben werden

  • -Aktualisiert am

Setzt ein klares Zeichen: Pfarrer Michael Kleim (Mitte) aus Gera beim Vorbereiten einer Mahnwache gegen Rechts. Bild: NDR/EIKON Nord GmbH/Dominique Kl

Wenn die Rechten aufmarschieren, läuten die Glocken: Der Film „Kreuz ohne Haken“ zeigt, wie die extreme Rechte die Kirchen bedrängt.

          Christliche Kirche, wie hältst Du es mit der Politik? Es gibt Verlautbarungen, persönliche Antworten und individuelle Vorstellungen zum Thema. Und einen gemeinsamen Nenner: Die christlichen Kirchen sind von ihrem Glaubenskern her Teil des gesellschaftlichen, demokratischen Aufklärungsprozesses. Wenn es um die Menschenwürde und moralische Werte geht, erheben sie ihre Stimme. Sie kümmern sich um Hilfsbedürftige, bis hin zum Kirchenasyl. Den Bezugsrahmen bildet das zweite Vatikanische Konzil. Radikale vom rechten Rand haben den Kirchen deswegen den Kampf angesagt. Übergriffe und Gewalttaten sprechen für sich. Insbesondere der Einsatz für Flüchtlinge kann in Deutschland lebensgefährlich werden. Drohbriefe sind für manche Seelsorger Alltag geworden. Pfarrer werden beschimpft, bedroht oder sogar körperlich angegriffen. Die Reportage „Kreuz ohne Haken – Die Kirche und die Rechten“, produziert von der Eikon Filmproduktion für den NDR, ist in erster Linie als Porträtgalerie engagierter Pfarrer zu sehen, die zu Zielscheiben der Rechten geworden sind.

          Der Problemaufriss des Verhältnisses von Kirchen und Politik insgesamt bildet den Hintergrund des Films, Detailanalyse ist seine Sache nicht. Stattdessen geht es um Fallstudien. Es beginnt mit denkbar drastischen Aufnahmen. Am 16. Dezember 2016 besetzen Rechtsextreme den Turm der Reinoldikirche in der Dortmunder Innenstadt und enthüllen ein Banner „Islamisierung stoppen“. Sie zünden in der Dunkelheit Feuerwerkskörper. Es ist eine gezielte Provokation, die sie selbst filmen. Die Bilder werden im Internet verbreitet. „Kreuz ohne Haken“ stellt die Filmaufnahmen der Neonazis, deren bekannteste Vertreter im Dortmunder Stadtparlament sitzen, an den Anfang der Reportage. Konnte man wirklich keine anderen Aufnahmen als diese Propagandabilder verwenden? Pfarrer Friedrich Stiller kam damals auf die Idee, die Glocken zu läuten – Gefahr im Verzug. In vielen Kirchen läuten inzwischen die Glocken, wenn die Rechten vorbeimarschieren.

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          Schauplatzwechsel. Aldenhoven, Winter 2016. Pfarrer Charles Cervigne gilt als „flüchtlingsfreundlich“. Abends klingelt es. Cervigne wird mit Pfefferspray und Stockschlägen angegriffen, er muss in die Notaufnahme. Friedenskirche Unterlüss, Lüneburger Heide: Eine Gegend mit vielen Nazis, die mehrfach im Jahr große Feste feiern. Pfarrer Wilfried Manneke demonstriert mit Gemeindemitgliedern. Ein Brandanschlag stoppte sein Engagement nicht. Viele Jahre hat er im Südafrika der Apartheid gelebt. Daraus resultiert seine innere Verpflichtung, berichtet er. Ein vorbeifahrende Bauer, der den Neonazis seinen Hof zur Verfügung stellt, zeiht Manneke und die Mitstreiter der Naivität: „Die merken gar nicht, dass sie umvolkt werden.“

          Ob in Gera oder Dorstfeld: „Kreuz ohne Haken“ legt beispielhaft offen, wie sehr die Bedrohung von Pfarrern in manchen Gemeinden inzwischen Alltag geworden ist. Im Internet veröffentlicht wird beispielsweise der „Pfaffenspiegel“, in dem zur Jagd auf vermeintlich linke Pfarrer aufgerufen wird.

          Die AfD ist da ein vergleichsweise neues Phänomen – und eine innerkirchliche Herausforderung. Auch in den Kirchen gibt es Amtsträger, die mit der AfD liebäugeln. Axel Bähren, als Pfarrer in den Ruhestand versetzt, kandidiert inzwischen für die rechte Partei mit bürgerlichem Anstrich. Die rote Linie für den Dienstherrn: Wer als Kirchenvertreter dem Islam die Religionswürdigkeit abspricht und ihn als reine Gesinnung bezeichnet, fliegt raus. Die Diskussion zwischen Bischof Markus Dröge und der AfD-Vertreterin Anette Schultner auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin geht ins Leere. Der Bischof spricht von der Instrumentalisierung des Glaubens, die AfD-Politikerin verteidigt ihre Freiheit eines Christenmenschen. „Kreuz ohne Haken“ ist eine Debattenbeitragsreportage, die in Beispielen gleichzeitig Zeugnis ablegen will. Als solche ist sie sehenswert. Das letzte, entschiedene Wort ist im Verhältnis der Kirchen zu den Rechten wohl noch nicht gesprochen.

          Kreuz ohne Haken läuft um 23.45 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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