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Doku-Drama im NDR : Kunst passt in die kleinste Zelle

Neben dem Lüftungsschacht ruht ein Tiger. Bild: Hans Starosta/dpa

Julius Klingebiel wurde von den Nazis in die Psychiatrie gesteckt. Im Arrest begann er zu malen. Seine Bilder füllen den ganzen Raum. Sie sind von großem Wert - und könnten doch verlorengehen, wie ein Film zeigt.

          Vielleicht begann die Befreiung tatsächlich, wie diese Spielfilmszene zeigt. Vielleicht saß Julius Klingebiel auf dem Boden seiner Zelle im Göttinger „Verwahrhaus“, ein Mann Mitte vierzig, der mehr als ein Jahrzehnt des Weggesperrtseins hinter sich hatte und nun halb wahnsinnig wurde von den Schreien, die aus anderen Räumen der geschlossenen Anstalt in seinen Ohren gellten. Aber was heißt schon wahnsinnig? Klingebiel war 1939 eingewiesen worden. Geisteskrank, schizophren, gemeingefährlich lautete die Diagnose, die auch 1951 noch Bestand hatte. Er hörte Stimmen, er hatte den Stiefsohn gewürgt und seine Frau bedroht. Die Nazis hatten ihn zwangssterilisiert, aber nicht umgebracht wie so viele andere psychisch Kranke.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hatte man ihn vergessen oder geschützt? Das ist bis heute ungeklärt. Klingebiel lebte, sein Fall war dennoch aussichtslos. Zwar entbehrte seine Unterbringung einer soliden juristischen Grundlage, doch auch nach Ende der NS-Zeit brachte niemand brachte seinen Fall vor Gericht. Der gelernte Schlosser aus Hannover bekam nie Besuch. Er würde niemals gesund werden und nie wieder freikommen. Aber beim Ausgang auf dem Anstaltsgelände hatte er ein Stückchen Kohle vom Weg aufgelesen. Schlacke aus den Essen der Schmiede, ein ausgebrannter Rest wie er. Er drehte das schwarze Bröckchen zwischen den Fingern, zog mit wütenden Bewegungen Striche über seine Hände, hob den Blick auf die Zellenwände, stand auf und begann zu zeichnen, wohl zum ersten Mal in seinem Leben.

          Wie eine mittelalterliche Kapelle

          Ob sich Klingebiels Künstlerwerdung genau so zutrug, wie der Schauspieler Peter Sikorski in den nachgestellten Szenen des NDR-Dokudramas „Ausbruch in die Kunst – Die Zelle des Julius Klingebiel“ vorführt, tut nichts zur Sache. Tatsache ist, dass Klingebiel bis zu Beginn der sechziger Jahre seine Zelle in ein einzigartiges Raumkunstwerk verwandelte. Wie eine mittelalterliche Kapelle mit Fresken bedeckte er sämtliche Wände mit Bildern. Was mit Kohlestrichen begann, wucherte zu einem immer dichteren Geflecht von Malereien.

          Die Kamera (Micha Bojanski) gleitet über Flächen, die von einem Horror Vacui zeugen und ein Gefühl der Bedrängnis evozierten, wären sie nicht mit launig gezupfter Musik unterlegt. Auf einer Wand verschmilzt eine Radkonstruktion das Bild des Erlösers mit militärischen Ehrenzeichen, Tierdarstellungen, einem Hitler-Porträt und zahllosen weiteren Details zu einem gigantischen heraldischen Zeichen. Hirsche beherrschen die Fläche gegenüber. In ihrer strengen Frontalität erinnern sie an archaische Totems. Neben dem Lüftungsschacht ruht ein Tiger, ein Dreimaster sticht in See, Prostituierte locken mit gebleckten Zähnen, Hunde im Profil scheinen einer ägyptischen Grabkammer entlaufen. Es ist der Einblick in einen geschlossenen Bildkosmos, in dem die Logik eigene Gesetze hat.

          Raumfüllende Kunst auf neun Quadratmetern: Im Arrest begann Julius Klingebiel zu malen.

          Antje Schmidts Dokumentation eröffnet diese Bildwelt zum ersten Mal einem breiteren Publikum. Nie zuvor wurden Filmaufnahmen in der Zelle gedreht. Zwar wurde sie seit 1965, als der Mann starb, der sie sich schöpferisch aneignete, mehr oder weniger sorgsam bewahrt. Man nutzte sie als Abstellkammer, verdunkelte das Fenster, um die Malereien zu schützen, und überzog diese mit einem – konservatorisch bedenklichen – Lack. Dass Klingebiels Werk als herausragendes Zeugnis der „Outsider Art“, wie Kunst von psychisch kranken Menschen im Fachjargon heißt, erhaltenswert ist, ist Experten schon lange bewusst. Es gibt zwei fotografische Reproduktionen der Zelle in Originalgröße, nur das Original selbst konnte man der Öffentlichkeit nie zugänglich machen. Bis heute liegt es in einem Hochsicherheitstrakt für psychisch kranke Straftäter.

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