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Doku über Gustl Mollath : Wenn die Justiz irrt

  • -Aktualisiert am

In Freiheit: Gustl Mollath auf der Zugspitze Bild: Man on Mars Filmproduktion

Ein Film will das Schicksal von Gustl Mollath deuten. Er zeichnet ihn nicht als Helden, eher als von einer weiten Reise zurückgekehrten Astronauten – und immer wieder als traumatisiertes Opfer fataler Entscheidungen.

          Was für eine Geschichte: Sie handelt von einer Liebe, die nach zwei Jahrzehnten verbraucht ist, von einem Moment, in dem sie in Gewalt umschlägt, von dem Mann, der nach einem Wink seiner Frau verhaftet und in die forensische Klinik gesperrt wird; der alles abstreitet, erst recht das Verrücktsein, um nach siebeneinhalb Jahren als Justizopfer vor die Kameras und Mikrofone zu treten.

          Und dabei dreht sich in diese erste haarsträubende Geschichte eine zweite. Denn Gustl Mollath behauptet, vor seiner Verhaftung den Machenschaften seiner Frau, einer Bank und den Leuten, die mit beider Hilfe Geld ins Ausland zu schaffen versuchten, auf die Schliche gekommen zu sein. Was wiederum zu einer Zeit passen würde, in der alles und jeder verrückt zu sein scheint und verdächtig - als wäre es absurdes Theater.

          Die Dokumentation „Mollath – und plötzlich bist du verrückt“, die Annika Blendl und Leonie Stade in den anderthalb Jahren zwischen Klinikentlassung und Wiederaufnahmeprozess gedreht haben, ist jedenfalls nirgends näher bei sich als in jener Sequenz, in welcher der echte Gustl Mollath in einem Theater sitzt und einem Darsteller seiner selbst auf der Bühne zuschaut.

          Die Regisseurinnen Annika Blendl (links) und Leonie Stade drehten den Dokumentarfilm über Gustl Mollath gemeinsam.

          Der Film ist poetisch gehalten, nicht klassisch journalistisch, vergleicht Mollath mit einem Astronauten, der von einer Reise zurückkehrt, die sich niemand vorzustellen oder gar in Worte zu fassen vermag. Die Musik von Jochen Schmitt-Hambrock klingt sphärisch-gedankenverloren. Und Kameramann Eugen Gritschneder fängt Nebelbilder ein, als Mollath auf die Zugspitze fährt, beobachtet Kerzen, als er eine Kirche besucht, blickt durch die Windschutzscheibe eines Wagens auf die um sich schlagenden Gummistreifen einer Waschanlage, um die mentalen Folgen eines unangebrachten Psychiatrie-Aufenthaltes in Bilder zu fassen. Mollath, eine Meditation.

          Von der Schwarzgeld-Geschichte wollte der Richter nichts hören

          Wie eine Zeitlupe läuft sie auf die Urteilsverkündung zu, die Mollath im Sommer 2014 enttäuschte: Damals sprach ihm das Regensburger Gericht zwar eine Entschädigung für die jahrelange Unterbringung in der Psychiatrie zu, und auch der Vorwurf, Autoreifen von Bankangestellten zerstochen zu haben, war nicht nachweisbar. Allerdings hielten es die Richter für erwiesen, dass Mollath seine damalige Frau im August 2001 misshandelt hatte. Und über das angebliche Schwarzgeld und die Banken war bei dem Wiederaufnahmeprozess wieder nicht geredet worden; die Sache wäre ja auch längst verjährt.

          So taugt der Mann, den diese Dokumentation zeigt, nicht zu dem Helden, den ein Teil der Öffentlichkeit in ihm erkannt haben will. Er ist nicht unsympathisch, während er gelassen seine Sicht der Dinge schildert. Wir erleben Mollath an der Seite eines Freundes, der seine Marotten zu nehmen weiß und ihn auf einer Schiffsreise begleitet, bei einem Oldtimer-Rennen mit rotem Ferrari, als Kapitalismuskritiker im Billig-Modemarkt und, immer wieder, traumatisiertes Opfer fataler Entscheidungen.

          Zuweilen ähnelt Mollath allerdings jenen Querulanten, die landauf, landab Rundbriefe an Abgeordnete und Journalisten verfassen und darauf bestehen, keine Querulanten zu sein. Das rechtfertigt nicht, was ihm widerfuhr. Die sprunghaft gesetzten Briefe aus früheren Jahren aber, die eine „Spiegel“-Journalistin in die Kamera hält, könnten einen Hinweis darauf geben, wie angeschlagen Mollath war, als seine Frau ihn verließ. Gemeinsam mit einem Kollegen vom „Nordbayerischen Kurier“, der von Mollath-Unterstützern auf der Straße angegangen wird, weil er nach der Perspektive von Mollaths Frau gefragt hat, versucht die Journalistin gegenüber den jungen Filmemacherinnen zu unterstreichen, dass es mehrere und auch unbequeme Wahrheiten gibt.

          Für die zuweilen arg dahin gleitende Dokumentation ist das ebenso wichtig wie die tastende, aber nicht undifferenzierte Einordnung durch den Anwalt, der Mollaths Vertrauen verlor. Der Film inszeniert einen zu Unrecht Weggesperrten, vergisst aber die Graustufen nicht. Dass einem etwas schummerig bei dem Gedanken wird, wie schnell man im Abseits landen kann, bleibt nicht aus.

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