27.04.2009 · Google scannt, Autoren klagen, das Internet tobt - nur in einem sind sich alle einig: Die Digitalisierung bedeutet das Ende des Buchdrucks. Aber das ist, zum Glück, Unsinn, meint Peter Richter.
Von Peter RichterMit Büchern reich werden - ich persönlich hätte nichts dagegen. Reichtum, Weltherrschaft, Internet abschalten: Das wäre der Plan. Nur ganz kurz mal. Zum Innehalten. Und zum Gedenken an die Ereignisse dieser Woche. Später, wenn die Militärhistoriker uns fragen, werden wir sagen können, wir seien dabei gewesen - und hätten es trotzdem nicht ganz verstanden. Da, in Mountain View, Kalifornien, (würden wir dann erläutern müssen) hätten die Amerikaner gestanden mit ihren Scannern und schon seit Jahren ganze Bibliotheken digitalisiert, um Bücher ins Internet zu stellen. Und dort, in Heidelberg, Deutschland, hätten auf einmal 1300 Dichter und Denker das Haupt gehoben und „Nein!“ gerufen.
Ob wir uns da auch nicht in den Jahrhunderten vertäten, würden - müssten - die Historiker fragen: Internet? Deutsche Romantik? Eifriges Nicken wäre dann die Antwort: Genau so sei es gewesen, auf der einen Seite die Firma Google, auf der anderen die Unterzeichner des „Heidelberger Appells“, die nicht einsehen wollten, dass ihre Urheberrechte vor einem amerikanischen Provinzgericht verhökert würden. Um Geld also sei es gegangen, um Freiheit, von der jeder Beteiligte so seine eigenen Begriffe hatte, um die Zukunft des Buches; schließlich aber und vor allem um Wohl und Wehe des Internets - das ich an dieser Stelle dann dringend wieder anschalten müsste. Nicht einmal seine erbittertsten Gegner kämen im Ernst mehr als fünf Minuten ohne es aus. Und ich stehe dem Medium insgesamt sogar eher aufgeschlossen gegenüber. Auch dies muss so ausdrücklich hier vorausgeschickt werden, zur Sicherheit; das Internet, vertreten durch die, die dort anzutreffen sind, mag es nicht, wenn man es nicht mag. Es ist dann schnell beleidigt, denn es ist noch jung und nicht besonders souverän. Aber das verwächst sich sicher noch.
Die Bibliothek von Google
Die Bücher waren ja auch nicht von Anfang an stubenrein; die Masse der ersten Druckerzeugnisse waren Schmähschriften. Und sicher hatten die Verfasser handgeschriebener Folianten schwere kulturelle Bedenken, genauso wie vor ihnen die Hersteller von Papyrusrollen. Heute gilt das gedruckte Buch, unabhängig von seinem Inhalt, als das höchste und edelste aller unserer Kulturgüter. Umso erstaunlicher, dass jetzt alle behaupten, es sei aus mit ihm. In dem Konflikt um Digitalisierung und Urheberrechte haben, was verblüffend ist, beide Parteien den gleichen Schlachtruf, der besagt, dass es mit dem gedruckten Buch nun zu Ende gehe - nur, dass das bei den einen wie apokalyptische Klage klingt, bei den anderen wie Triumphgeheul. Für gelassenere Gemüter ist es einfach Unfug. Eher ist das Gegenteil der Fall: Die Digitalisierung dürfte den Ausstoß an bedrucktem Papier noch deutlicher steigern als seinerzeit die Einführung des „papierlosen Büros“.
Mediennostalgiker wie Technikenthusiasten haben in der Regel einen Computer vor Augen, wenn es heißt, das Buch verschwindet. Dabei wäre eine Bibliothek dafür das viel passendere Bild: Mittelalterliche Klosterbibliotheken, Bergfriede der Bildung, in denen das Wissen aufbewahrt und weggeschlossen ist - und für immer verlorengeht, wenn etwa Feuer den Folianten verschlingt. Wenn ich höre, das Buch sei in Gefahr, habe ich nicht Google vor Augen, sondern den etwas restriktiv gesinnten Mönch aus Ecos „Name der Rose“, jenen Jorge von Burgos, der nach Jorge Luis Borges benannt war - eine Gemeinheit im Übrigen: Denn dessen berühmte „Bibliothek von Babel“ kommt, in ihrem universalen Anspruch und in ihrer Struktur, tatsächlich eher den Bildern nahe, die wir uns heute vom Internet machen (insbesondere auch wegen der hübschen Idee der beim Flug durch die unendlichen Räumlichkeiten allmählich verwesenden Benutzer). Die Vision des einen, totalen Buches, von dem Borges schreibt, dass es alle anderen in sich enthalte: Die klingt geradezu wie eine Vorbestellung auf ein E-Book mit Google-Abo.
Das Abenteuer tot geglaubter Bücher
Von den Bibliotheken der Antike sind uns heute nur noch Trümmer geblieben, aber auf einem davon, in Athen, sind immerhin noch die beschränkten Öffnungszeiten eingemeißelt (nur sechs Stunden) und das Verbot, Bücher zu entwenden. Die Strafen, die in den alten Bibliotheken auf den Diebstahl standen, waren mindestens so drakonisch wie das, was die Inhaber der Urheberrechte heute denen an den Hals wünschen, die ihre Schriften kopieren. Aber auch sie müssen zugeben, dass dadurch die Inhalte wenigstens nicht verschwinden.
Dass Kopien Daten sichern, gehört heute zum Allgemeinwissen. Dass analoge Kopien im Zweifel sicherer sind als digitale, leider nicht. Hier könnten ein paar schöne starke Magneten neben der Festplatte erkenntnisstiftend wirken. Neben das initiationsartige Erlebnis, zwischen knarrenden Holzregalen die staubenden Seiten uralter Bücher aufzuschneiden, tritt heute das nicht weniger indianajoneshafte Abenteuer, verschollene und tot geglaubte Bücher im Internet aufzuspüren. Jedes Buch kann man heute googeln. Bald wird man es bei Google auch buchen können. Das klingt doch ganz folgerichtig und wünschenswert, jedenfalls für den Leser.
Der Buchdruck beendet das Zeitalter des Buches
Für vergriffene, nicht lieferbare Bücher wäre die Digitalisierung auf alle Fälle ein Segen. Und deshalb hat das eigentlich sensationelle, revolutionäre Ereignis auch weder in Kalifornien stattgefunden noch in Heidelberg, sondern in London, wo die Firma Blackwell's Ende der Woche ihre sogenannte Espresso Book Machine aufgestellt hat: Im Moment sind es schon eine halbe Million Titel, die hier, auf Knopfdruck, innerhalb von wenigen Minuten gedruckt, gebunden und mit Umschlag versehen vor dem Kunden liegen wie ein frisches, warmes Brötchen. Sollte etwa so das Zeitalter des Buches enden - durch Buchdruck?
Buchhändler haben schon hinnehmen müssen, dass die Schriftstellerin Margaret Atwood, neulich in der „New York Times“, ihren kleinen gemütlichen Läden mit dem Aufkommen der Print-on-demand-Maschinen und der elektronischen Lesegeräte eine Zukunft als Möbel-Showrooms voraussagte. Das waren sie in gewisser Weise aber vorher auch schon, und das Buch als Möbelstück dürfte an Repräsentativität nun eher noch gewinnen: Das Bücherregal ist ja nicht nur der klassische Bildungsbürgerhintergrund; auch wer nichts als „Harry Potter“ liest, besteht meistens darauf, die Bände handfest, materiell und mit würdigenden Spuren der Zerlesenheit ins Archiv der eigenen Biographie zu stellen.
Wenn man Leute fragt, die mit der Produktion von Büchern zu tun haben, hört man häufig, dass sie selbst elektronische Lesegeräte benutzen. Einfach, weil es praktisch ist. Und dass neue Technologien dazu neigen, auch neue künstlerische Formen hervorzutreiben, ist ja zumindest erst einmal nicht uninteressant. Ein interessanter „Zweitmarkt“ wird da prophezeit, keine Ablösung des gedruckten Buches. Daraus spricht vielleicht tatsächlich weniger fromme Hoffnung als Kenntnis der Kundschaft. Und technikaffine Jugendliche bilden da, anders als bei der Popmusik, traditionell eher nicht unbedingt die Spitzengruppe. Das hat aber auch mit dem sozialen Gebrauch der Dinge zu tun, mit dem Kontext, der die Rezeption bestimmt und den Inhalt modifiziert: Wie soll man ein heruntergeladenes Buch, nur mal so zum Beispiel, eigentlich verschenken, ohne rot zu werden? Wie sollte so ein Download als Zeichen von Respekt, Dank, Zuneigung oder Romantischerem je über das Prestige eines Blumenstraußes von der Tankstelle hinauskommen?
Der Runterladen an der Ecke
Man kann es Dünkel nennen oder Qualitätsbewusstsein, es ist jedenfalls die ökonomische Kraft, von der sich auch Bioläden oder Manufactum nähren, ein Ressentiment, das sich das Digitale schon heute mit dem Kunstleder und den synthetischen Textilien teilt, zum Beispiel im Fall der MP3-Player, die von vielen Klassikhörern gemieden werden, ganz einfach, weil Verflachung hier keine kulturkämpferische Metapher ist, sondern ein dynamisch-technischer Fakt.
Vielleicht hat Friedrich Kittler ja recht und es wird eines Tages eine Musik erfunden, die klangästhetisch zu diesem neuen Medium passt, und vielleicht, wer weiß, wird man dann sogar sagen können, dass die Welt wieder ein bisschen reicher geworden ist. Dass Medien einander nicht ablösen, sondern ergänzen, vielleicht ihre Marktanteile verschieben und sich ansonsten gegenseitig befruchten, das ist merkwürdigerweise eine Tatsache, die eigentlich jedem geläufig ist - außer denjenigen, denen eines dieser Medien besonders am Herzen liegt. Nur so ist zu erklären, dass auf der einen Seite der Untergang der Schriftkultur durch das Internet geweissagt wird, man aber auf der anderen Seite mit schlecht verdautem Marshall McLuhan im Magen das endgültige Ende von gedruckten Buchstaben auf Papier herbeibetet, als hätten die Schutztruppen des Internets mit Johannes Gutenberg ein persönliches Hühnchen zu rupfen.
Online-Kommunismus
So etwas ist eigentlich nur erklärlich, wo es um Existentielles geht, um die Lebensgrundlagen, also: um Geld. Wer da noch in der sogenannten Gutenberg-Galaxis sein Einkommen verdient, darf sich genauso auf den Vorwurf des Anachronismus gefasst machen, wie die, die auch im Internet ihre Urheberrechte gesichert sehen wollen. Die Missachtung dieser Rechte, das Raubkopieren, kleidet sich im Netz gern in die Pose einer gesellschaftsverändernden Revolte gegen Eigentumsansprüche an sich, es ist die romantische Idee eines Online-Kommunismus. Das ist aber natürlich nicht nur mit Blick auf die trüben ökonomischen Grundlagen fragwürdig, sondern vor allem mit Blick auf Google: Diese Haltung arbeitet ausgerechnet einem der krakenartigsten Monopolkapitalisten unserer Epoche zu.
Helge Malchow von Kiepenheuer und Witsch sagt deshalb, dass er den französischen Vorschlag ideal findet: Urheberrechtsverletzer genauso zu verfolgen wie Kinderpornographen, in Zusammenarbeit mit den Providern. Nicht unbedingt, um sie gleich zu belangen, aber um sie zu verwarnen. Um überhaupt erst einmal Unrechtsbewusstsein zu schaffen, wie er sagt. Dafür muss sich Malchow dann zwar, vom Chaos Computer Club etwa, anhören, das sei restriktiv und gestrig. Aber was Anachronismen im Netz betrifft, war es wirklich mal ein sogenannter Experte für Neue Medien, der mir die Augen geöffnet hat: Er hieß Robin Meyer-Lucht, sagte, er berate Verlage bei ihrem Gang ins Internet, und saß bei einer Podiumsdiskussion auf dem sogenannten Panel. Während die anderen redeten, klappte er seinen Laptop auf und starrte engagiert hinein. Ich hielt das erst für schlechtes Benehmen. Dann begriff ich: Das ist die Show. Das digitale Prophetentum ist vollständig analog, das Internet nur das Thema, der wahre Beruf ist Konferenzschwadroneur, Berater, Medizinmann. Dieses Geschäftsmodell geht, mit McLuhan gesprochen, sogar noch weit hinter Gutenberg zurück: Es ist orale Stammeskultur!
Zurück zum Feudalismus
Bastian Sick fiel mir ein. Vom Internetkolumnisten über den Bestsellerautor zum Alleinunterhalter in den größten Hallen: kommunikationshistorisch ein konsequenter Weg zurück in die Antike. Und das mit der Geißelung falscher Genitive. Nach großer, wilder, anarchischer Freiheit klingt das eher nicht. Verglichen damit ist das erst rund zweihundert Jahre alte Urheberrecht vielleicht gar nicht so unmodern. Die meisten Berufsschriftsteller bestreiten ihren eigentlichen Lebensunterhalt in Wirklichkeit sogar von Preisen und Stipendien - mäzenatischen Zuwendungen wie im Feudalismus. Und vielleicht ist das Internet gar kein so schlechtes Medium, wenn es darum geht, klassische Bücher hervorzubringen, zu verbreiten und zu besorgen.
Denn aus Büchern, so abschließend noch einmal Borges, müsse man sich das Paradies vorstellen. Und die Hölle, könnte man hinzufügen, als ein ewigliches Diskussionsforum derer, die für oder gegen das Internet streiten.
Die Scanner von Google und der „Heidelberger Appell“
In einem „Heidelberger Appell“, der diese Woche veröffentlichtwurde, wird die Bundesregierung aufgerufen, sich international für die Wahrung der Urheberrechte von Autoren einzusetzen. Zuden etwa 1300 Unterzeichnern gehören unter anderem SiegfriedLenz, Hans Magnus Enzensberger, Durs Grünbein, Volker Braun, Alexander Kluge, Uwe Tellkamp und Daniel Kehlmann, außerdem zahlreiche Verleger und Wissenschaftler.
Der Appell wird inzwischen auch von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries unterstützt.Im Kern geht es um die Aktivitäten des amerikanischenSuchmaschinenbetreibers Google, der seit Jahren die Bestände großer öffentlicher Bibliotheken einscannt, um die Bücher digitalisiert für seine Online-Volltextsuche verfügbar zu machen. Nach gerichtlichen Auseinandersetzungen hat der Konzern einen Vergleich mit amerikanischen Autorenvereinigungen geschlossen, wonach betroffene Autoren pauschal mit 60 Dollar entlohnt werdensollen. Dieses „Google Book Settlement“ würde es der Firmaerlauben, bis zu zwanzig Prozent der Inhalte sogenannter„verwaister Bücher“, Bücher, deren Rechteinhaber nicht oder nur schwer zu finden sind, zugänglich zu machen, an ihrer Seite Werbeanzeigen zu schalten und den Zugang zu den Volltexten zuverkaufen.
Die Bundesregierung wird nun aufgerufen, bis zum Stichtag am 5. Mai, gegen diese Vereinbarung Einspruch einzulegen. Die Unterzeichner des Appells sehen „das verfassungsmäßig garantierte Grundrecht von Urhebern auf freie und selbstbestimmtePublikation“ bedroht. Im gleichen Zuge protestieren sie auf nationaler Ebene auch gegen Bestrebungen, wissenschaftliche Arbeiten online publizieren zu müssen.In den literarischen Verlagen hat die Diskussion über eine einheitliche Haltung zur Digitalisierung vor dem Hintergrund neuer Technologien wie dem E-Book erst begonnen. Es wird aber immer wieder die Einschätzung geäußert, dass diese Entwicklung zu einer Umwälzung des gesamten literarischen Produktions- undVerwertungsprozesses führen könnte. Beobachter wie die amerikanische Rechtswissenschaftlerin Pamela Samuelson warnen vor einer einschneidenden Umstrukturierung der Buchindustrie durch wenige Monopolisten.
Peter Richter Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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