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Digitale Unordnung Die Vermessung des Web

 ·  Alles in bester Unordnung: David Weinberger beschwört in seinem neuen Buch das Glück des Chaos. Seine Thesen über die aktuellen Verschiebungen auf der Landkarte des Wissen sind zwar nicht sehr originell, treffen aber den Nagel auf den Kopf.

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Wolken, überall Wolken. Mal quellen sie bunt durcheinander, mal häufen sie sich zu Bergen auf, sie pochen und blinken und wabern durchs Netz. Begriffe erheben sich, Begriffe lösen sich auf, heute „G 8“, morgen „Lindsay Lohan“, übermorgen „Raketenschild“. „Tag clouds“ sind das neueste Lieblingsspielzeug der Infografiker im Internet, Wortwolken, in denen die Größe der Begriffe die Bedeutung des Themas widerspiegelt, das heißt in der Regel: ihre Popularität bei den Lesern. Was oft aussieht wie ein grafischer Unfall, hält David Weinberger für das Schaubild einer neuen Weltordnung, einer neuen Weltunordnung besser gesagt. Nichts mehr ist an seinem Platz in dieser neuen Welt, alles ist überall.

„Everything Is Miscellaneous“ heißt das Buch des amerikanischen Philosophen und Bloggers, der am Berkman Center for Internet and Society der Harvard-Universität forscht - ein Titel, den man, um seine Implikationen für die Zeitungsbranche zu erkennen, vielleicht am besten so wörtlich wie möglich übersetzten sollte: „Alles ist Vermischtes“. Wo sich das Interesse der Leser an fluktuierenden Schlagwörtern entlanghangelt, wie man an den „tag clouds“ erkennen kann, verlieren die klassischen Zeitungsressorts ihren Sinn. Was, wenn man Weinberger glaubt, noch eines der kleineren Probleme der Branche sein dürfte.

Zwanghaftes Sammeln und Sortieren der Lektüre

„Die Macht der neuen digitalen Unordnung“ lautet der Untertitel des Buches, das derzeit durch die amerikanischen Blogs gereicht wird. Es geht um die Frage, ob das Chaos der Informationsgesellschaft nicht ein sehr kreatives sein könnte, und Weinbergers Thesen, die im Prinzip nur zusammenfassen, welche tektonischen Verschiebungen auf der Landkarte des Wissen derzeit zu beobachten sind, sind dabei gar nicht so wahnsinnig originell, die Art aber, wie er die gegenwärtige Entwicklung zusammenfasst und wie er ihre Effekte auf die unterschiedlichsten Lebensbereiche skizziert, macht die Tragweite der Veränderungen so klar wie kaum eine Arbeit zuvor. „Everything Is Miscellaneous“ ist ein wissenschaftlicher page turner in der Tradition jener amerikanischen Sachbücher, die keine Angst haben, gelegentlich etwas banal zu klingen, weil sie die Relevanz ihrer Aussagen für den Alltag andeuten wollen.

In diesem Fall ist dieser Zugang besonders wichtig, weil die Methoden, die womöglich bald Grundlage einer allgemeinen Alltagspraxis werden, derzeit in den Ohren vieler noch so unwiderstehlich klingen wie eine ernsthafte Verhaltensstörung.

Eine Generation von Buchhaltern und Bibliothekaren scheint mit dem sogenannten Web 2.0 heranzuwachsen, zu dem neben dem eher zwanglosen Schreiben von Blogs auch ein fast zwanghaftes Sammeln und Sortieren der Lektüre gehört: Für eine bemerkenswerte Anzahl von Menschen, fanden gerade die Meinungsforscher des renommierten PEW Internet Centers heraus, ist die Etikettierung digitaler Inhalte bereits eine Art Hobby. Immerhin sieben Prozent der amerikanischen Internetnutzer widmen sich täglich Aktivitäten wie „Taggen“, „Diggen“ oder „Social Bookmarking“. Sie beschriften eigene oder fremde Dokumente, verschlagworten Fotos oder Videos, erstellen Lesezeichen oder ordnen Online-Texte in immer neue Zusammenhänge ein.

„Die Misch-Ordnung transformiert nicht nur die Wirtschaft“

Das hat, auf den ersten Blick, den Charme der Philatelie. Doch Weinberger gelingt es sehr gut, zu zeigen, dass es um mehr geht als um ein Hobby einiger Streber im Internet: indem er einerseits den Blick zurück auf die Geschichte klassischer Ordnungssysteme wirft, die aus der Perspektive des heutigen Informationschaos im besten Falle hilflos wirken, vom Alphabet bis zu Melvin Deweys Dezimalsystem aus dem Jahr 1876, dem bis heute von den meisten Bibliotheken verwendeten Ordnungsprinzip. Und indem er andererseits die Defizite solcher Klassifikationsschemata als alltägliche Erfahrung veranschaulicht: Sie werden schon angesichts der Frage deutlich, was die perfekte Ordnung einer Plattensammlung wäre. „Die Misch-Ordnung transformiert nicht nur die Wirtschaft“, meint Weinberger. „Sie verändert, was wir über die Organisation der Welt selbst denken und - was vielleicht wichtiger ist - wer unserer Meinung nach die Autorität hat, es uns zu sagen.“

An Thesen wie diesen lässt sich unschwer der Geist der Postmoderne ablesen (auch wenn Weinberger über „Heideggers Ontologie der Dinge“ promoviert hat). Der Zweifel an der Kompetenz der Institutionen, zu deren Kernaufgaben die Selektion und Präsentation von Informationen gehört, ist aber längst kein theoretisches Projekt mehr: Millionen sorgfältiger Internetnutzer dekonstruieren die Autorität jener Institutionen wirkungsvoller als jeder Essay Derridas, ganz ohne ideologische Absicht.

Konkurrenz für professionelle Redakteure

Die Gemeinsamkeiten und Bezüge, die sich dabei ergeben, erinnern tatsächlich an die berühmte chinesische Enzyklopädie von Jorge Luis Borges, die Michel Foucault seinerzeit noch als „schiere Unmöglichkeit“ bezeichnete: Borges' fiktiver Taxonomie zufolge werden die Tiere unter anderem in folgende Kategorien eingeteilt: „Tiere, die dem Kaiser gehören“, „herrenlose Hunde“ und „die von weitem wie Fliegen aussehen“. Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Poesie dieser Klassifizierung erreicht ist: Auf dem Fotoportal „Flickr“ findet man über 100.000 Bilder zum Thema „Verfall“ („decay“): rostende Autos, angeschlagene Statuen und so weiter. Auf Youtube gibt es zurzeit 18.800 Videos mit dem Stichwort „invisible“, und 22 7000, die einfach nur „yeah“ sind.

Zweifellos stellen solche „Folksonomies“, wie die kollaborativ erarbeiteten Wissensordnungen genannt werden, auch das Selbstverständnis klassischer Medien in Frage. Wenn die Leser selbst entscheiden, welche Nachrichten ihnen wichtig sind, konkurrieren sie mit der Expertise professioneller Redakteure. Das klingt für die Branche zunächst einmal beunruhigend, vor allem da man sich ja gerade erst mit den sogenannten Leserreportern inoffiziell auf eine Art Arbeitsteilung geeinigt hatte: Als Lieferant von Augenzeugenberichten und Fotos sind sie ja ganz brauchbar, was gedruckt wird, entscheiden dann die Profis.

„diggs“, „yiggs“ und „huffs“

Wie es aussehen könnte wenn die Leser, wie man so sagt, das „Blatt machen“, kann man auf „Social Bookmarking“-Portalen wie digg.com oder yigg.de bereits besichtigen, wo Artikel aus dem Netz gefischt und weiterempfohlen werden. Dass solche Hitlisten auch für professionelle journalistische Angebote ein nützliches Instrument sein können, zeigt nicht nur das Beispiel des liberalen amerikanische Polit-Blogs „Huffington Post“, das gerade ein ähnliches Bewertungssystem testet. Statt „diggs“ oder „yiggs“ werden dort eben „huffs“ vergeben.

Auch „Welt Online“ und „Spiegel Online“ weisen zumindest am Rande auf die Lieblingstexte ihrer Leser hin. Erschüttert wird dabei momentan vor allem der Glaube an das Interesse der eigenen Leser an allzu komplexer Berichterstattung: „Höllenritt: Rollstuhlfahrer rast an Lkw-Kühlergrill über den Highway“ war etwa am Freitag die Lieblingsmeldung auf „Spiegel Online“, während auf „Welt Online“ ein Artikel mit der Überschrift „So wichtig ist die Penisgröße nicht“ an der Spitze stand. Nicht einmal in die Top 5 dagegen schaffte es der Bericht „Haschisch-Salbe kann Allergikern helfen“, den die Leser auf „Yigg.de“ zum Spitzenreiter kürten. Alles ist Vermischtes - ganz so war das nicht gemeint.

Keine pure Herrschaftsausübung

Die Neuordnung des Wissens mag ein Zeichen für die Demokratisierung sein, doch angesichts solcher Effekte fällt es schwer, den Ruf nach autoritären Auswahlverfahren zu unterdrücken. Dass sich Zeitungsredakteure der geballten Weisheit der Massen nicht voreilig geschlagen geben müssen, liegt wohl auch daran, dass das Sortieren, Bewerten, das Aufblähen und Verschweigen von Nachrichten nicht nur pure Herrschaftsausübung ist - sondern einfach auch eine Dienstleistung, die dann doch der ein oder andere Leser zu schätzen weiß. Dass diese Entscheidungen kein Ausdruck einer natürlichen Ordnung sind, beginnen nun allerdings auch die Leser zu merken.

Was die Wolken betrifft, so kann man sicher beruhigt sein: Die ziehen vorüber.

David Weinberger: „Everything Is Miscellaneous“. Times Books. 278 Seiten, ca. 19 Euro. Die deutsche Ausgabe erscheint im März 2008 im Hanser-Verlag.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.06.2007, Nr. 23 / Seite 33
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Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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