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„Digitale Armee“ gegen Netzkontrolle Terror mit Google-Bomben

14.08.2009 ·  Krieg gegen die Netzkontrolleure: Radikale Gegner des französischen Gesetzes „Hadopi“, das dem Raubrittertum im Internet einen Riegel vorschieben will, haben sich zu einer „digitalen Armee“ formiert. Mit den Mitteln der Netz-Guerilla torpedieren sie die Websites ihrer Gegner.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Die Attacke begann am Donnerstag um 22 Uhr. Kurz zuvor wurden die Angriffsziele durchgegeben: die Facebook-Profile des Premierministers François Fillon und seines Kulturministers Frédéric Mitterrand, die Internetseiten der Regierungspartei UMP und von Jean Sarkozy, „dem Sohn des Königs“. Wer sich am „Infokrieg“ beteiligen wollte, musste sich einloggen, bekam dann genaue Anweisungen. Geführt wurde die Schlacht von der „Liga Odebi“. In ihr sind die radikalsten Gegner des französischen Gesetzes „Hadopi“, das dem Raubrittertum im Internet einen Riegel vorschieben will, zusammengeschlossen. Als bewaffneten Arm unterhält Odebi eine „Digitale Armee“. Der Einsatz ihrer „Kommandos“ in der Nacht zum 14. August war nicht ihr erster.

Das Vokabular ist martialisch: von Feinden und Zielscheiben ist die Rede, von Angriffen, Attacken, Anschlägen, Attentaten. Odepi wähnt sich im Widerstand gegen den Krieg, den die Regierung im Auftrag der Film- und Musikindustrie gegen die Freiheit und das Volk führe. So steht es auf den Odebi-Seiten. Legitimiert wird der Kampf mit einer Umfrage: Sechzig Prozent der Franzosen lehnten das Hadopi-Gesetz ab. Im Parlament fand es eine knappe Mehrheit, gewisse Paragraphen wurden vom Verfassungsgericht für ungültig erklärt. Vom 14. September an werden die Parlamentarier erneut debattieren – jetzt unter der Regie des neuen Kulturministers Frédéric Mitterrand. Seine Vorgängerin Christine Albanel wurde nach ihrer Desavouierung durch das Verfassungsgericht entlassen.

Von Mitterrand erhofft sich der Präsident ein geschickteres Vorgehen. Tatsächlich ist das Gesetz schlecht formuliert, und es bringt die Jugend auf die Palme. Das müssen auch jene einräumen, die den Schutz des geistigen Eigentums im Internet befürworten und Strafen für seinen Diebstahl nicht ablehnen.

Militärischer Jargon

Odebi agiert mit den Mitteln der Netz-Guerrilla und des rhetorischen Propagandakriegs: Hadopi bedeute die totalitäre „Kontrolle des Internets“. Gewalt lehnt Odebi ab – aber von den Drohbriefen an Sarkozy, Mitterrand, Albanel hat man genüsslich berichtet. Manchem Schreiben lag eine Pistolenkugel bei. Odebi ruft die Internetpiraten zum Eintritt in die „Digitale Armee“ auf. In einer „Rekrutenschule“ werde ihnen beigebracht, wie man im Netz anonym agieren kann.

Die Armee ist militärisch strukturiert, es gibt Soldaten, Leutnants, Kommandanten. Wer an vielen Aktionen teilnimmt, steigt auf. An der Spitze stehen die – zum Teil bekannten – Gründungsmitglieder. Die Homepage verzeichnet pro Tag 5000 Besucher, rund 3000 Sympathisanten werden Odebi bescheinigt – die „Digitale Armee“ bringt es auf rund 200 Soldaten.

Präparierte Gegner

Ende Juli griffen sie die Internetseiten „feindlicher Künstler“ an und legten ein paar Portale lahm. Ziel der Aktionen ist es, den „Raum des Feindes“ zu besetzen. Auf den Facebook-Profilen des Kulturministers wie auch der Innenministerin waren am Freitag zahlreiche Einträge gegen Hadopi zu finden. Bei Fillon, dem Premierminister, wurden sie umgehend gelöscht – seine Berater wurden von dem Angriff wohl nicht überrascht. Odebi spricht von einem Erfolg: Dreißig Ziele seien von 200 Kommandos attackiert worden, mehrere tausend „Posts“ wurden plaziert – „ohne dass die Webmaster nennenswerten Widerstand geleistet hätten“.

Auch mit den Mitteln der Denunziation will Odebi in den nächsten Wochen kämpfen. Weil das „Gauner-Gesetz“ die Piraten „kriminalisiere“, sei es legitim, das Vorstrafenregister der Hadopi-Befürworter zu veröffentlichen. Zusammen mit einer Liste ihrer sonstigen „Leichen im Keller“. Verbreiten, so steht es in der Kriegserklärung der „Digitalen Armee“, werde man diese Informationen per „Google-Bomben“.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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