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Dissidenten-Elite : Russlands rebellische Töchter

  • -Aktualisiert am

Der Wirtschaftsjournalistin Zhanna Nemzowa, Tochter des ermordeten Oppositionspolitikers Boris Nemzow, beim Besuch des Stasi-Gefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen im Mai 2015 Bild: Picture-Alliance

Sie kommen aus berühmten Familien. Das macht sie offenbar verdächtig. Wie Zhanna Nemzova, Xenia Gorbatschowa und Maria Gaidar von Putins Staatsfernsehen als Vaterlandsverräterinnen diffamiert werden.

          „Elitäre Nachkommen oder Missverständnisse“ lautet der Titel des Films, den das russische Staatsfernsehen in der Nachrichtensendung „Westi“ zu Hauptsendezeit ausstrahlte. Die zentrale Figur des neunminütigen Beitrags ist die 32-jährige Maria Gaidar, die Tochter des einstigen kommissarischen Ministerpräsidenten Russlands, Jegor Gaidar. Andere Missverständnisse heißen Zhanna Nemzova, Xenia Sobtschak und Xenia Gorbatschowa und sind ebenfalls Nachkommen prominenter russischer Reformer und früherer Machthaber.

          Was diese jungen Frauen miteinander verbindet, ist aber nicht so sehr ihre Herkunft, wie ihre mangelnde Loyalität gegenüber der jetzigen russischen Führung. Für das Staatsfernsehen ist es Grund genug, um sie zur besten Sendezeit als Vaterlandsverräterinnen zu diffamieren.

          Maria Gaidar (hier mit dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko) berät inzwischen den Gouverneur von Odessa.

          Dass ausgerechtet Maria Gaidar im Zentrum dieser Kampagne steht, ist kein Zufall. Sie ist seit zehn Jahren politisch aktiv und machte sich einen Namen als Journalistin, oppositionelle Aktivistin, aber auch als reformfreudige Stellvertreterin des verhältnismäßig liberalen Gouverneurs der russischen Region, Wjatka Nikita Belykh.

          Vor einigen Tagen wurde die Harvard-Absolventin zur Beraterin des Gouverneurs der ukrainischen Schwarzmeermetropole Odessa ernannt. Diesen Posten bekleidet nun Putins Erzfeind, der georgische Ex-Präsident Micheil Saakaschwili, den Putin, so Nicolas Sarkozy, während des russischen Überfalls auf Georgien „an den Eiern hängen“ wollte. Der neue Job von Maria Gaidar ist somit für Putin eine persönliche Ohrfeige. „Jetzt steht sie an der Seite des Menschen, der russische Friedensstifter ermorden ließ“, kommentiert die Stimme aus dem Off. Der Film zeigt Gaidar bei einer Pressekonferenz: „Die Krim soll an die Ukraine zurückgeführt werden“, sagt sie.

          Xenia Gorbatschowa mit ihrem Großvater

          Diese völkerrechtliche Selbstverständlichkeit ist in Russland so unpopulär, dass sich nicht einmal die schärfsten Regimekritiker zu ihr bekennen. Mehr noch, sie steht in Russland unter Strafe, die besonders hart ist, wenn man „separatistische Äußerungen“ als Amtsperson in den Medien macht.

          Gaidars früherer Chef Nikita Belych erklärte bereits, Maria habe sich gegen das russische Volk gewandt, und die Chefin des sogenannten Menschenrechtsrats beim Präsidenten, Ella Panfilowa, forderte die Rückerstattung einer staatlichen Zuwendung für die von Gaidar gegründete Stiftung, die bedürftigen Bürgern Rechtsberatung anbietet und ihre Anwaltskosten übernimmt.

          Lieblingstöchter und Propagandisten

          Der Wirtschaftsjournalistin Zhanna Nemzowa, der „Lieblingstochter“ des ermordeten Oppositionspolitikers und einstigen Vize-Regierungschefs Boris Nemzow, legt das russische Staatsfernsehen zur Last, dass „sie wegen angeblicher Drohungen nach Deutschland“ geflohen sei, und stellte eine Liste von Propagandisten auf, gegen die der Westen Sanktionen verhängen sollte.

          Mit Xenia Sobtschak, der Tochter von Putins politischem Ziehvater Anatolij Sobtschak, gehen die Beitragsautoren verhältnismäßig sanft um. Sobtschak, die vom TV-Sternchen zu einer viel beachteten kritischen Journalistin avancierte, sei „in ihrer Heimat noch gefragt“. Aber sie habe Verständnis für Gaidar, und das sei schon schlimm genug.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Die apolitische Enkelin von Michail Gorbatschow, Xenia, beging wohl ein viel schlimmeres Verbrechen: In einem Interview, das sie 2013 der Zeitung „Die Welt“ gab, behauptete die Modejournalistin, dass viele Deutsche Russland zu rosig sehen. Ausgerechnet in Deutschland, wo Xenia Gorbatschowa lebt, solle sie besser aufpassen, was sie sagt: „Russland hat noch gut in Erinnerung, wie Michail Sergejewitsch die Soldaten der Westgruppe aus der DDR ins offene Feld schickte und die Armee frieren ließ“.

          Dem Zuschauer wird sofort klar, dass der Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland hier als böse Tat interpretiert wird, für die sich nicht nur Michail Gorbatschow selbst, sondern auch alle seine Kinder und Kindeskinder schämen sollen.

          Schimpfwort Allgemeinmensch

          „Die elitären Nachkommen schweißen sich längst zu einer Kaste der Allgemeinmenschen zusammen, sie identifizieren sich mit dem Westen, schauen auf Russland von oben herab und betrachten es lediglich als eine Finanzquelle“, verkündet die Sprecherstimme. Der merkwürdige Begriff „Allgemeinmensch“, das moderne Schmähwort für Anhänger aufklärerischer Werte, stammt eigentlich von Fjodor Dostojewskij, ruft aber eher den stalinistischen Kampf gegen den „abstrakten Humanismus“ in Erinnerung, in dessen Namen das Regime Hunderttausende Bürger als Volksfeinde vernichtete.

          Stalin durfte in diesem Film nicht fehlen – als Vater einer verräterischen und unpatriotischen Tochter: Höhnisch berichten die modernen Propagandisten, wie Swetlana Allelujewa 1967 in die Vereinigten Staaten geflohen war und Böses über ihre sowjetische Heimat verbreitete, nur um in bitterer Armut und Vergessenheit, so der Film, in einem schäbigen Altersheim zu sterben. „Nachkommen stehen oft im Schatten ihrer berühmten Vorfahren“, räsoniert das Staatsfernsehen, „aber selten in einem solchen Maße. Das Schicksal von Allelujewa ist tragisch. Das Leben von Gaidar, Nemzowa und Gorbatschowa ist bloß eine Farce“.

          Das russische Regime, das sich zunehmend in eine Art Familienunternehmen verwandelt, bemüht sich in den letzten Jahren immer mehr, die „traditionellen Werte der Familie“ zu fördern. Auf der praktischen Ebene bedeutet das banale Vetternwirtschaft: Es ist der liebste Spaß der Oppositionellen geworden, aberwitzige Beförderungen von Kindern der Machtelite aufzudecken. Auf der symbolischen Ebene erhebt ,Vater Staat‘ den absoluten Loyalitätsanspruch an alle Bürger. Kein Wunder also, das er sich ausgerechnet an abtrünnigen höheren Töchtern so bitter rächt.

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