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Dieter Wedel zum Siebzigsten Der Menschenfreund in der Systemkrise

 ·  In ihm wütet der reine Furor: Wie der Regisseur Dieter Wedel auch komplexen Stücken ein großes Publikum verschafft und als gelernter Theaterwissenschaftler die Unterhaltung aufmischt.

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© dapd Vergrößern Der Reinhold Messner der Fernsehbranche: Dieter Wedel

Das Geheimnis der Fernsehunterhaltung ist die Induktion, etwas Elektrisches, das elektrisiert. Und so darf man sich den Fernsehhasenstall vorstellen wie eine Ansammlung von Batterien: Neun-Volt-Blockregisseure, Mignon-Sternchen, wackere Babyzellen - und dazwischen ein Atomkraftwerk. Es hört auf den Namen Dieter Wedel, ist unabschaltbar und vereint Druck- und Siedetechnologie.

Dieser Regisseur hat bewiesen, dass man durchaus intelligent unterhalten kann. Dabei ist er selbst das Gegenteil eines quasibeamteten Rundfunkapparatschiks der Bonner Republik, nämlich der reine Furor: Drang, Gier und Wille. Es zog ihn auf den Gipfel, immer schon: Dieter Wedel ist der Reinhold Messner der Fernsehbranche. Und das sogar optisch, was die „Titanic“ - nach dem Hinweis, Millionen seien schon mit ihm intim gewesen - zu der (nicht komplett bewiesenen) Formulierung greifen ließ: „1979 wurde er für die Erstbesteigung von Hildegard Hamm-Brücher gefeiert“.

Anlass war der „Vorabdruck“ aus den 2010 erschienenen und bald per Gerichtsbeschluss geschwärzten Erinnerungen Wedels, die im wirklichen Leben freilich nicht „Komm, lass uns bumpsen (5 Bände im Schuber)“ hießen, sondern „Vom schönen Schein und wirklichen Leben“. Dennoch übertraf die „Titanic“- Version der Casanovarien des „sexuell aktivsten deutschen Regisseurs“ dessen eigene Darstellung nur unwesentlich. Dass seine Energie auch im Amourösen alle Zipfelmützengrenzwerte weit überschreitet, brachte Wedel schon manch verächtliches Schnaufen der Zipfelmützen ein, daneben zahllose Auftritte in der bunten Presse. Er selbst hat seine Entwicklung jüngst lehrbuchartig auf den frühen Tod des Vaters und den Segen mütterlicher Geborgenheit zurückgeführt.

Menschliche Sozialkritik

Seinen wahren Ruhm verdankt Wedel der Gabe, ein so genauer wie mitfühlender Beobachter zu sein: Stets tastet er sich an Konflikte heran und stößt in deren Zentrum auf menschliche Schwächen. Zunächst hatte er sich nach Loriot-Art auf die kleinen Widrigkeiten des Alltags spezialisiert: die Überforderung Eigenheim, die Katastrophe Urlaub. Bald jedoch wurden die Krisen handfester: Auswüchse im Leistungssport oder im Gesundheitssystem. „Das Rentenspiel“ (1977) war ein einziger politischer Kommentar zu den Vorgängen von 1976, als die Bundesregierung die Verkündung von Einschnitten bei der Rente auf die Zeit nach der Wahl verschob - damals ein Skandal, heute Minimaltaktik.

Mit den Mehrteilern „Der große Bellheim“, „Der Schattenmann“ und „Der König von St. Pauli“ rückten korrupte Figuren ins Zentrum. Doch besitzen auch diese Politiker, Finanzmanager, Unterweltbosse und Kassengestellmittelständler stets noch etwas Liebenswertes. Wedels Sozialkritik erwies sich damit allerdings selbst als zu menschlich, als dass sie der mit maschineller Präzision und Kälte funktionierenden Neoökonomie hätte beikommen können: „Gier“, sein Fernsehfilm zur Finanzkrise aus dem Jahr 2010, wie auch schon die aufs Ganze des Politikversagens zielende „Semmeling“-Neuauflage gerieten zu platt und harmlos.

Tendenz zum Spektakel

Das Subtile war allerdings nie Wedels Stärke. In seinen Filmen gibt es haufenweise didaktische Dialoge und überdeutliche Konturen, und doch hat er Momente von großer Strahlkraft geschaffen. Als Hans Korte in seiner Rolle als alt-neuer Personalchef in der „Bellheim“-Kaufhaussaga einmal sagt: „Der schlimmste Narr ist ein alter Narr“, sacken Mario Adorfs Gesichtszüge ab. In Sekundenbruchteilen zerfällt eine ganze Generation. Solche Höhepunkte verdanken sich natürlich den bravourösen Schauspielern, für deren Auswahl Wedel jedoch ein Händchen hat. Er besaß auch die Souveränität, die Ermittler-Hauptrolle im „Schattenmann“ mit Stefan Kurt einem wenig bekannten Theaterschauspieler anzuvertrauen - mit durchschlagendem Erfolg.

Überhaupt blieb der promovierte Theaterwissenschaftler, der nun im zehnten Jahr Intendant der Nibelungen-Festspiele in Worms ist, seinen Wurzeln treu. Ohne Furcht jongliert er die größten Stoffe: Friedrich II., Joseph Süß Oppenheimer (genannt „Jud Süß“) oder die Nibelungen.

Es wurde bemängelt, Wedel kontaminiere das Theater mit Fernsehdramaturgie. Es ist aber wohl vielmehr so, dass die Tendenz zum Spektakel in ihm selbst begründet liegt. Vereinfachungen und Effekte sind für Wedel Mittel der Vermittlung, der Elektrisierung. Das mag Puristen abschrecken, aber es zieht das Publikum in immer noch komplexe Stücke - keine kleine Leistung.

Man wundert sich kaum, dass sich der König von St. Lerchenberg um derart altbackene Autoritäten wie den Kalender nicht schert: „Dieser ganze Altersrassismus in Deutschland nervt mich!“ Er habe sich für seine erste Regiearbeit einst älter gemacht, ließ er vor einiger Zeit verlauten, was freilich im Gegenzug dazu führte, dass er plötzlich drei Jahre jünger wurde. Auch wenn es Dokumente geben soll, die das Geburtsjahr 1939 belegen, wollen wir ihm gern glauben, dass er am 12. November seinen siebzigsten Geburtstag feiert (“Mitte fünfzig“ sei übrigens auch möglich): Es lebe der schöne Schein!

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