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Serie „Stadt ohne Namen“ : Die Zukunft sieht düster aus

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Herrscherfamilie der grausamen Art: Die Premierministerin (Ronit Elkabetz, links) der „Stadt ohne Namen“ mit Mann (Grégoire Monsaingeon) und Tochter (Sarah Stern) Bild: © Kelija/Jean-Claude Lother

Die französische Serie „Stadt ohne Namen“ handelt von einer Welt, in der die Würde des Menschen verloren scheint. Doch es gibt Hoffnung.

          Selten war ein Titel nichtssagender als dieser: „Stadt ohne Namen“ heißt die sechsteilige Serie von Arte France in ihrer deutschen Fassung. Das französische Original trägt den gleichermaßen treffenden wie grausamen Titel „Trepalium“. So heißt ein mittelalterliches Folterwerkzeug aus überkreuzten Pfählen, auf dem die Gliedmaßen eines Bestraften festgebunden und auseinandergezogen wurden, bis der Mensch förmlich zerriss. Das französische Wort für Arbeit, „travail“, leitet sich von dieser unmenschlichen Erfindung ab. Und auch das deutsche Wort „Arbeit“ konnte im Mittelalter noch Strafe, Qual, Not, Mühsal und Streit bedeuten.

          Arbeit als Selbstverwirklichung? Das ist auch in der fernen Zukunft, in der „Stadt ohne Namen“ spielt, unbekannt. Dichter, Philosophen und kreatives Chaos gibt es ebenfalls nicht mehr in dieser sauber in zwei Sphären geteilten Welt. Eine Mauer trennt den „Süden“ von der „Zone“. Der Süden ist anscheinend der Hort des Glücks. Zumindest aus der Perspektive der Zonenbewohner. Im Süden gibt es Wohlstand und sauberes Wasser. Die Menschen in der Zone dagegen leben ohne Kanalisation und Wasser aus dem Hahn; sie stehlen das kostbare Nass, um zu überleben. Ihr ganzes Dasein wird von diesem Verteilungskrieg bestimmt.

          Würde durch Arbeit

          Seit dreißig Jahren steht die Mauer. Wer nördlich von ihr geboren wurde, kennt nur in graublaues Licht getauchte Unwirtlichkeit. Die Heimat der Zonenbewohner ist schmutzig und verwahrlost, die meisten hausen als Obdachlose unter Pappkartons, die Familien sind zerrüttet. Im Untergrund wirkt eine Rebellenorganisation, die den Arbeitsminister des Südens entführt hat und ein Jahr gefangen hielt, auch folterte. Und in einer Höhle voller Bücher wohnt der Lehrer Robinson (Olivier Raboudin). Er lehrt seine Schüler Kritik an der totalitären Gesellschaft des Südens zu üben, deren wichtigste Doktrin lautet: Ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben hat nur, wer eine Arbeit hat. Wer sie verliert, wird in die Zone verbannt. Und wer in ihr zur Welt kommt, dem wird von Geburt keine Würde zuerkannt.

          Der Mensch um seiner selbst willen ist nichts mehr in dieser von Vincent Lannoo (Regie), Sophie Hiet und Antarès Bassis (Buch) entworfenen Dystopie. Soldaten, die Roboterklonen gleichen, bewachen die Mauer und schützen den Wohlstand des in goldenem Licht strahlenden Südens. Doch auch er ist kein Paradies auf Erden. Wer hier im Kampf ums Überleben bestehen will, muss mit Selbstverleugnung, Skrupellosigkeit und Konformität für die Arbeit und damit für sein Lebensrecht zahlen. Jede noch so kleine Abweichung vom vorgegebenen Plan wird bestraft, jeder ist jedem ein Wolf. Die Menschen gleichen Arbeitsbienen, gleich gekleidet, gleich gestimmt und austauschbar. Wer versagt, wird ersetzt. Das alles diene der Sicherung des Wohlstands und dem Überleben, sagt die Propaganda und sagen die herrschenden Oligarchenfamilien, die ihre Macht um jeden Preis verteidigen.

          Die Maschinerie gerät ins Stocken, als die Premierministerin (Ronit Elkabatz) nach Verhandlungen mit den Rebellen ihren Mann, den Arbeitsminister, freibekommt. Ihr Zugeständnis: Zehntausend „Solidaritätsbeschäftigte“ dürfen tagsüber die Zone verlassen, um in den Häusern der Südmenschen zu arbeiten. Ihr Grenzübertritt erinnert an die Internierung von Menschen in die Vernichtungslager des NS-Regimes: Die Zonenbewohner werden desinfiziert, geschoren, ein Code wird auf ihren Arm tätowiert, und als Motto gibt man ihnen den zynischen Satz mit: „Arbeit macht frei.“

          Das ist eine brutale und fragwürdige Assoziation, auf welche die Macher der Serie hier setzen. Sie nehmen den Holocaust als Verweismittel, was die Gefahr der Verharmlosung in sich birgt. Ansonsten verfügt die Serie über kluge Anknüpfungspunkte zu Themen, die uns gesellschaftlich und politisch umtreiben - vom modischen Selbstoptimierungswahn bis zur Flüchtlingskrise. „Stadt ohne Namen“ wirkt beklemmend, weil die Serie jeweils nur einen Schritt von der Vergangenheit und der Zukunft entfernt zu sein scheint. Und in Form eines dunklen Szenarios verhandelt, was nicht verhandelbar ist: die Würde des Menschen.

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