So soll sie aussehen, die digitale Zukunft von ARD und ZDF: Kostenlos können die Menschen sich auf ihren iPads die Auslandsreportage ansehen, aber wenn der Korrespondent aktuelle Notizen oder Hintergründe dazu aufschreibt, müssen sie dafür zahlen. Der Mitschnitt vom Auftritt des Ministers im „Morgenmagazin“ ist frei zugänglich, aber der Artikel, der die wichtigsten Sätze zitiert, mit Hintergründen einordnet und mit Archivlinks verbindet, liegt hinter einer Bezahlschranke. Das Video des Kommentars des Chefredakteurs kann sich jeder angucken, aber das Manuskript, das er vorliest, darf der Sender nicht online stellen, ohne Geld dafür zu nehmen. Wenn die Börsenredaktion möchte, dass jeder Gebührenzahler erfährt, wofür die Buchstabenkombinationen der Ratingagenturen stehen, muss sie die entsprechende Tabelle vor einer Kamera vorlesen lassen.
Es sagt viel über die Qualität der Diskussion aus, dass eine solche Vision nicht als größter vorstellbarer Unsinn, sondern als ernstzunehmender „Kompromiss“ behandelt wird. Das Szenario beruht auf einem Vorschlag von Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG. Danach sollen ARD und ZDF Audio- und Videobeiträge unbeschränkt auch im Internet anbieten dürfen, alle Arten von Texten aber nur gegen zusätzliche Bezahlung.
Dass es ausgerechnet die mit großem technischen Aufwand produzierten Gattungen kostenlos gibt, reine Textnachrichten aber zu exklusiven Premiumprodukten werden, stellt die gefühlte Wertigkeit der Darstellungsformen auf den Kopf. Aber auch in juristischer Hinsicht fehlt es dem Vorschlag an Logik: Kern der aktuellen Auseinandersetzung zwischen Verlagen und den öffentlich-rechtlichen Sendern ist die Frage, ob es ARD und ZDF überhaupt gestattet ist, Nachrichten in Textform zu publizieren. Die Verlagslobby verneint das und beruft sich auf eine Formulierung im Rundfunkstaatsvertrag, die den Öffentlich-Rechtlichen „presseähnliche Angebote“ im Internet untersagt. Mehrere Verlage - darunter der F.A.Z. - klagen deshalb gegen die sogenannte „Tagesschau-App“, die die Inhalte von tagesschau.de für Smartphones und Tablet-Computer aufbereitet. Aber wenn das Gesetz ARD und ZDF angeblich Online-Journalismus in Schriftform verbietet, warum sollte er dann zulässig werden, wenn man ihn nur kostenpflichtig macht? Warum sollen ARD und ZDF mit etwas vermeintlich Unzulässigem auch noch Geld verdienen dürfen - und sogar müssen?
Wer zahlt für etwas, was es nebenan umsonst gibt?
Die Antwort ist einfach: weil es den Verlagen nützte. In Döpfners Vorschlag steckt kein juristisches Argument und keine innere Logik. Er ist Ausdruck der Verzweiflung und eine Aufforderung, sich bei der Gestaltung der Medienordnung ausschließlich von der Frage leiten zu lassen, was den Verlagen nutzt.
Die Argumentation geht so: Verlage brauchen zum Überleben Erlöse aus dem Verkauf ihrer Inhalte in Form von Apps. Solange sie in diesem Markt mit einem gebührenfinanzierten Angebot der „Tagesschau“ konkurrieren müssen, das ähnliche Inhalte in hoher Qualität ohne zusätzliche Kosten anbietet, haben sie dazu keine Chance. In einer Keynote auf der Medienwoche Berlin-Brandenburg entwickelte Döpfner jetzt zwei Szenarien über die künftige Entwicklung einer Qualitätszeitung. Den Unterschied zwischen deren Untergang und einem Geschäft, bei dem die Verleger „gar nicht wissen, wohin mit dem vielen Geld“, machte dabei tatsächlich, ob ARD und ZDF darauf verzichten, in kostenlosen Apps Journalismus in Schriftform anzubieten.
Die Springer-Manager, die sich als Sprecher der Branche gerieren, benutzen ein eingängiges Bild: Man könne kein Bier verkaufen, wenn es nebenan Freibier gibt. Doch das stimmt nicht. Natürlich kann man. Wenn sich das eigene Bier von dem Freigetränk unterscheidet. Es spricht ein merkwürdiger Minderwertigkeitskomplex aus dieser Und-Schnaps-ist-Schnaps-Argumentation, die davon ausgeht, dass Menschen, die heute aus gutem Grund Geld für Qualitätszeitungen ausgeben, bei erstbester Gelegenheit auf eine kostenlose Textversion der „Tagesschau“ umsteigen würden.
Refugien des Qualitätjournalismus
In der analogen Welt schauen täglich rund neun Millionen Menschen die „Tagesschau“. Und trotzdem oder gerade deshalb kaufen sich Hunderttausende am nächsten Tag eine seriöse überregionale Tageszeitung. Warum soll sich das fundamental ändern, nur weil in Zukunft zwischen den Angeboten kein Medienbruch mehr verläuft, sondern sie als Apps im gleichen Online-Laden angeboten werden? Natürlich bietet die „Tagesschau“ im Internet ungleich mehr Tiefe, indem sie die über das ganze ARD-Reich verstreuten Inhalte verlinkt und Meldungen mit Filmen, Radiobeiträgen und Korrespondentenberichten verknüpft.
Erfassbar werden die Inhalte, auch die in Videos und Audios, vor allem über Texte, und „das Verfassen und Lesen von Texten ist eine Kulturtechnik“, wie es in der Begründung zum aktuellen Rundfunkstaatsvertrag heißt. Aber wollen wir als Gebührenzahler und Staatsbürger wirklich diesen Zugewinn an Informationstiefe und die Möglichkeit eines solidarisch finanzierten, für jedermann frei zugänglichen seriösen, und vergleichsweise ausgeruhten Informationsangebots künstlich beschneiden? Damit Springer mehr „Bild“-Apps verkaufen kann?
Es spricht ohnehin wenig dafür, dass sich mit reinen Nachrichten in der digitalen Welt noch viel Geld verdienen lässt. Wie viele Nutzer würden, wenn das kostenlose Angebot von tagesschau.de oder der „Tagesschau“-App verboten würde, tatsächlich umsteigen auf die kostenpflichtigen Anwendungen von „Bild“ oder „Welt“ - wenn das Netz voll ist von irgendwelchen kostenlosen Seiten von irgendwelchen Absendern, die mit unterschiedlicher Qualität die Nachrichten aggregieren? Mit den Freibierständen in der Nachbarschaft werden die Medien leben müssen, da ist es im Sinne einer funktionierenden Gesellschaft, wenn ein paar davon so gute Qualität liefern wie die Nachrichtenangebote von ARD, ZDF und Deutschlandradio.
Können private Medien für Qualität bürgen?
Die Chance, für ihre Inhalte vom Kunden Geld zu nehmen, haben Medienunternehmen nur, wenn sie etwas Besonderes liefern: einen eigenen Blick auf die Welt, eine zuverlässige Filterung, Einordnung und Analyse der Nachrichten, Autoren mit Autorität. Wenn ein Medium das liefert, und gute Zeitungen tun das, muss es sich vor der App-Konkurrenz durch ARD und ZDF so wenig fürchten wie eine Qualitätszeitung heute vor den „Tagesthemen“ im Fernsehen. Im Gegenteil: Für Qualitäts- und Elitenmedien sind ARD und ZDF natürliche Verbündete, weil sie für eine breite Grundinformiertheit sorgen, die einen anspruchsvollen gesellschaftlichen und politischen Diskurs, wie er in führenden Printmedien stattfindet, überhaupt erst möglich macht.
Die konkreten Umstände, die zur Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland geführt haben, haben sich spätestens mit der Digitalisierung erledigt. Es gibt keinen Frequenzmangel mehr; die Vertriebskosten bewegen sich gegen null. Es wäre aber falsch, daraus zu schließen, dass die Berechtigung eines öffentlich-rechtlich verfassten Rundfunks damit hinfällig geworden sei. ARD und ZDF beziehen ihre Legitimation nicht aus einer konkreten technischen Situation, sondern aus der Frage, ob private Medien verlässlich in der Lage sind, für qualitativ hochwertige Inhalte zu sorgen. Im Rundfunk waren der Gesetzgeber und das Bundesverfassungsgericht bei dieser Frage skeptisch, und unter den völlig anderen Vorzeichen eines Überflusses von Anbietern und Informationen kann man es heute wieder sein.
Die klassischen Finanzierungsmodelle von Journalismus funktionieren im Internet im Augenblick schlecht: Es gibt Werbeflächen im Überfluss, und die für Kunden attraktivsten sind nicht unbedingt diejenigen, die den Produzenten von Inhalten gehören. Medien können aus einem Online-Leser viel weniger Werbeeinnahmen schöpfen, und auch das Erzielen von Vertriebserlösen ist schwierig. Es gibt zwar vielversprechende Versuche, Menschen auch im Internet dazu zu bringen, für Inhalte zu zahlen, aber die stehen noch am Anfang.
Medien ohne Boulevardisierungsdruck
Hinzu kommt, dass das Internet eine extreme Form der Fixierung auf Leserzahlen begünstigt - in ganz anderer Weise als beim Fernsehen, aber mit ähnlichen Effekten. Beim Fernsehen führen die hohen Produktions- und Vertriebskosten dazu, dass kommerzielle Veranstalter in aller Regel versuchen müssen, ein sehr breites Publikum anzusprechen - entsprechend groß ist die Verführung, auf unterhaltsame Massenware zu setzen. Im Internet entsteht der Quotendruck dadurch, dass die Abrufzahlen jedes einzelnen Beitrags in Echtzeit abzufragen sind. Die - zumindest kurzfristig - positiven Folgen einer reißerischen Überschrift lassen sich unmittelbar sehen, und ein Stück, das anspruchsvoller daherkommt, muss sich direkt dem Abrufvergleich mit einem bunten Knaller stellen. Nicht jedes kommerzielle Angebot will oder kann es sich leisten, dem dadurch entstehenden Boulevardisierungsdruck zu widerstehen.
Wie können unter diesen Bedingungen guter Journalismus und hochwertige Inhalte entstehen? Die Verlagslobby propagiert ein Modell, das alle Stellschrauben zu ihren Gunsten dreht, mit neuen Einnahmen durch ein zu schaffendes Leistungsschutzrecht, Steuervergünstigungen und einer Marginalisierung von ARD und ZDF. Dann, so die Logik, und nur dann könnten sie wirtschaftlich erfolgreich hochwertige Inhalte produzieren, die eine Gesellschaft braucht.
Dabei gibt es eine bewährte Alternative zu diesem Kurs. Die Schwierigkeiten, gute Inhalte im Internet zu finanzieren, könnten ARD und ZDF eine neue Legitimation geben, die im Grunde die alte ist. Sie könnten - und müssten - es sich leisten, nicht das Rennen um die meisten Klicks mitzumachen, sondern zu versuchen, mit einem breiten und tiefen Angebot möglichst viele Menschen möglichst gut zu informieren. Die öffentlich-rechtlichen Absender bieten, wie das Fernsehprogramm beweist, keine Gewähr dafür, dass das geschieht, aber sie bringen die besten Voraussetzungen mit.
Die Möglichkeit zum mutigen Voranschreiten
Ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Internet wäre im Interesse der Gesellschaft. Er könnte Maßstäbe setzen, Vorreiter sein beim Einsatz neuer Techniken und Urheberrechtsmodelle, als Vorbild dienen für modernen, transparenten Online-Journalismus. Es gibt einzelne Ansätze dafür, dass das bereits geschieht: Die vielen Grimme Online-Preise sind ein Indiz dafür; das ZDF setzte mit seiner Mediathek frühe Maßstäbe, und tagesschau.de funktioniert gut als adrenalinreduzierte Alternative zu „Spiegel Online“. Aber viel zu oft sind ARD und ZDF im Internet in der Defensive, um wirklich mutig voranzugehen.
Das wäre ein Thema, über das es sich zu diskutieren lohnte: wie der öffentlich-rechtliche Auftrag am besten offensiv ins Netz übersetzt werden könnte und wie ARD und ZDF aus den Milliarden Gebühren, die sie von uns bekommen, im digitalen Zeitalter den meisten Wert für die Gesellschaft schöpfen. Stattdessen diskutieren wir, ob es ihnen erlaubt ist, Inhalte in schriftlicher Form zu veröffentlichen. Die ganze Frage ist ein Anachronismus, ebenso wie die Unterscheidung in „Rundfunk“ und „presseähnliche Inhalte“. Springer-Chef Döpfner selbst sagt, dass sich in den Apps, in denen er die Zukunft der Medien sieht, „bewegte Inhalte und Texte ganz selbstverständlich mischen“, will aber genau diese Selbstverständlichkeit den Öffentlich-Rechtlichen untersagen.
Der Angriff auf die „Tagesschau-App“ und Döpfners vermeintlicher Kompromissvorschlag zielen auf den Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Und er hat unrecht, wenn er sagt, keiner hätte ein Problem damit, dass ARD und ZDF im Internet ohne Einschränkungen Video-Inhalte publizieren. Die Privatsender hätten damit natürlich ein Problem.
Konsequenzen der Unsicherheit
Es ist kein Versehen, dass Döpfner die eigenen Interessen mit denen aller anderer verwechselt. Die Verlagslobby hat es geschafft, sich in der Debatte als Vertreter der Allgemeinheit darzustellen. Die Presse steht zwar unter dem besonderen Schutz des Staates, weil funktionierende freie Medien elementar für unsere Demokratie sind. Das bedeutet aber nicht, dass alles, was gut für Verleger ist, gut für das Allgemeinwohl ist.
Es ist bemerkenswert, wenn Döpfner einräumt: „Man kann mit Gebühren andere Dinge machen, anspruchsvollere Projekte realisieren.“ Wenn sich ARD und ZDF von ihren Gebühren Dinge leisten, die sich private Anbieter nicht leisten können, und zwar in einem Bereich, in dem es um journalistische Inhalte geht und nicht etwa um den überteuerten Kauf von Sportrechten - dann mag das schlecht sein für die Verlage. Aber es ist im Interesse der Allgemeinheit. ARD und ZDF wird vorgeworfen, mit ihren Angeboten den Markt zu verzerren. Das ist richtig, aber es ist gewollt. Die Idee der Öffentlich-Rechtlichen beruht darauf, ein Angebot zu schaffen, das den Mechanismen des Marktes und seinen negativen Wirkungen weitgehend entzogen ist. Es spricht Bände, wie wenig diese Selbstverständlichkeit als solche wahrgenommen wird - und als Chance.
Der Umbruch der Medienwelt ist dramatisch, und tatsächlich ist im Augenblick völlig unklar, wie in Zukunft hochwertige Inhalte finanziert werden können. Es wäre sträflich, als Konsequenz aus dieser Unsicherheit ausgerechnet die Organisations- und Finanzierungsform beschneiden zu wollen, die wie dafür gemacht ist, solche Krisen zu überstehen. Die wahre Qualitätspresse muss diese Konkurrenz nicht fürchten.
Der Rundfunkstaatsvertrag
Ronny Schaffer (RonSchaffer)
- 19.09.2011, 18:05 Uhr
Usurpator:
Frank Pauls (faweho)
- 18.09.2011, 20:24 Uhr
scharf und sinnig
Burkhard Reitz (hmg.reitz)
- 18.09.2011, 19:38 Uhr
ARD und ZDF sollen wirtschaftlich arbeiten, ...
Sophia Orti (rum)
- 18.09.2011, 17:45 Uhr
Angst essen Verstand auf
Herbert Sax (H.Sax)
- 18.09.2011, 16:05 Uhr