http://www.faz.net/-gqz-8y2q9

Existenzkrise bei der VG Wort : Weihnachten, mitten im Mai

Rund 180.000 Wahrnehmungsberechtigte dürfen Ende Juni mit einem Geldsegen rechnen: Journalist im Bayerischen Landtag. Bild: Picture-Alliance

Die Verwertungsgesellschaft Wort, die für Autoren und Verlage eintritt, hat ihre Existenzkrise bewältigt. Jetzt dürfen viele mit einem Geldsegen rechnen.

          Es gibt noch gute Nachrichten. Die Verwertungsgesellschaft Wort wird nicht zerschlagen. Im Gegenteil. Sie steht auf einem neuen Fundament und kann ihr jahrzehntelanges Eintreten für die Urheberrechte von Autoren und Verlagen fortsetzen. Ihre Mitglieder haben einen Verteilungsplan beschlossen, dem zufolge die von der VG Wort erzielten Einnahmen entweder zu hundert Prozent an die Autoren gehen oder, so diese zustimmen, ihre Verlage zu einem bestimmten Prozentsatz beteiligt werden. Für die rund 180.000 Wahrnehmungsberechtigten, die an den Einnahmen partizipieren, bedeutet dies, dass sie Ende Juni mit einem Geldsegen rechnen dürfen. Denn die VG Wort hat allein im vergangenen Jahr knapp 185 Millionen Euro eingenommen und sitzt auf einem Vermögen von insgesamt mehr als einer halben Milliarde Euro, das sie endlich unter die Leute bringen will. Dass sie das könnte, ja dass sie als gemeinsame Interessenvertretung von Autoren und Verlagen überhaupt bestehen bliebe, danach sah es noch im vergangenen Herbst nicht aus. Doch die Dinge haben sich dramatisch gewendet – zum Positiven.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Vor etwas mehr als einem Jahr schien es so, als sei das Modell der Urheberrechtslobby, wie es die VG Wort seit ihrer Gründung im Jahr 1958 vertritt, am Ende. Denn im April 2016 entschied der Bundesgerichtshof in einem Rechtsstreit zwischen der VG Wort und dem Autor Martin Vogel, dass die pauschale Verteilung der Einnahmen aus Urheberrechtsabgaben, wie sie die VG Wort zwischen Autoren und Verlagen bis dato vorgenommen hatte, nicht rechtens sei. Strittig blieb, ob damit nur eine pauschale Quotierung, wie sie bei der VG Wort zwischen Autoren und Verlagen galt, verworfen wurde oder die gemeinsame Interessenvertretung an sich.

          Ein paar wenige Stimmen fehlten

          Auf zwei außerordentlichen Mitgliederversammlungen formierte sich eine kleine Kritikergilde um den Autor Vogel und eine Journalistengruppe namens „Freischreiber“, deren scharfe Rhetorik darauf hinauslief, dass Verlage grundsätzlich nichts in der VG Wort verloren hätten. Wieder und wieder traten dieselben drei, vier, fünf Sprecher in quälend langen Versammlungen vor das Saal-Mikrofon und feuerten einen Angriff nach dem anderen auf den Vorstand der VG Wort ab.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Mochte der Widerstand vieler anderer Mitglieder gegen dieses Vorgehen auch groß und ebenfalls deutlich formuliert sein, war es doch der kleinen Gruppe aufgrund der komplizierten Abstimmungsregeln der VG Wort möglich, die Vorschläge für eine Übergangsregelung zu blockieren. In jeder der sechs Berufsgruppen, die in der VG Wort vertreten sind, ist bei grundlegenden Fragen nämlich eine Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitgliederstimmen notwendig. Während Verleger, Autoren und Übersetzer in Wissenschaft und Belletristik und Presseverleger durch die Bank mit der nötigen Mehrheit Vorschlägen des VG-Wort-Vorstands für Lösungen nach dem BGH-Urteil zustimmten, fehlte es in der Berufsgruppe 2 der Journalisten (welcher der Verfasser zugehört und in der er auch mitstimmt) in einigen Fällen an ein paar wenigen Stimmen.

          Sprunghafter Mitgliederzuwachs schafft neue Mehrheiten

          Die Bundesregierung legte der VG Wort freilich zu Weihnachten ein Paket auf den Gabentisch, das sich als rettend erweisen sollte: Am 24. Dezember 2016 trat das Verwertungsgesellschaftengesetz (VGG) in Kraft, das ausdrücklich vorsieht, dass sich Autoren und Verlage in einer Gesellschaft zusammenschließen können, welche die Nutzung der Urheberrechte wahrnimmt. Allerdings darf dies, was die Verteilung der Einnahmen angeht, nicht mit den Pauschalquoten geschehen, wie sie bei der VG Wort galten. Das Modell, das eine Bewertungsgruppe der VG Wort nun ersonnen hat, lautet wie folgt: Die Einnahmen, die aus der Nutzung von Urheberrechten erzielt werden, können die Autoren zu hundert Prozent behalten, sie können aber auch einer Beteiligung der Verlage zustimmen. Diese Zustimmung erfolgt anonym und auf das Werk oder die Werke bezogen, um die es geht. In den verschiedenen Sparten – Presse, Belletristik, Wissenschaft – gibt es unterschiedliche Quoten, die jedoch stets die Mehrheit der Einnahmen den Autoren zuweisen. Die Anteile liegen zwischen sechzig und fünfundachtzig Prozent.

          Weitere Themen

          Es geht um unsere Sache

          Resolution von Münster : Es geht um unsere Sache

          Der Erfolg des Rechtspopulismus berührt das Geschäft der Historikerinnen und Historiker. Darum hat sich die Mitgliederversammlung ihres Verbandes unter Einhaltung demokratischer Spielregeln zur Lage der Demokratie geäußert.

          Es fehlt der Realitätsbezug Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Dogman“ : Es fehlt der Realitätsbezug

          Der neue Film von Matteo Garrone ist kein schöner Film und spielt in einer Gegend, die wir oft nur aus dem Kino kennen: Auf der Rückseite Süditaliens. - Ob es sich trotzdem lohnt ihn zu sehen verrät Andreas Kilb.

          So teuer ist das Studentenleben

          Steigende Mieten : So teuer ist das Studentenleben

          900 Euro im Monat braucht ein Student im Durchschnitt. Dann darf er aber nicht in Heidelberg oder München wohnen. In diesem Wintersemester müssen die Eltern wieder mehr Geld für ihren Nachwuchs ausgeben.

          Topmeldungen

          Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl: Rainer Rahn, stellvertretender Vorsitzender der AfD Hessen.

          AfD vor den Landtagswahlen : Bürgerliche Brandstifter?

          Die hessische AfD präsentiert sich vor der Landtagswahl gemäßigter als der Rest der Partei. Die Angriffe aus der CDU versucht sie, für sich zu nutzen.
          Stadtvillen in Dresden

          Immer mehr Geld : So viele neue Millionäre gibt es in Deutschland

          Der Club der Reichen hierzulande wächst – und könnte in den nächsten Jahren noch deutlich größer werden. Denn besonders eine Sache erweist sich für die Deutschen derzeit als hochprofitabel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.