http://www.faz.net/-gqz-8y2q9

Existenzkrise bei der VG Wort : Weihnachten, mitten im Mai

Bevor es darüber am Samstag in München auf der Mitgliederversammlung der VG Wort zur Abstimmung kam, verwies der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel darauf, um welch ein „revolutionäres“ System es sich hier handele. Er verstand dies erkennbar als Hinweis an diejenigen, die zuvor abermals den Vorstand der VG Wort mit Vorwürfen eingedeckt hatten, deren Möglichkeiten, die Verwertungsgesellschaft auseinanderzunehmen, durch die neue Gesetzeslage nun aber geschmälert waren. Bei den Abstimmungen gab es dann erstaunlicherweise Mehrheiten für alle Beschlüsse mit um die neunzig Prozent Zustimmung. Was auch damit zu tun haben kann, dass die VG Wort die Zahl ihrer Mitglieder binnen eines Jahres mehr als verdoppelt hat und sich die Verhältnisse bei den Abstimmungen verändert haben. Anfang 2016 zählte die VG Wort noch 401 Mitglieder, nach jetzigem Stand sind es 835, von denen rund 430 mit ihren Stimmen in der jetzigen Mitgliederversammlung vertreten waren. Ergebnis: Der Vorstand und der Verwaltungsrat der VG Wort wurden entlastet, der Jahresabschluss gebilligt, der neu eingeführte Transparenzbericht auch und schließlich – was der Knackpunkt der Zusammenkunft war – der Verteilungsplan, ohne den die VG Wort die Millionen, auf denen sie sitzt, nicht an die Wahrnehmungsberechtigten weitergeben kann.

Sichere Perspektiven nach einem schwierigen Jahr

Dabei geht es um die Einnahmen an sich und auch um die Summen, welche die VG Wort an Verlage in den Jahren 2012 bis 2016 ausgezahlt hatte, nach dem BGH-Urteil aber zurückfordern muss. Die Rückforderungen belaufen sich auf knapp 86 Millionen Euro, von denen rund dreißig Millionen Euro schon eingegangen sind. Großen Buchverlagen bereitet diese Rückzahlung meist keine Probleme, für viele kleine aber sind die geforderten Summen existentiell. Der C.H. Beck Verlag wehrt sich vor dem Bundesverfassungsgericht mit einer Beschwerde gegen die Konsequenzen aus dem BGH-Urteil.

Die Summen, die hier anliegen, sind erheblich. Sie verdeutlichen, was ein Wirtschaftsverein, der sich für Urheberrechte einsetzt, die im digitalen Zeitalter bedrohter sind denn je, in langen Verhandlungen und Prozessen vor Gericht erreichen kann, wenn er schlagkräftig ist. So belief sich der Kassenbestand der VG Wort zum 31. Dezember 2016 auf rund 572 Millionen Euro. Rund 185 Millionen gingen im vergangenen Jahr ein, davon 124 Millionen aus Abgaben für die klassische Vervielfältigung von Texten und 61,7 Millionen Euro durch Nachzahlungen für die Urheberrechtsnutzung durch Computer für die Jahre 2001 bis 2007. Mit einer Nachzahlung dieser Art hatte die VG Wort ihre Nutznießer schon im vergangenen Jahr beglücken können, nachdem sie einen Prozess, der Nachzahlungen über mehr als ein halbes Dutzend Jahre umfasste, mit einem Vergleich hatte abschließen können.

Es gibt eine gemeinsame Zukunft

Es geht also um viel – um viel Geld und um eine Rechtevertretung, die seit 1958 stetig an Bedeutung gewonnen hat und sehr effizient ist. Die VG Wort leistet ihre Arbeit mit einem Verwaltungskostenanteil von rund vier Prozent, einem kleinen Mitarbeiterteam und dem Engagement eines ehrenamtlich tätigen Verwaltungsrats – eine Arbeit, die immer wichtiger wird, blickt man auf die Verwertungskette im Internet, an deren Ende immer nur ein paar wenige Weltkonzerne stehen, die dreistellige Milliardenbeträge umsetzen. Mit dem neuen Verteilungsplan sei die Grundlage dafür geschaffen, die Arbeit der VG Wort erfolgreich fortzusetzen, sagten die beiden geschäftsführenden Vorstände der VG Wort, Robert Staats und Rainer Just: „Ein wichtiger Schritt in die Zukunft ist gelungen.“

Es sei ein „sehr schwieriges und von Kontroversen geprägtes Jahr“ gewesen, sagte Robert Staats dieser Zeitung. Nachdem der Gesetzgeber klargestellt habe, „dass gemeinsame Rechtewahrnehmung für Autoren und Verlage innerhalb einer gemeinsamen Rechteverwertungsgesellschaft möglich ist“, sei es jetzt auch in den Gremien der VG Wort gelungen, den Weg dafür zu eröffnen. „Das ist ein sehr gutes Signal nach innen und nach außen, dass die VG Wort ihre erfolgreiche Arbeit im Sinne von Urhebern und Verlagen erfolgreich fortsetzen kann.“ Dass es eine solche gemeinsame Zukunft überhaupt gibt, ist erst seit dem vergangenen Samstag amtlich.

Weitere Themen

Die Löschung aus dem Vereinsregister droht

Mainz 05 : Die Löschung aus dem Vereinsregister droht

Mainz 05 meldet Rekordumsatz und satten Gewinn: Für Aufsehen bei der Mitgliederversammlung sorgt aber ein Brief des Vereinsregisters. Dem Bundesligaklub droht der Abschied vom Dasein als eingetragener Verein.

„Halloween“ Video-Seite öffnen

Kinotrailer : „Halloween“

„Halloween“, 2018. Regie: David Gordon Green. Darsteller: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak. Verleih: Universal Pictures Germany. Kinostart: 25. Oktober 2018

Nach der Manipulation ist vor der Manipulation

Urheberrecht in der EU : Nach der Manipulation ist vor der Manipulation

Im Sommer wurde das Europäische Parlament mit Massen-E-Mails und einem Twitter-Sturm eingedeckt. Die Aktion war gesteuert und richtete sich gegen die EU-Urheber-Richtlinie. Diese wird nun im „Trilog“ mit der Kommission und dem Rat diskutiert. Die Gegner machen weiter.

Es geht um unsere Sache

Resolution von Münster : Es geht um unsere Sache

Der Erfolg des Rechtspopulismus berührt das Geschäft der Historikerinnen und Historiker. Darum hat sich die Mitgliederversammlung ihres Verbandes unter Einhaltung demokratischer Spielregeln zur Lage der Demokratie geäußert.

Topmeldungen

Amerikas Präsident Donald Trump

„Ich bin ein Nationalist“ : Trump ist der Präsident der Rechten

Donald Trump verteidigt sein Bekenntnis, ein Nationalist zu sein – und relativiert ein bisschen. Doch die rechte Basis in Amerika feiert es, wie der Präsident die Grenze des Akzeptablen immer weiter verschiebt.
Unsere Sprinter-Autorin: Heike Göbel

FAZ.NET-Sprinter : Endspiel um die Kohle

Im Rheinischen Revier bereiten Bergleute der Kohlekommission heute einen heißen Empfang. In Hessen beginnt unterdessen der Endspurt um die Staatskanzlei – und das Mitleid mit der strauchelnden SPD wächst.

Migranten auf Weg nach Amerika : Pompeo: Sie haben keine Chance

Amerikas Regierung droht den Tausenden Migranten, die in Richtung der amerikanischen Grenze marschieren. Die Mittelamerikaner schreckt das nicht ab. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk sind viele asylberechtigt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.