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„Die Tore der Welt“ bei Sat.1 Die tapferen Weiber von Kingsbridge

 ·  In „Die Tore der Welt“ nach Ken Follett ist das Mittelalter realistisch wie selten im Fernsehen. An Gewalt und Sex wird nicht gespart. Die Historie wird allerdings feministisch umgedeutet.

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© Sat.1 Eng verwandt und doch die größten Feinde: Prior Godwyn (Rupert Evans) bezichtigt seines Cousine Caris (Charlotte Riley) der Hexerei

Die Galgen sind geschäftig, und weil das Handwerk der Henker noch kaum entwickelt ist, ersticken die Hingerichteten langsam und qualvoll. Wir schauen zu. Vergewaltigungen im Ehebett, erst recht aber in Wald, Flur, Scheune, Kammer oder Beichtstuhl gehören zum Alltag und werden nur in ganz seltenen Fällen geahndet. Gezeigt werden sie allemal.

Auf den Schlachtfeldern herrscht gnadenloses Hauen, Stechen, Metzeln, im Hinterland wird hemmungslos gebrandschatzt, geplündert und gemordet. Wir sind dabei. Die Pest wütet, die schwarzen Beulen wachsen und brechen auf, der Auswurf der Erkrankten und Sterbenden ist grauenerregend. Es wird uns nichts erspart. Mittelalter-Realismus eben.

Dabei erscheint diese Epoche, die der Vierteiler „Die Tore der Welt“ - reine Spieldauer: gut sechs Stunden - von Montag, dem 3. Dezember, an präsentiert, keineswegs finster, sondern über weite Strecken farbenfroh und lichtdurchflutet. Damen wie Dirnen putzen sich mächtig heraus, Mönche, Ritter, Bauern und Bürger halten auf sich. Prächtig steht das Korn auf den Feldern, im Schloss wird getanzt und getafelt - und selbst die Kathedrale, die in Ken Folletts Romanvorlage noch „düster und gewaltig“ aufragt, ist im Film von gotischer Grazie und von fast marmornem Glanz.

Das Dunkel ist innen, in der Küche der Giftmischerin, in den Gemächern des Priors, in den Seelen der Menschen.

Die Freiheiten des Drehbuchautors

Folletts 1300 Seiten umfassender Erzählkoloss „Die Tore der Welt“, 2007 erschienen, entfaltet die Geschehnisse in der fiktiven, von Wollhandel und einem Doppelkloster für Mönche und Nonnen geprägten Stadt Kingsbridge zwischen 1327 und 1361, Nebenstränge der Handlung spielen in der bäuerlichen Gemarkung Wigleigh und auf Schloss Shiring, nur wenige Szenen situiert der Autor in London und in der Normandie.

Handwerklich geschickt rafft das Drehbuch des Amerikaners John Pielmeier die Fülle der Figuren und Ereignisse, fügt dem Film aber auch eine opulent illustrierte Ebene hinzu, die es im Roman gar nicht gibt: das Leben König Edwards III. und seiner Mutter Isabella von Frankreich im Palast von Westminster.

Auch wenn Pielmeier dafür den tatsächlichen Gang der Dinge kräftig manipuliert - Edward III. verbannte Isabella drei Jahre nach seiner Krönung von 1327 und ließ sie, anders als im Film, nie mehr an den Hof zurück -, hat er dramaturgisch gleich mehrfach recht. Mit dem König (Blake Ritson) und mit Isabella (Aure Atika) gewinnt diese internationale und um die vierzig Millionen Euro teure Produktion zwei höchst ansehnliche und die Handlung befeuernde Rollen.

Engelsgleich gut, teuflisch böse

Vor allem aber kann der Film auf diese Weise einen rechtlichen, also eher abstrakten Vorgang durch Personalisierung veranschaulichen: den Kampf der Bürger von Kingsbridge gegen Kloster und Bischof um die Stadtrechte, bei dem der königlichen Zentralgewalt ein entscheidender Part zufällt.

Gravierender ist eine zweite Manipulation: die feministische Umdeutung des Mittelalters. Nun liebt auch Ken Follett starke Frauen in seinen historischen Romanen sehr, schließlich wollen seine heutigen Leserinnen nicht ständig mit der gesellschaftlichen wie privaten Ohnmacht und der weitgehenden Rechtlosigkeit ihrer Schwestern von gestern konfrontiert werden. Aber das Heer an Historikern, das der Follett-Manufaktur zuarbeitet, sorgt allemal für die nötige Fakten-Balance.

Der Film geht da entschieden robuster vor. Seine Heldinnen, ob engelsgleich gut oder teuflisch böse, sind nicht nur strahlend schön, sondern auch so mutig und entschlossen, als wären sie Präfigurationen wahlweise von Robin Hood oder Rosa Luxemburg.

Caris, Gwenda, Petranilla

Caris, des Wollhändlers Tochter, an ihrer Spitze. Gespielt von Charlotte Riley, ist sie die Güte, die Weisheit und die Heilkunde in Person - und deshalb natürlich auch die permanent verfolgte, selbstredend der Hexerei bezichtigte Unschuld. Ihr landproletarisches Pendant heißt Gwenda, von der Wienerin Nora von Waldstätten mit herbem Walküren-Charme dargestellt. Als Gwenda schließlich mit dem lange vergeblich begehrten Wulfric (Tom Cullen) vor den Altar der Kathedrale tritt, wird ihr, Gipfel der Emanzipation im Spätmittelalter, vom Aushilfsprior des Klosters sogar die Formel erlassen, sie wolle und werde ihrem Gatten fürderhin untertänig und gehorsam sein. Cynthia Nixon schließlich, berühmt als Anwältin Miranda Hobbes bei „Sex and the City“, ist Petranilla, eine kaltblütige Mehrfachmörderin mit gleichwohl unantastbarer Würde.

Einerseits also bieten „Die Tore der Welt“ ein völlig ungeschöntes Panorama des Mittelalters, dessen herbe und harte Szenen keinerlei Zimperlichkeit zulassen. Andererseits tischen sie ein feministisches Märchen auf, das bisweilen ans Groteske grenzt. Wer bereit ist, diesen Widerspruch hinzunehmen, wird von der Follett-Verfilmung des Regisseurs Michael Caton-Jones durchaus belohnt.

Wie der Roman schickt auch der Film die aus Not zur Nonne gewordene Caris mit einer Novizin in die ersten Schlachten des gerade beginnenden Hundertjährigen Kriegs zwischen England und Frankreich, wie im Roman entdecken die beiden auch im Film ihre lesbischen Neigungen. Anders als im Roman aber bleibt der Krieg keine Episode am Rand, sondern rückt gerade im dritten der vier Teile auf beklemmende und beeindruckende Weise ins Zentrum.

Der Brückenbruch und seine Folgen

Am Ende der ersten Folge bricht die hölzerne Brücke von Kingsbridge, als man auf ihr eine Hexe hängen will. Hunderte stürzen in den Fluss, viele werden ertrinken: eine Passage von großer Wucht. Die Folgen des Unglücks werden auch die Zukunft der männlichen Hauptfiguren prägen, jene des sanftmütigen Baumeisters Merthin (Tom Weston-Jones) und seines Gegenspielers, des bigotten neuen Priors Godwyn (Rupert Evans).

Sehr originell - und völlig anders als Folletts Roman - inszenieren Regie und Drehbuch die Geschichte des Ritters und Mönchs Thomas von Langley (Ben Chaplin). Sie beginnt gleich am Ende des Vorspanns, löst sich erst in den allerletzten Szenen auf - und führt dabei zurück zu den Hofintrigen von Westminster ganz zu Anfang von Edwards Regentschaft.

Vor zwei Jahren hat Sat.1 mit großem Erfolg „Die Säulen der Erde“ nach Folletts erstem, im zwölften Jahrhundert spielenden Kingsbridge-Roman ausgestrahlt: Mehr als sechs Millionen Zuschauer schalteten im Durchschnitt ein. „Die Tore der Welt“ halten die Spannung und das Niveau. Ob Sat.1 damit aufs Neue reüssiert, wird sich weisen.

Die Tore der Welt beginnen am Montag und Dienstag (3. und 4. Dezember) um 20.15 Uhr mit den ersten beiden Folgen. Jeweils eine Woche (10. und 11. Dezember) danach sendet Sat.1 die Folgen drei und vier.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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