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Die „Tagesschau“ ist 60 Stillstand als Programm

 ·  Seit sechzig Jahren tut die „Tagesschau“ so, als wäre Objektivität eine Tugend. Auch dies hat zur Beliebtheit der Sendung beigetragen. Aber die Idylle trügt: Es wird zu viel Leere produziert.

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© dpa Vergrößern Karl-Heinz Köpcke war der erste Chefsprecher der „Tagesschau“

Am 25. Dezember 1952 begann das Deutsche Fernsehen mit dem sogenannten geregelten Sendebetrieb, einen Tag später lief die erste „Tagesschau“, und wenn einem viele der Eigenheiten dieser Sendung heute etwas betagt vorkommen, die Sprache etwa, das Tempo oder, ganz grundsätzlich, die Anmaßung, das Weltgeschehen täglich in fünfzehn Minuten fassen zu können, dann ist das angesichts der sechzig Jahre, die seit der ersten Ausstrahlung vergangen sind, nicht unbedingt verwunderlich. Es liegt aber nicht an ihrem Alter, dass die „Tagesschau“ so alt aussieht. Sie ist noch nie modern gewesen.

Es mag schon sein, dass das am Anfang etwas Neues war, ein Schock der Bilder und ein Clash der Lebenswelten, wenn abends der Bundeskanzler im Wohnzimmer vorbeischaute oder auch mal ein paar Vietcong. Aber selbst als die „Tagesschau“ im Jahr 1956, statt vorher dreimal in der Woche, täglich lief und sich von der BBC die günstige Idee abgeschaut hatte, einen günstigen Sprecher zu zeigen statt kommentierter Bilder, war sie ein Minderheitenprogramm.

Volljährig wurde die „Tagesschau“ erst Anfang der Siebziger, als nicht mehr 2000 Leute zuschauten, sondern das ganze vollversorgte Fernsehland. Es muss in dieser Zeit gewesen sein, dass die Macher der „Tagesschau“ anfingen, an den eigenen Mythos zu glauben, an die Legende, die auch bei diesem Jubiläum wieder auf allen Glückwunschkarten steht: dass sie eine bedeutende Instanz ist, eine unverzichtbare Institution, eine Säule der deutschen Demokratie.

Die Beliebtheit sagt nichts über Qualität

Es stimmt ja, dass sie vielen zur Gewohnheit geworden ist. Nur leider klingt es heute, hört man ihren Verantwortlichen zu, manchmal, als wäre der gemeinschaftsstiftende Effekt der „Tagesschau“ ihre eigentliche Aufgabe. Sie gebe vielen Menschen in Deutschland eine Struktur, sagte der NDR-Intendant Lutz Marmor auf der Jubiläumsgala Anfang Dezember, als wäre er der Seelsorger der Nation.

Wer dermaßen beseelt ist von der eigenen Bedeutung, der kommt kaum auf die Idee, dass die Beliebtheit der „Tagesschau“ womöglich mit ihrer Qualität gar nichts zu tun hat; dass sie sich ihre Relevanz nur vom Weltgeschehen borgt; dass sie sich ändern müsste, wenn auch die Welt sich ändert, über die sie berichtet. Das aber ist schon deshalb so schwer denkbar, weil ihre Produzenten viele ihrer Unzulänglichkeiten für eine Stärke halten: Starrheit gilt als Verlässlichkeit, Unentschlossenheit als Objektivität, Leidenschaftslosigkeit als seriös.

Rituelle Rituale

Seit Jahrzehnten also erzählt die „Tagesschau“ die gleichen Geschichten: Kabinette tagen, Koalitionen diskutieren, Politiker kündigen an, Oppositionen kritisieren, Wechselkurse schwanken, Proteste werden fortgesetzt, Streits dauern an, Streiks dauern an, der Opfer wird gedacht, der Präsident ist am Nachmittag zu einem dreitägigen Staatsbesuch eingetroffen, hundert wurden verletzt, eine Katastrophe droht, Bundesländer steuerten auf einen neuen Anlauf zu, ein Scheitern des Gipfels konnte verhindert werden, die Partei zeigte Geschlossenheit, die Partei einigte sich auf Eckpunkte ihrer Wirtschaftspolitik, der Minister hat dem Vorschlag eine Absage erteilt, als Grund nannte er, Bahnfahren ist wieder teurer geworden, zum Sport. Einige dieser Beispiele stammen aus der vergangenen Woche, andere aus den achtziger Jahren. Auch sprachlich ist der Stillstand Programm.

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