http://www.faz.net/-gqz-759a9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.12.2012, 20:01 Uhr

Die „Tagesschau“ ist 60 Stillstand als Programm

Seit sechzig Jahren tut die „Tagesschau“ so, als wäre Objektivität eine Tugend. Auch dies hat zur Beliebtheit der Sendung beigetragen. Aber die Idylle trügt: Es wird zu viel Leere produziert.

von
© dpa Karl-Heinz Köpcke war der erste Chefsprecher der „Tagesschau“

Am 25. Dezember 1952 begann das Deutsche Fernsehen mit dem sogenannten geregelten Sendebetrieb, einen Tag später lief die erste „Tagesschau“, und wenn einem viele der Eigenheiten dieser Sendung heute etwas betagt vorkommen, die Sprache etwa, das Tempo oder, ganz grundsätzlich, die Anmaßung, das Weltgeschehen täglich in fünfzehn Minuten fassen zu können, dann ist das angesichts der sechzig Jahre, die seit der ersten Ausstrahlung vergangen sind, nicht unbedingt verwunderlich. Es liegt aber nicht an ihrem Alter, dass die „Tagesschau“ so alt aussieht. Sie ist noch nie modern gewesen.

Harald Staun Folgen:

Es mag schon sein, dass das am Anfang etwas Neues war, ein Schock der Bilder und ein Clash der Lebenswelten, wenn abends der Bundeskanzler im Wohnzimmer vorbeischaute oder auch mal ein paar Vietcong. Aber selbst als die „Tagesschau“ im Jahr 1956, statt vorher dreimal in der Woche, täglich lief und sich von der BBC die günstige Idee abgeschaut hatte, einen günstigen Sprecher zu zeigen statt kommentierter Bilder, war sie ein Minderheitenprogramm.

Volljährig wurde die „Tagesschau“ erst Anfang der Siebziger, als nicht mehr 2000 Leute zuschauten, sondern das ganze vollversorgte Fernsehland. Es muss in dieser Zeit gewesen sein, dass die Macher der „Tagesschau“ anfingen, an den eigenen Mythos zu glauben, an die Legende, die auch bei diesem Jubiläum wieder auf allen Glückwunschkarten steht: dass sie eine bedeutende Instanz ist, eine unverzichtbare Institution, eine Säule der deutschen Demokratie.

Die Beliebtheit sagt nichts über Qualität

Es stimmt ja, dass sie vielen zur Gewohnheit geworden ist. Nur leider klingt es heute, hört man ihren Verantwortlichen zu, manchmal, als wäre der gemeinschaftsstiftende Effekt der „Tagesschau“ ihre eigentliche Aufgabe. Sie gebe vielen Menschen in Deutschland eine Struktur, sagte der NDR-Intendant Lutz Marmor auf der Jubiläumsgala Anfang Dezember, als wäre er der Seelsorger der Nation.

22551122 © NDR Vergrößern 1956: Das Logo der Tagesschau

Wer dermaßen beseelt ist von der eigenen Bedeutung, der kommt kaum auf die Idee, dass die Beliebtheit der „Tagesschau“ womöglich mit ihrer Qualität gar nichts zu tun hat; dass sie sich ihre Relevanz nur vom Weltgeschehen borgt; dass sie sich ändern müsste, wenn auch die Welt sich ändert, über die sie berichtet. Das aber ist schon deshalb so schwer denkbar, weil ihre Produzenten viele ihrer Unzulänglichkeiten für eine Stärke halten: Starrheit gilt als Verlässlichkeit, Unentschlossenheit als Objektivität, Leidenschaftslosigkeit als seriös.

Rituelle Rituale

Seit Jahrzehnten also erzählt die „Tagesschau“ die gleichen Geschichten: Kabinette tagen, Koalitionen diskutieren, Politiker kündigen an, Oppositionen kritisieren, Wechselkurse schwanken, Proteste werden fortgesetzt, Streits dauern an, Streiks dauern an, der Opfer wird gedacht, der Präsident ist am Nachmittag zu einem dreitägigen Staatsbesuch eingetroffen, hundert wurden verletzt, eine Katastrophe droht, Bundesländer steuerten auf einen neuen Anlauf zu, ein Scheitern des Gipfels konnte verhindert werden, die Partei zeigte Geschlossenheit, die Partei einigte sich auf Eckpunkte ihrer Wirtschaftspolitik, der Minister hat dem Vorschlag eine Absage erteilt, als Grund nannte er, Bahnfahren ist wieder teurer geworden, zum Sport. Einige dieser Beispiele stammen aus der vergangenen Woche, andere aus den achtziger Jahren. Auch sprachlich ist der Stillstand Programm.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Chefredakteur ARD-aktuell Wir dürfen nicht einfach draufhalten

Live-Videos im Netz laufen dem Fernsehen den Rang ab. Müssen Sender ihre ethischen Standards brechen, um mitzuhalten? Kai Gniffke über die Herausforderungen des Streamings. Mehr Von Ursula Scheer

19.07.2016, 14:25 Uhr | Feuilleton
Peru Boot explodiert im Amazonas-Gebiet

Ein Schiff, das normalerweise Touristen an Bord hat, ist im Amazonas-Gebiet in Peru explodiert. Laut Behörden wurden danach mindestens vier Menschen vermisst. Örtliche Medien berichteten, dass ein Gastank im Inneren des Schiffes in die Luft ging, als das Schiff in Iquitos am Fluss Itaya, einem Nebenfluss des Amazonas, vor Anker lag. Mehr

18.07.2016, 09:01 Uhr | Gesellschaft
Türkischer Putschversuch Eylem heißt Widerstand

Ein Kampf zwischen Pest und Cholera und die Frage: Gehen oder Bleiben? Der Schriftsteller Moritz Rinke war in Antalya Augenzeuge, als die türkischen Putschisten sich erhoben. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Moritz Rinke

18.07.2016, 10:48 Uhr | Feuilleton
Rede auf Parteitag Hat Melania Trump bei Obama abgeschrieben?

Die Rede von Donald Trumps Frau Melania auf dem Parteitag der Republikaner kommt einer Rede von Michelle Obama an einigen Stellen ziemlich nahe. Im Video sehen Sie den Direktvergleich. Mehr

20.07.2016, 19:22 Uhr | Politik
Angeschlagene Werkstattkette ATU verhandelt mit Investoren

Ständige Führungswechsel und enorm hohe Mieten: ATU kämpft mit massiven Kernschwierigkeiten. Jetzt holt die angeschlagene Werkstattkette einen renommierten Sanierer zu Hilfe – und spricht mit möglichen Käufern. Mehr Von Klaus Smolka

18.07.2016, 21:47 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Derricks dunkle Vergangenheit

Von Ursula Scheer

Hauptsache Altnazi-Geschichte: Eigentlich gibt es nichts zu berichten, die „Bild“ tut es aber trotzdem. Das wirkt sich ungünstig auf den Nachrichtengehalt aus. Mehr 3 4