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Neues Tagesschau-Studio : Keine Angst vor Emotionen

Ton in Ton: Judith Rakers im neuen Studio Bild: NDR/Thorsten Jander

Jahrelang hat die ARD an ihrem neuen „Tagesschau“-Studio herumgetüftelt. Jetzt läuft es im Probebetrieb: Die Moderatoren üben das Schreiten, der Chefredakteur schwärmt vom „erzählerischen Ansatz“ der neuen Nachrichten.

          Wenn Jan Hofer am Karsamstag um 20 Uhr sein vertrautes „Guten Abend, meine Damen und Herren“ in die deutschen Wohnzimmer schickt, wird nicht alles anders sein, aber vieles. Dass da etwas kommt, wird der Zuschauer schon nach der anders arrangierten „Tagesschau“-Fanfare wissen, und schon rückt die rund 18 Meter breite Medienleinwand hinter dem Nachrichtensprecher in den Blick, über die Fotos, Grafiken und sogar 3-D-Animationen im Kinoformat rollen können. Willkommen im neuen Studio von ARD aktuell in Hamburg, aus dem vom 19. April an sämtliche zwanzig „Tagesschau“-Ausgaben im Ersten, die „Tagesthemen“ und das „Nachtmagazin“ gesendet werden, dazu die „Tagesschau“-Nachrichten im Viertelstundentakt auf dem Digitalkanal tagesschau24.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Seit Jahren schon laborierte die ARD an dem Projekt herum, fast konnte einen das Gefühl beschleichen, der Gemeinschaftssender baue sich so etwas wie einen zweiten Flughafen Berlin-Brandenburg. Die beiden alten Studios, in denen die Nachrichtensendungen bisher produziert wurden, waren nach Jahrzehnten des Dauerbetriebs nicht mehr auf dem neuesten Stand und schlicht abgenutzt. Lutz Marmor, der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant, wollte sein Flaggschiff klarmachen für die kommenden Jahre: „Technisch war die Erneuerung überfällig.“

          Als die Wölbung auf der Kippe stand

          Und natürlich schielte das Erste - obwohl es das stets verneinte - auch darauf, wie das Zweite seine Nachrichtenoptik über die Jahre aufgefrischt hatte. Da wundert es nicht, dass die Studiotische der ARD-Nachrichten in Zukunft vom selben Designer stammen wie die des ZDF. Doch Kai Gniffke, der Erste Chefredakteur der ARD, hatte auch immer betont: Man wolle etwas ganz eigenes, einmaliges, ein Nachrichtenstudio nämlich, dass „zeitgemäße“ Optik bietet, ohne virtuelle Mätzchen zu machen.

          Caren Miosga vor der Riesenleinwand
          Caren Miosga vor der Riesenleinwand : Bild: NDR/Thorsten Jander

          Dafür sorgt das Herzstück des neuen Studios, die riesige, gewölbte Medienleinwand im Hintergrund. Sie machte aber auch die größten Probleme. Sieben Projektoren werfen über eine doppelte Spiegeltechnik von hinten das Bildpanorama auf die Medienwand, die der Zuschauer genauso sieht wie die Sprecher und Moderatoren im Studio. Keine Green-Box-Virtualität also, in der jemand irgendwohin deutet, wo Menschen vor den Monitoren etwas sehen, er selbst aber nicht. Stattdessen sagte Gniffke, als er an diesem Dienstag den Start für das neue Studio verkündete: „Alles in diesem Studio ist real.“

          Was freilich eine etwas eigenwillige Definition von Realität ist, denn tatsächlich werden wir echte Menschen vor echten Projektionen sehen, welche verzerrungsfrei aus verschiedenen Blickwinkeln von Kameras eingefangen werden. Die Software für diese Effekte machte immer wieder Probleme. Ende 2012 sah es ganz düster aus, das Projekt stand kurz vor der Neuausschreibung.

          Sie schreiten zwischen den Tischen

          Jetzt hat die ARD die Kurve gekriegt. Am 19. April endet nach fünf Wochen der Parallelbetrieb, während dessen in den alten und im neuen Studio zeitgleich Sendungen produziert werden, im einen für den Sender, im neuen zu Übungszwecken. 23,8 Millionen Euro teuer war die Runderneuerung, man habe sich an den Kostenrahmen gehalten, sagt Griffke. Angebaut werden musste nicht, das neue Studio befindet sich in einer früheren Studioeinheit für Notfälle.

          An den Pulten aufgestellt: Andreas Käckell, Judith Rakers und Thomas Roth
          An den Pulten aufgestellt: Andreas Käckell, Judith Rakers und Thomas Roth : Bild: NDR/Thorsten Jander

          Am stärksten verändern werden sich die „Tagesthemen“, die Sendung erhält überdies eine neue Melodie. Zwei Tische, die ein wenig wie kleine Amöben-Windräder geformt sind, möblieren das Studio. Hinter ihnen stehen die Moderatoren und Sprecher. Vor der Medienwand dagegen schreiten die „Anchormen“ und „Anchorwomen“ auf und ab, deuten etwa auf Fotos ukrainischer Panzer und wenden sich dem Korrespondenten zu, dabei sind sie in Ganzkörperansicht zu sehen.

          Damit es nicht an den Zuschauern vorbeirauscht

          Das erlaubt Blicke nicht nur auf die Bilder, die dann eine ganz andere Rolle spielen werden, sondern wohl auch auf das Schuhwerk zum Beispiel von Caren Miosga. Die „Tagesschau“ wird eine Sprecher-Sendung bleiben, doch auch diese werden nicht mehr Menschen ohne Unterleib in einem blauen Kasten mit Bildkachel im Hintergrund sein.

          Der Kern der Neuerungen ist das Bild. Oder eher: sind die Bilder, die sich mächtig hinter den Moderatoren und Sprechern in Szene setzen werden.

          Moderator Claus-Erich Boetzkes auf den Bildschirmen in der Regie
          Moderator Claus-Erich Boetzkes auf den Bildschirmen in der Regie : Bild: dpa

          Gniffke spricht von einem „erzählerischen Ansatz“, der es erlaube, Nachrichten besser zu vermitteln. Thomas Hinrichs, der Zweite Chefredakteur von ARD aktuell, betont vor allem mit Bildern ließen sich Menschen ganz anders für eine Nachricht interessieren. „Dass Tausende von Kindern in Syrien ums Leben gekommen sind, rauscht an vielen Menschen vorbei“, sagt er. Das richtige Bild eines Kindes könne das ändern.

          Da sind sie humorlos

          Das klingt nach mehr als nur nach ein bisschen neuem Möbeln und mehr Körpereinsatz. Es klingt nach einem echten Wandel, den man begrüßen kann oder auch nicht: nach Emotionen bei der „Tagesschau“ und besonders bei den „Tagesthemen“, geweckt durch Bilder.

          „Keine Angst vor Emotionen!“, sagt dazu Kai Gniffke. Die Zuschauer hätten Emotionen, Emotionen weckten Interesse, und nichts sei schlimmer als Langeweile bei den Nachrichten. Gleichzeitig betont er: „Die 20-Uhr-Nachrichten bleiben das journalistische Stahlmantelgeschoss der ARD. Da sind wir humorlos.“

          Quelle: FAZ.NET

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