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Die Stasi und die Medien Sie wussten alles und hatten keine Ahnung

07.11.2008 ·  Die ARD legt eine große Studie vor, die zeigt, wie die Stasi die Medien in Ost und West zu beeinflussen versuchte. Die Überwachung war totalitär angelegt, doch im Ergebnis nutzlos. Vieles blieb in Behördenabläufen stecken, über Journalismus hatte die Stasi teils abenteuerliche Vorstellungen.

Von Regina Mönch
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Jeden Abend verließen Millionen Fernsehzuschauer ihr eingemauertes Land und informierten sich über das, was nicht sein sollte: über die freie Welt, wie sie wirklich war, und ihre eigene, deren Bildern aus dem Westen, etwa von den Korrespondenten der ARD aufgezeichnet, sie mehr vertrauten als heimatlichen Propagandasendungen wie der „Aktuellen Kamera“. Marianne Birthler bemühte dieses Bild von der Ausreise im Geiste noch einmal, um die immense Bedeutung der westdeutschen Sender für die DDR zu beschreiben und warum die ARD für das SED-Regime einer seiner gefährlichsten Gegner war.

Im früheren Sitzungssaal des Zentralkomitees der SED, der sich in jenem kolossalen Gebäude befindet, das der luftige Neubau des Auswärtigen Amtes am Werderschen Markt in Berlin fast verbirgt, stellten jetzt der „Forschungsverbund SED-Staat“ der Freien Universität und die ARD eine Studie vor, die diesen Abwehrkampf gegen die Wahrheit, geführt von SED und Staatssicherheit, akribisch untersucht (Operation Fernsehen, Vandenhoeck & Ruprecht 2008). Der historische Ort, wo einst all die vergeblichen Strategien ersonnen wurden, die eine freie Berichterstattung verhindern oder wenigstens beeinträchtigen sollten, hat seine Aura verloren. Es ist einfach nur noch ein ungemütlicher Saal.

Alles auf die Datenmüllhalde

Die fast fünfhundert Seiten starke Kurzfassung der Studie ist ein besonderes Stück Teilungsgeschichte, schildert sie doch den realen wie erhofften Einfluss der Stasi auf Ost- und Westmedien. Statt wie bisher mehr oder weniger zufällig ans Licht der Öffentlichkeit gekommene Einzelfälle zu untersuchen, die den historischen Kontext eher verzerrten als erhellten, liefert sie endlich eine zuverlässige wissenschaftliche Analyse.

Danach haben weder Stasi noch SED effizient gearbeitet, aber eine gigantische Datenmüllhalde angehäuft, der man heute vor allem zweierlei entnehmen kann: Ihre eigenen Medien, Radio und Fernsehen, umstellten sie derart, dass jede Lebendigkeit, aber auch Aktualität erstickte. In unüberschaubaren, aufgeblähten Hierarchien verloren sich Entscheidungen, und nur manchmal setzte sich Eigensinn durch.

Ideologische Störfälle

Exemplarisch dafür das Beispiel des Films von Frank Bayer „Die geschlossene Gesellschaft“. Den sendete man 1978 schließlich doch, kurz vor Mitternacht, obwohl alle darin verwickelten Stasi- und Parteichargen durchaus richtig erkannt hatten, dass es sich hier nicht nur um ein Ehedrama handelte, sondern um die subversive Geschichte zweier Menschen, „die im Sozialismus nicht mehr atmen können“. Als der Film trotz „Extravorführung im ZK“ überraschend freigegeben wurde, soll es im DDR-Fernsehen zu großer Erregung gekommen sein – auch das bewahren die Archive: „Sehr viele parteiverbundene Genossen wissen nun überhaupt nicht mehr, was sie denken sollen.“ Treffender sind die Folgen eines Störfalls im geschlossenen Weltbild der SED selten beschrieben worden.

Und im umgekehrten Fall scheiterten die Einflussnehmer aus ähnlichen Gründen: Sie waren zwar zahlenmäßig überlegen und skrupellos, warfen Menschen ins Gefängnis, die Korrespondenten freimütig ein Interview gaben, und hörten sogar im vermeintlich sicheren West-Berlin die Gespräche der ARD-Journalisten ab. Sie wussten alles, was westliche Journalisten taten, Tag und Nacht, aber sie begriffen nichts. Denn sie hatten keine Vorstellung vom freien Journalismus, von Professionalität, Recherche und Gespür, von journalistischer Selbstverantwortung. Die Stasi raunte gar, Korrespondenten, die man in die DDR entsandte und die sich ihren Werbungen und dreisten Einflussnahmen allesamt zu entziehen wussten, hätten, um das so zu können, zuvor eine geheimdienstliche Ausbildung durchlaufen.

Ausweichmanöver im Überwachungsstaat

Schlimmer als in der Sowjetunion, erzählte Fritz Pleitgen bei der Präsentation dieser Studie, sei jeder Korrespondent in der DDR ausgehorcht, behindert und beobachtet worden. Verständlich insofern, da seine Interviews, etwa mit russischen Dissidenten, dort kaum jemand je zu Gesicht bekam (Pleitgen berichtete, bevor er nach Ost-Berlin kam, aus Moskau). Doch seine deutsch-deutschen Beiträge, die sahen Millionen im Honecker-Land. Der frühere ARD-Intendant galt seinen Aufpassern in der DDR als unberechenbar, sein Kollege Peter Merseburger gar als kühl-arrogant – manch ein Stasi-Informant fühlte sich von ihm durchschaut. Pleitgen gestand, sich damals sicherer gefühlt zu haben, als er es und vor allem seine Arbeit gewesen sei. Auch, weil es über die Vorstellung normaler Menschen geht, sich die Zwangsneurosen eines Überwachungsstaates auszumalen. Es täte auch darum gut, zu wissen, sagt Pleitgen, dass trotzdem kein akkreditierter Korrespondent der Stasi je auf den Leim gegangen sei.

Auf den Leim ging ihr nur, wer seine eigene Ideologie damit bestätigt sah. Wie der Leiter der Kölner Journalistenschule Heinz D. Stuckmann, der die Stasi nicht nur mit Nachrichten belieferte. Das heimische Publikum versuchte er mit einer Reportage über die kuschelige Menschengemeinschaft eines Rostocker Plattenbauviertels vom segensreichen Miteinander im sozialistischen Osten zu überzeugen; und damit sie sehen lernten wie er, stellte Stuckmann dem Rostocker Porträt das einer eiskalten Weststadt entgegen.

Kein leichter Stoff

Die ARD-Studie ist kein einfacher Lesestoff, neben dem Nutzen für die Wissenschaft aber kann sich Fritz Pleitgen vorstellen, dass sie Journalisten heute nicht nur aufklärt über diese nun historische Zeit, wie sie wirklich war, sondern auch, dass sie hilfreich sein kann, sich unter den Bedingungen einer Diktatur oder eines autokratischen Regimes, die ja nicht ausgestorben sind, arbeitend zurechtzufinden.

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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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