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Die „Spiegel“-Chefredakteure im Interview Wir führen das Unternehmen Aufklärung weiter

05.12.2008 ·  Seit Februar sind Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron als neue Chefredakteure des „Spiegel“ im Amt. Im F.A.Z.-Interview erläutern sie erstmals, wie sie das Magazin führen. Mit dem Krisengerede der Branche haben sie nichts im Sinn.

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Seit Februar sind Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron als neue Chefredakteure des „Spiegel“ im Amt. In unserem Interview erläutern sie erstmals, wie sie das Magazin führen. Mit dem Krisengerede der Branche haben sie nichts im Sinn.

Wenn man auf den aktuellen „Spiegel“ schaut, denkt man sich: Es hat sich ja gar nichts geändert. Halten Sie das für ein Kompliment oder für eine Rüge?

Mascolo: Das nehme ich als Kompliment. Wir haben keinen „Spiegel“ übernommen, der große Veränderungen benötigen würde. Die Leser müssen im „Spiegel“ finden, was ihn stets ausgemacht hat - eine Ansammlung engagierter Geschichten, pointierter Analysen und starker Recherchen. Insofern kann ich einen Vorwurf in dem Befund nicht erkennen.

Müller von Blumencron: Ich verstehe die Frage nicht ganz. Wollen Sie uns vorwerfen, dass wir einen politischen Titel gemacht haben?

Das nicht, aber man könnte ja meinen, dass Sie als Chefredakteure besondere Akzente setzen wollen. Mehr Kommentierung, mehr Recherche.

Müller von Blumencron: Das Blatt braucht keine Revolution. Der „Spiegel“ entwickelt sich stetig. Wir haben gerade an der investigativen Front viele Erfolge vorzuweisen, Liechtenstein, Telekom, Siemens sind nur einige Stichworte. Und wir sind meinungsfreudiger geworden. Gerade mit dem aktuellen Titel über Angela Merkel und die Wirtschaftskrise setzen wir ein Signal: So sieht es der „Spiegel“.

Früher hätte Rudolf Augstein die Bundeskanzlerin ungespitzt in den Boden gerammt. Ihr Autorenteam lässt zwar kein gutes Haar an dem Krisenmanagement von Merkel und Steinbrück, die Kritik aber ist doch recht - vornehm.

Mascolo: Der „Spiegel“ bezieht Stellung, das erkennen Sie an einer ganzen Reihe von Kommentaren und Essays. Wir werden aber nicht an den Punkt zurückkommen - dass der „Spiegel“ den einen Kommentator hat. Diese Zeit ist mit dem Tod Rudolf Augsteins vorbei.

Müller von Blumencron: Möglicherweise ist die Zeit auch vorbei, in der es den einen Oberdeuter brauchte.

Mascolo: Mir gefällt unser aktueller Titel auch in dieser Hinsicht gut. Wir haben in der Redaktion lange diskutiert, welche Haltung der „Spiegel“ einnimmt, weil unser Urteil in dieser Zeit, in der die richtige Entscheidung schwer auszumachen ist, Bestand haben muss. Wir haben uns besonders gefreut, dass wir mit Finanzminister Steinbrück einen Gesprächspartner hatten, der eine konträr andere Ansicht vertritt. Ein perfekter politischer Titel.

Aus der Geschichte könnte man den Wunsch nach dem „Basta-Kanzler“ herauslesen. Einen „Basta-Chefredakteur“ braucht der „Spiegel“ mit Ihnen als Doppelspitze wohl nicht? Wie gestalten Sie Ihre Arbeit, das Modell zweier Chefredakteure kennen wir ja vom „Stern“.

Müller von Blumencron: Eine Doppelspitze sieht viel spektakulärer aus, als sie ist. In der „Spiegel“-Chefredaktion hat das eine lange Tradition. Vor unserem direkten Vorgänger Stefan Aust gab es eine Reihe von Duos. Formal ist es so, dass einer von uns zwei Wochen lang die Geschäfte führt, aber das ist nicht das Entscheidende. Wir legen beide Hand an - und das den ganzen Tag . Bei einer Doppelspitze brauchen sie eine Menge Vertrauen, sie müssen sich kennen. Wir beide kennen uns seit zwanzig Jahren, das Vertrauen ist da, es funktioniert wunderbar.

Das heißt, Sie beide konnten sich das bei Ihrer Berufung sofort vorstellen?

Müller von Blumencron: Ja, gar keine Frage.

Mascolo: Ich empfehle, noch einmal die Kommentierungen nachzulesen, die es beim Antritt von Thomas Osterkorn und Andreas Petzold beim „Stern“ gab. Das wurde gern als „Mission Impossible“ beschrieben. Es kam bekanntlich anders. Letztlich kommt es darauf an, dass Sie sich einig sind, welchen Journalismus der „Spiegel“ braucht und wie Sie das Haus führen wollen. Wenn Sie sich darin einig sind und einen guten Mechanismus haben, bisweilen unterschiedliche Auffassungen auszutragen, dann funktioniert es.

Das dürfte ein Kulturbruch zum Vorgehen Ihres Vorgängers Stefan Aust sein.

Müller von Blumencron: Wenn Sie darauf hinauswollen, dass sich zwei Chefredakteure eher lähmen denn ergänzen, dann treten wir den Beweis dafür an, dass diese These falsch ist.

Wie ist es denn, Chefredakteur eines Magazins zu sein, dessen Mitarbeiter zugleich die Gesellschafter sind?

Müller von Blumencron: Davon merken Sie im Alltag überhaupt nichts. Wir machen das bestmögliche Blatt. Da spielt es keine Rolle, dass die Kollegen Mitgesellschafter sind und einige der Kollegen diese Gesellschafter vertreten. Wie sollte es in der Praxis auch gehen? Es gibt eine ganz klare Führungsstruktur. Der „Spiegel“ verfügt über diese besondere Konstruktion, seit Rudolf Augstein seinen Mitarbeitern die Hälfte des Hauses zum Geschenk gemacht hat - und ist damit immer prima gefahren.

Wenn das Blatt gemacht wird, sind die Kollegen also nur Redakteure und nicht Gesellschafter.

Mascolo: Beim „Spiegel“ arbeiten Sie mit hochqualifizierten Spezialisten, leidenschaftlichen Journalisten. Die Vorstellung, wir würden hier täglich Eigentümerversammlungen abhalten, ist einfach falsch. Der „Spiegel“ ist ein publizistisch und ökonomisch höchst erfolgreiches Modell. Die gern gestellte Frage, ob es funktioniert, hat ihre Antwort lange gefunden.

Nun schauen alle wie das Kaninchen auf die Schlange auf das Krisenjahr 2009. Was erwarten Sie für den „Spiegel“?

Müller von Blumencron: Das wird geschäftlich ein schwieriges Jahr - für alle Blätter. Wir fühlen uns aber sehr, sehr gut aufgestellt. Es ist eine Zeit für anspruchsvollen Journalismus. Wir stehen an der Spitze, wir sind ein Magazin, das man lesen muss, das Orientierung gibt. Deswegen liegen wir auch mit unserer Auflage sehr gut, weit über einer Million. Wir werden sparsamer wirtschaften müssen, den Weltuntergang erwarten wir nicht. Hier gibt es keinen Einstellungsstopp.

Mascolo: Wir liegen beim Einzelverkauf im laufenden vierten Quartal deutlich über dem Vorjahr. Mir geht in diesen zugegeben schwierigen Zeiten zu häufig der Gedanke verloren, dass Krisen für Journalisten auch „gute“ Zeiten sind, dies gilt insbesondere für unser Haus. Immer wenn die Menschen wissen und verstehen wollen, was geschieht, dann liegt der Griff zum „Spiegel“ nahe. Das sehen wir auch bei „Spiegel Online“, wo die Zahl der Seitenaufrufe durch die Decke geht. Was den „Spiegel“ groß gemacht hat, ist, dass wir an guten Journalismus glauben - und damit auch anständig Geld verdienen. Manche Verlage, so scheint es, betreiben heute lieber Reisebüros oder Partnerschaftsvermittlungen, weil sie offenbar nicht ausreichend an den Erfolg unseres wunderbaren Handwerks glauben.

Die Überschrift „Print ist tot“ haben wir schon ziemlich oft gelesen.

Müller von Blumencron: Es gibt zwei Grundmissverständnisse: Print ist tot und Online first. Wir halten diese schematische Sichtweise für ziemlichen Unsinn. Sie müssen genau sehen, mit welchem journalistischen Genre, in welcher physischen Form Sie ein Thema am besten bedienen - gedruckt und online. Beim „Spiegel“ unterscheiden sich die beiden Objekte sehr klar, aber in der Kombination machen wir deutlich, warum ein Verlag weder auf das eine noch auf das andere verzichten kann. Und sehen Sie doch die Auflagen von Blättern, die auf inhaltliche Exzellenz setzen - sie sinken nicht, sie steigen sogar an.

Aber man muss schon alle Felder besetzen, wie Sie mit dem „Spiegel“, „Spiegel Online“ und „Spiegel TV“.

Müller von Blumencron: Selbstverständlich. Warum sollten Sie das nicht machen? Als Journalist können Sie heute eine Formenvielfalt nutzen wie noch nie.

Mascolo: Wenn es eines Tages so wäre, dass ich im Print nur noch Schundgeschichten lesen müsste, dann würde mein Herz nicht mehr an Print hängen. Und gäbe es im Internet keinen Qualitätsjournalismus, warum sollte ich dann als Journalist im Netz schreiben wollen? Schwierig wird es, wenn Journalisten zu glauben beginnen, dass ein Medium das andere komplett verdrängt. Wir sollten uns eine solch unsinnige Diskussion nicht aufzwingen lassen. Uns interessiert der Inhalt, beim „Spiegel“ gilt: Journalismus first.

Müller von Blumencron: Nehmen Sie unsere Ausgabe von vor zwei Wochen: Mitten im digitalen Zeitalter bringt der „Spiegel“ eine der längsten Geschichten - „Das Kapitalverbrechen“, 25 Seiten lang. Für dieses Stück haben wir ungeheuer viel Zuspruch bekommen.

Mascolo: Und das Heft hat sich mit einer Auflage von derzeit geschätzten 1 075 000 Exemplaren glänzend verkauft.

Und wie geht es andersherum? Die Rubrik „Eines Tages“ läuft bei „Spiegel Online“ gut, als gedrucktes Heft nicht so.

Müller von Blumencron: Wir haben von „Eines Tages“ weniger Hefte verkauft, als wir gehofft hatten. Aber wir haben sehr gute Kritiken bekommen, und unsere Marktforschung ist äußerst zufrieden. Wir werden deshalb einen zweiten Versuch machen. Wir geben nicht nach einer Ausgabe auf, dafür steckt viel zu viel Leidenschaft dahinter. Wir gehen einmal den anderen Weg, wir machen keinen Online-, sondern einen Printableger zur Zeitgeschichte, in welcher der „Spiegel“ schon immer stark war.

Wie wichtig ist die Schallmauer von einer Million Auflage?

Müller von Blumencron: Über ein gut verkauftes Heft freuen wir uns. Entscheidend ist aber, dass wir die wichtigen Geschichten haben, dass man das Magazin lesen muss, dass wir exzellenten Journalismus liefern. Wir werden den „Spiegel“ nicht verbiegen, nur um die Auflage zu halten.

Mascolo: Der „Spiegel“ wird auch weiter nicht zu denen gehören, die ihre Hefte verschenken. Wir verdienen unser Geld mit einer harten Auflage.

Was halten Sie davon, Redaktionen zusammenzulegen, wie es Gruner + Jahr, die WAZ, Springer machen?

Mascolo: Ich kann Ihnen nur sagen, was wir tun werden: Wir werden die Redaktionen von „Spiegel“ und „Spiegel Online“ nicht zusammenlegen.

Müller von Blumencron: Wie sollte das aussehen? Sie haben einen vibrierenden Newsroom für das Internet und produzieren zugleich große Geschichten für das Magazin? Wir waren die Ersten online, wir sind die Erfolgreichsten online, wir laufen jetzt nicht irgendeinem Trend hinterher. Der „Spiegel“ und „Spiegel Online“ arbeiten eng zusammen, aber mit einer Aufgabenteilung. Alle in einen Raum zu sperren - so einfach ist es nicht.

Mascolo: In der Vergangenheit war es häufig so, dass die Printredaktion des „Spiegel“ Informationen hatte, die nicht bis zum Erscheinungstag des Magazins zu halten waren. Heute stellen wir durch enge Kooperation sicher, dass „Spiegel Online“ die Geschichte bei Bedarf sofort hat. Dafür gibt es eine Fülle von Beispielen: die Durchsuchung bei Klaus Zumwinkel, das illegale Erheben der Verbindungsdaten von Frank Bsirske, die Vorschläge von Otmar Issing für die Kanzlerin zur Reform der Finanzmärkte. Ich könnte die Liste fortsetzen. Umgekehrt zieren Geschichten, die auf Recherchen der Online-Kollegen beruhen, längst das Blatt. Der Mehrwert für Online und Print ist für alle Kollegen sofort ersichtlich.

Sind Sie eigentlich glücklich oder traurig, dass die „Financial Times Deutschland“ nicht zum „Spiegel“ gehört?

Mascolo: Die „Financial Times“ ist eine erstklassig gemachte Tageszeitung. Aber zu uns passt sie nicht.

Sie haben beide Rudolf Augstein noch erlebt. Ist es eine Bürde, Chefredakteur eines Magazins zu sein, das ein solcher Ausnahmepublizist erfunden hat?

Müller von Blumencron: Wir sehen beide nach vorn, gehen aber respektvoll mit dem Erbe von Rudolf Augstein um. Es ist eine grandiose Lebensleistung, ein solches Haus aufgebaut zu haben. Und trotzdem können Sie sich nicht bei jeder Entscheidung fragen, was Rudolf Augstein getan hätte.

Mascolo: Unmittelbar vor unserer Berufung haben wir noch einmal in das „Spiegel“-Statut geschaut, in dem Rudolf Augstein 1949 die Leitlinien für das Blatt aufgeschrieben hat. Darin finden Sie nichts, von dem Sie nicht denken, das hätte uns Rudolf Augstein auch bei unserem Dienstantritt mit auf den Weg geben können. Der einzige Punkt, in dem wir von ihm abweichen, ist die Vorgabe, dass sich der „Spiegel“ Berichtigungen nicht erlauben dürfte. Rudolf Augstein wollte, dass das Blatt eher auf eine Information verzichtet, als einen Fehler zu machen. Da hatte er recht, aber trotz aller Umsicht macht der „Spiegel“ nun manchmal leider Fehler. Die revidieren wir in einer Korrekturspalte. Das kann der Glaubwürdigkeit des „Spiegels“ nur dienen.

Was hat Sie persönlich zum Journalismus gebracht, am „Spiegel“ fasziniert?

Müller von Blumencron: Ich komme ja aus Hamburg. Als ich anfing, journalistisch zu arbeiten, habe ich mit großem Respekt auf dieses Haus gesehen und bin immer wieder drum herum geschlichen. Der „Spiegel“ war für mich das Blatt, das zeigt, wofür Journalismus da ist: genau hingucken, kritisch, mit einem gehörigen Schuss Respektlosigkeit gegenüber den Mächtigen, klug in der Analyse und immer wieder überraschend, mit zuweilen schrägen Geschichten. Der „Spiegel“ war und ist für mich das Ideal. Damals habe ich mir natürlich nicht vorstellen können, hier einmal Chefredakteur zu sein.

Mascolo: Anders als mein Kompagnon komme ich vom Land. Aber ums Haus geschlichen bin ich bei jedem Besuch in Hamburg. Der „Spiegel“ machte eine Form von Journalismus, die mich immer reizte. Dieser Zauber ist geblieben.

Früher hieß es, der „Spiegel“ sei „links“ oder linksliberal oder müsse das sein. Können Sie mit einer solchen Zuschreibung noch etwas anfangen?

Müller von Blumencron: Diese Frage wird jedem „Spiegel“-Journalisten irgendwann gestellt. Wir leben längst in einer Zeit, in der solche Kategorien irrelevant geworden sind. Es geht um andere Kategorien, es geht um die Frage, wie wir mit den Institutionen der Macht umgehen. Und da gilt, dass wir diese mit wachem Auge beobachten und mit spitzer Feder begleiten. Das ist unsere Aufgabe.

Mascolo: Rudolf Augstein hat einmal gesagt, dass die wahre Macht des „Spiegels“ ist, Erkenntnissen zum Durchbruch zu verhelfen. Er ist nicht dafür da, schwarz-gelbe, rot-grüne, kleine oder große Koalitionen rauf oder runter zu schreiben. Es ist ein „Unternehmen Aufklärung“. Und genau dafür wird der „Spiegel“ auch gebraucht.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Quelle: F.A.Z.
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