Home
http://www.faz.net/-gsb-75ljl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Die Serie „Whitechapel“ bei Arte Im East End spukt die Historie mächtig

Die englische Krimi-Serie „Whitechapel“ geht in die dritte Runde. Dabei bleibt sie ihren Stars und ihrem Muster treu, zeigt aber auch erste Anzeichen von Routine und Ermüdung.

© © Carnival Film & Television/La Vergrößern Die „Whitechapel“-Ermittler von links nach rechts: Phil Davis als Detective Sergeant Miles, Rupert Penry-Jones als Detective Inspector Chandler und Steve Pemberton als Buchan

Oberinspektor Joseph Chandler hat sich inzwischen längst eingewöhnt und eingerichtet in Whitechapel, der Außenstelle von Scotland Yard im einst völlig verruchten, mittlerweile aber teilweise gentrifizierten und deshalb im Trend liegenden Londoner East End.

Jochen Hieber Folgen:  

Dabei sollte sich dieser Snob aus der Oberschicht mit seinen Maßanzügen und Migräneanfällen vor fast vier Jahren, als die Serie „Whitechapel“ des britischen Privatsenders ITV probeweise in eine erste Staffel ging, auch nur ein einziges Mal in den Schützengräben der alltäglichen Polizeimaloche bewähren, um danach im Hauptquartier von Westminster eine Schreibtischkarriere anzutreten.

Gleich die erste Staffel aber, die hierzulande unter dem Titel „Jack the Ripper ist nicht zu fassen“ lief, wurde in Großbritannien ein Quoten- und ein Qualitätserfolg, die zweite Episodenfolge („Das Syndikat der Brüder Kray“) etablierte „Whitechapel“ dann als feste Marke auf dem nicht eben konkurrenzarmen Krimi-Markt der Insel.

Der Frontdienst wird fortgesetzt

Für den Chandler-Darsteller Rupert Penry-Jones, einen Zögling der Royal Shakespeare Company, bedeutete der Serienerfolg zugleich die Fortsetzung des Frontdienstes an der Seite seines zutiefst kleinbürgerlichen Kollegen Ray Miles (Phil Davis) und des schwulen Amateur-Kriminologen Edward Buchan (Steve Pemberton), der es nun, in der aus drei Fällen bestehenden neuen Staffel, sogar zu einer Festanstellung im Polizeiarchiv von Whitechapel gebracht hat.

Hierzulande hat der Kultursender Arte der Serie von Beginn an eine Heimat geboten und ihr inzwischen eine in Sachen Quote zwar überschaubare, in Sachen Qualität jedoch desto anspruchsvollere Gemeinde zugeführt. Sie wird auch dieses Mal passabel bedient. Das Schauspielertrio im Zentrum der neuen Folgen hält das gewohnte Niveau, ohne dem bisherigen Beziehungsballett allerdings noch etwas überraschend Neues hinzuzufügen.

Auch das bewährte Muster findet sich wieder: „Whitechapel“ reaktiviert nach Jack the Ripper vom Ende des neunzehnten und nach den Gebrüdern Kray aus den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts dieses Mal die sogenannten Ratcliffe-Morde von 1811, die Themse-Torso-Verbrechen zwischen 1887 und 1889 sowie einige Versatzstücke des schaurigen Stummfilmklassikers „London After Midnight“ von 1927.

Mordwerkzeug Hammer

Das Reaktivieren erfolgt dabei meist ganz direkt: Die einstigen Schwerstverbecher inspirieren ihre Wiedergänger zu gruseligen Nachfolgetaten in der unmittelbaren Gegenwart. Möglich aber ist auch, lediglich die Dramaturgie vergangener Morde auf den waffentechnisch wie spannungspsychologisch neuesten Stand zu bringen.

„Neue Morde am Ratcliffe Highway“ ist die erste der neuen Folgen. In der Werkstatt eines Maßschneiders, im Haus einer Durchschnittsfamilie und in einer Wohngemeinschaft geschehen in kurzem Abstand drei Serienmorde. Mordwerkzeug ist immer ein Hammer, Indizien, die auf den oder die Täter schließen lassen, sind trotz modernster Spurensicherung so gut wie nicht vorhanden. Also kann wieder einmal nur Buchans Historie helfen.

Mehr zum Thema

Es liegt auf der Hand, dass derartige Handlungsverläufe ein hohes Maß an Konstruktion benötigen. Diese Arbeit bewältigen die Drehbuchautoren Caroline Ip und Ben Court, die von Anfang an dabei sind, alles in allem sehr ordentlich. Was den neuen Folgen aber durchweg fehlt, sind die spielerische Leichtigkeit und die ästhetische Evidenz der beiden ersten Staffeln. Sie bestachen zumal mit Kamerafahrten durch Whitechapel, Mehrfachbelichtungen, Zeitlupen und artistischen Blickverzerrungen. Die Bilder des jetzigen Kameramannes Kieran Mc Guigan wirken dagegen konventionell. Auch sie zeugen davon, dass die Gefahr des Ungewöhnlichen immer die Routine ist.

Whitechapel: Am 10. Januar läuft die Folge Neue Morde am Ratcliffe Highway, am 17. Januar folgt Der Giftmörder, am 24. Januar Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Jeweils von 21 Uhr an bei Arte.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Dschihadi John Ein IS-Mörder aus dem Westen Londons

Er ist in zahlreichen Propagandavideos des IS zu sehen, trägt darin stets schwarze Kleidung und eine schwarze Sturmhaube. Nun haben die britischen Behörden den Mann enttarnt: Es soll der 27 Jahre alte Mohammed Emwasi aus Westlondon sein. Mehr

26.02.2015, 14:42 Uhr | Politik
Neues im Fall Jack the Ripper"

Eine winzige Spur an einem Schal aus der viktorianischen Zeit könnte der Schlüssel sein zur Lösung eines der größten Mord-Rätsel aller Zeiten: Es geht um die wahre Identität jenes Serienmörders, der als Jack the Ripper berühmt und berüchtigt wurde. Mehr

08.09.2014, 12:15 Uhr | Gesellschaft
Rekrutierung von Schülerinnen Wenn die Idole Waffen und lange Bärte tragen

Immer mehr britische Schülerinnen ziehen in den Dschihad – viele von ihnen kommen aus geordneten Verhältnissen. Wieso sind sie so leicht zu radikalisieren? Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

26.02.2015, 10:59 Uhr | Politik
AC/DC-Schlagzeuger vor Gericht Versuchter Auftragsmord

Der Schlagzeuger der Rockband ACDC, Phil Rudd, musste in Neuseeland vor Gericht erscheinen. Medienangaben zufolge wird ihm der Versuch vorgeworfen, den Mord an zwei Personen zu arrangieren, außerdem soll er einer der Personen selbst angedroht haben, sie zu töten. Mehr

06.11.2014, 11:54 Uhr | Gesellschaft
Mordfall Alexander Litwinenko Nichts gegen Putin

Wie ein Spionagethriller des Kalten Krieges: Erst seit das Verhältnis zu Moskau schlecht genug ist, wagen die britischen Behörden die öffentliche Untersuchung im Mordfall Alexander Litwinenko. Dessen Witwe will nur die Wahrheit wissen. Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

19.02.2015, 16:14 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.01.2013, 17:54 Uhr

Katerstimmung

Von Jürg Altwegg

Sein Islamismus-Drama „Timbuktu“ gewann gleich siebenmal den französischen Filmpreis „César“. Doch jetzt steht Regisseur Abderrahmane Sissako für seine Nähe zum Diktator von Mali in der Kritik. Ist sein Film nur Propaganda? Mehr 1