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Serie „Sneaky Pete“ : Es gibt kein richtiges Leben im falschen Spiel

Gefährliches Spiel: Weil Marius (Giovanni Ribisi, links) Vincent (Bryan Cranston) übers Ohr gehauen hat, trachtet der ihm nun nach dem Leben. Bild: Amazon

Bryan Cranstons neue Serie handelt von einem verzweifelten Hochstapler, dessen Lügen kein Ende nehmen dürfen: „Sneaky Pete“ macht allen etwas vor.

          Nein, dies ist keine verkappte Fortsetzung von „Breaking Bad“. Und doch braucht man mitunter einen Augenblick, bevor man merkt, es ist gar nicht der Schauspieler Aaron Paul (einst Jesse Pinkman in „Breaking Bad“), sondern der ihm ähnelnde Giovanni Ribisi, der da in der Rolle des Hochstaplers mit Bryan Cranston als Casinobesitzer ohne Impulskontrolle in dessen neuer Serie „Sneaky Pete“ tödliche Deals verhandelt.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Cranston, der in seiner schauspielerischen Laufbahn schon so ziemlich alles war – Zahnarzt („Seinfeld“), Tentakel spuckende Seeschlange auf zwei Beinen („Mighty Morphin Power Rangers“) und Raumschiffkapitän („Babylon 5“) –, hat sich durch Vater-Sohn-artige Konstellationen ins Gedächtnis gebrannt. In „Malcolm mittendrin“ spielte er den hochemotionalen Vater des hochbegabten Malcolm. In der erfolgreichen Serie „Breaking Bad“ ist er derweil als vom Chemielehrer zum Drogenbaron mutierter Walter White ein Ersatzvater für den mit Drogen dealenden Rumtreiber Jesse Pinkman.

          Der Zuschauer durchläuft die Stadien Verwirrung, Spannung, „Breaking Bad“

          Auch in „Sneaky Pete“ nimmt Cranston alias Vincent den jüngeren Marius zunächst unter seine Fittiche, um einen betrügerischen Kartenspieler hochzunehmen. Doch als Vincent Marius dabei ertappt, wie dieser ihn übers Ohr hauen will, ist Schluss mit der väterlichen Freundschaft. Um Vincent und seinen Häschern zu entkommen, weiß sich Marius nur noch ins Gefängnis zu flüchten: Nach einem vorgetäuschten Banküberfall sitzt er dort fünf Jahre ab. Fünf Jahre, in denen sein redseliger Zellengenosse Pete ihm reichlich auf die Nerven geht, indem er unablässig detailverliebte Erinnerungen an seine Kindheit auf der Farm seiner Großeltern referiert. Marius kann das meiste auswendig mitsprechen. Als die Entlassung kurz bevorsteht, kommt ihm das Wissen um das Leben seines Zellengenossen jedoch recht gelegen. Denn während jener noch ein Weilchen hinter Gittern bleiben muss, ist Marius gezwungen, unterzutauchen, weil draußen immer noch ein verärgerter Casinoboss auf ihn wartet.

          Alles nur geklaut: Was er über sein neues Leben weiß, hat Marius (Giovanni Ribisi) allein aus den Kindheitsgeschichten seines Zellengenossen.

          Kurzerhand beschließt er, die Identität seines Zellengenossen anzunehmen, als Pete Murphy in die Freiheit zu gehen und sich bei dessen Familie zu verstecken. Da sich der richtige Pete dort zum letzten Mal vor Jahrzehnten hatte blicken lassen, reicht Marius’ äußerliche Ähnlichkeit mit dem Zellengenossen aus, um nicht erkannt zu werden. Das Personaltableau ist zu Beginn noch etwas unübersichtlich, hinzu kommt der Wechsel zwischen den Zeitebenen – vor und nach dem Gefängnisaufenthalt. Als Zuschauer durchläuft man dabei die Stadien Verwirrung, Spannung, Erregung, „Breaking Bad“, wieder Verwirrung und Erlösung.

          Die Serie entfaltet sich wie ihr Titel es sagt: schleichend und raffiniert

          Der Stoff, den Bryan Cranston auch als Produzent in „Sneaky Pete“ vermittelt, ist dicht und stark an das große Charakterkarussell geknüpft. Der verhinderte Heimkehrer Marius muss sich nun mit seiner genialen Beobachtungsgabe als verlorener Enkel in der vermeintlichen Großfamilie durchschummeln. Diese führt mitnichten ein idyllisches Landleben, sondern betreibt ein Kautionsbüro, das gegen Gebühr die Haftkaution für Kriminelle vorschießt, diese aber auch dingfest machen muss, falls sie untertauchen wollen.

          Erzähl- und kameratechnisch kommt man beinahe jeder Figur früher oder später sehr nah, erfährt in Close-ups und durch Anekdoten und Rückblenden in Zeitlupe, was ihn oder sie bewegt. Und obwohl die Serie mitunter halsbrecherische Tempowechsel hat und viel geredet wird, muss die erste Verfolgungsjagd bis zur dritten Episode warten. Die wenigen dialogarmen Sequenzen sind mit schwerfälligem Trip-Hop unterlegt und rahmen den oft bühnenreifen Schlagabtausch der Figuren. Die Introspektion reicht bis zum einfachen Bargast: „Ich habe meine Jungfräulichkeit in einem Nachtklub in Montreal verloren. Mein Vater hat dafür bezahlt. Er war ein Heiliger.“

          Bryan Cranstons neue Serie kann stoffbedingt nicht mit der Opulenz aktueller Schmuckfernsehstücke wie „Westworld“ oder „The Young Pope“ aufwarten. Es weist auch nicht die absurde Tragik von „Breaking Bad“ auf. „Sneaky Pete“ wächst – obgleich leicht überkonstruiert – und entfaltet sich von Folge zu Folge, wie der Titel es sagt: schleichend und raffiniert. Die Serie verdankt ihre Spannung vor allem dem Umstand, dass Marius’ Spitz auf Knopf genähten Pläne immer von vielen Seiten gleichzeitig torpediert werden. Es ist die Geschichte einer Lüge, die zu tausend weiteren Lügen führt. Doch die meisten – und um diesen wunden Punkt kreist „Sneaky Pete“ – dürften dem Zuschauer kaum so fremd sein wie die abenteuerliche Geschichte, die sie versammelt. Noch im Vorspann singt die Stimme, „Trust me, trust me“. Vertrau mir!

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