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TV-Serie „München Mord“ : Wäre die Liebe nicht, fiele einem das Sterben wohl leichter

Kommissar Neuhauser (Marcus Mittermeier, links) hat die Kontrolle verloren. Kollegin Angelika Flierl (Bernadette Heerwagen) und sein Chef Ludwig Schaller (Alexander Held) ringen um Rat. Bild: ZDF/Jürgen Olczyk

In der Episode „Auf der Straße, nachts, allein“ geraten die Ermittler von „München Mord“ an ihre Grenzen. Es beginnt damit, dass sich ein Kommissar unsterblich verliebt.

          Harald Neuhauser hat es erwischt. Er weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Er ist hin und weg, außer Rand und Band und steht komplett neben sich, seit er mit seiner neuen Flamme Ilona (Judith Rosmair) zusammen ist. Wer wissen will, was eine Amour fou ist, muss dem Kommissar nur in die Augen sehen. Seine Kollegin Angelika Flierl ist viel von ihm gewohnt, aber wie er da, selig grinsend, im Beifahrersitz versinkt, das ist ihr schon unheimlich. Der coole Womanizer und beherzte Beschützer ist zum Bettvorleger mutiert. So kommen die beiden Kommissare verspätet zum Fundort einer Wasserleiche an der Isar.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Noch nach ihnen freilich stellt sich ihr Chef Ludwig Schaller auf die ihm eigene unorthodoxe Weise ein: Er treibt ihm Fluss heran, um nachzuvollziehen, an welcher Stelle auf das Mordopfer Holger Gerl (Tilman Strauß) geschossen worden und wo er in die Isar gefallen ist. Schaller macht es wie immer: Er denkt sich in Opfer und Täter hinein und stellt im Gespräch mit sich selbst das mögliche Tatgeschehen nach, was denen, die ihn nicht kennen, den Eindruck vermittelt, er habe nicht alle beisammen.

          Bei ihr verliert Kommissar Neuhauser den Verstand: Ilona Freitag (Judith Rosmair).
          Bei ihr verliert Kommissar Neuhauser den Verstand: Ilona Freitag (Judith Rosmair). : Bild: ZDF und Jürgen Olczyk

          In Sachen schräge Ermittlungsmethoden schließt Kommissarin Flierl allerdings schnell auf. Sobald herausgefunden ist, dass der Tote ein „Dschamsterer“, also ein bezahlter Liebesdiener war (neudeutsch „Callboy“), geht sie auf privat bezahlte Undercoverrecherche und ist von deren Ergebnissen nicht nur in kriminalistischer Hinsicht angetan. Die Damen indes, die auf der Kundenliste des Ermordeten stehen, schweigen eisern. Welcher Name sich in dessen Notizbuch auch findet, können wir uns denken – der von Neuhausers neuer Freundin, die ihm dermaßen den Kopf verdreht hat, dass er zum heulenden Elend wird und ihn seine Kollegin an die Hand nimmt wie ein kleines Kind.

          Für den Schauspieler Marcus Mittermeier ist die Dekonstruktion seiner Kommissarsfigur eine Aufgabe, die er mit Verve annimmt, er wütet und zagt und verliert den Boden unter den Füßen. Währenddessen gewinnt Bernadette Heerwagen in der Rolle des Kommissarin Flierl an Terrain – auch sie dreht Extratouren, doch erkennt sie im Gespräch mit dem aus seiner früheren Ermittlungsarbeit erstaunlich gut informierten, sonst vornehmlich arroganten Abteilungsleiter Helmut Zangel (in der Rolle war Christoph Süß von Beginn an eine Wucht), auf was sie sich bei ihrer „ganz normalen Recherche“ eingelassen hat.

          Alexander Held zieht als Kommissar Schaller weiterhin seine unnachahmlichen Kreise, holt aus einem verwirrten alten Mann einen entscheidenden Hinweis heraus und geht mit Theodor Storm „Über die Heide“: „Herbst ist gekommen, Frühling ist weit – Gab es denn einmal selige Zeit? Brauende Nebel geisten umher; Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer. Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai! Leben und Liebe – wie flog es vorbei!“ Da machen seine beiden Mitstreiter im Kommissariat große Augen und dürfen es als Anspielung auf sich selbst verstehen. Ihrem Chef, dem vermeintlich Verrückten, können sie ohnehin nichts vormachen.

          Ina Jung und Friedrich Ani haben für das Team von „München Mord“ eine perfekte Drehbuchvorlage geschrieben. Der Fall, den es hier zu lösen gilt, ist ein Verbrechen aus verschmähter Liebe und wäre einer von der Stange, hinge nicht alles von den Figuren ab, die der Regisseur Anno Saul routiniert durch ein München mit ganz besonderem Flair und etliche Szenen führt, in dem ein Wort das andere gibt und alles passt. Das treffende Schlusswort findet wie stets der wunderliche Kommissar Schaller, diesmal bei Hölderlin: „Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll, Seit ich liebe? Warum achtetet ihr mich mehr, Da ich stolzer und wilder, Wortereicher und leerer war? Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt, Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen; An das Göttliche glauben Die allein, die es selber sind.“

          Trailer : „München Mord“

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