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„Art of Crime“ bei ZDFneo : Nachts im berühmtesten Museum der Welt

  • -Aktualisiert am

Noch einmal intensiv Augenmaß nehmen: Florence Chassagne (Éléonore Gosset) und Antoine Verlay (Nicolas Gob) kommen sich während der Ermittlung näher. Bild: ZDFneo

Interessant sind die alten Meister: In der Serie „Art of Crime“ rätselt sich ein Feuer-und-Wasser-Duo durch die Kunstwelt und den Louvre. Besser, man geht gleich ins Museum.

          Die Kunsthistorie birgt ja Rätsel über Rätsel, nicht selten unlösbare, dafür aber nagende. Manche ihrer auratischen Artefakte werden verehrt wie Heiligtümer. Der Kunst- als elitärer Kultproduktionsmarkt jongliert mit unvorstellbaren Summen. Man muss nur einmal eine der höchst unterhaltsamen Auktionen bei „Christie’s“ oder „Sotheby’s“ in New York besuchen, um von der fiebrigen, quasireligiösen Stimmung der Akteure mit erfasst zu werden. Provenienz ist ein Magiewort, ihre Erforschung ist der Job von hoch spezialisierten Detektiven. Kein Wunder, dass Fälscher und Sammler solcher Andachtsobjekte mit erheblicher krimineller Energie vorgehen.

          Durch die Fälle des professionellen Täuschers Wolfgang Beltracchi oder des bilderbeschützenden Eremiten Cornelius Gurlitt kann man direkt in menschliche Abgründe blicken und eine gehörige Dosis Tragik ahnen. Für Kriminalgeschichten der bildungsbeflisseneren Miträtselart scheint das kunstreligiös bestellte Feld wie geschaffen. Gentleman-Meisterdiebe sind schon für Christies Hercule Poirot oder Chestertons Father Brown eine Herausforderung ihres moralischen Differenzierungsvermögens und immer wieder gern genommener Anlass für Ermittlungen im Bereich der menschlich-allzumenschlichen Gier. Erstaunlich ist, dass sich trotz Publikumsrennern wie „Der Da Vinci-Code“ und „Das Vermächtnis der Tempelritter“, von den „Indiana Jones“-Abenteuern ganz zu schweigen, das Krimiseriengeschäft mit dem Zusammenspiel von Kunst und Verbrechen nicht in viel größerem Ausmaß beschäftigt.

          „Art of Crime“, eine französische Kriminalserie, die zwar hauptsächlich in Amboise an der Loire angesiedelt ist und entsprechend gediegene Ansichten von Schlössern und Provinz-Kunstkammern bietet, sich aber auch immer wieder Besuche im berühmtesten Museum der Welt in Paris gönnt, widmet sich der spitzfindigen Kunstbildungshuberei nun auf sehr entspannte Weise. Will sagen: Die Logik der dargestellten Ermittlung spielt eine untergeordnete Rolle. Zufälle bestimmen den Ablauf. Die handelnden Personen sind papierraschelnde Drehbuchgeburten mit zwar behauptetem, doch höchstens ansatzweise gezeigtem Eigenleben. Es gibt Morde, hier und da eine plötzliche Aktionsaufwallung mit kerniger Schlägerei, aber die Stars, die auch der putzig-charmanten Kunsthistorikerin Florence Chassagne (Éléonore Gosset) ständig in verblichener Person erscheinen, sind Maler wie Antoine Watteau oder Théodore Géricault.

          Oder Leonardo da Vinci, wie in den beiden Auftaktfolgen der zwölfteiligen, in zusammengehörigen Doppelfolgen von ZDFneo ausgestrahlten Serie, die genauso treffend auch „Best of Louvre“ heißen könnte. Der kunsthistorische Hintergrund ist, im Gegensatz zur Seriendramaturgie, weitgehend nachvollziehbar: Hat Leonardo da Vinci wirklich eigenhändig die Kohlezeichnungsvorstudie der berühmt-berüchtigten „nackten Mona Lisa“ gemalt oder war es sein Schüler (und vermutlicher Geliebter), der schöne Salaj?

          Können der zur Behörde zur Bekämpfung des Schmuggels von Kunstgütern strafversetzte Heißsporn Antoine Verlay (Nicolas Gob) und sein besonnener Chef Commandant Pardo (Benjamin Egner) zusammen mit dem Leonardo-Codices-Kenner Pierre Chassagne (Philippe Duclos) mit Hilfe der Lösung dieses Problems nicht nur den Mord am Ex-Liebhaber einer reichen Kunstmäzenin aufklären, sondern gleich noch das verschollene Ölbild der „Monna Vanna“ ausfindig machen, von dem eine mindere Kopie „Donna Nuda“ in der Eremitage in St. Petersburg hängt?

          Das eingesetzte Hauptermittlerduo erfüllt die krimiübliche Zuschreibung eines Feuer-und Wasser-Paares, das den Qualitätenunterschied mühsam schätzen lernen muss. Florence Chassagne, die versponnene Intellektuelle, leidet unter Anfällen von schlimmer Agoraphobie (der unbestimmten Angst vor öffentlichen Plätzen) und findet im rabaukigen Haudrauf Antoine Verlay – „der hält Botticelli für eine Spaghettimarke“ – ihr „kontraphobisches Objekt“. Das zumindest sagt ihre Therapeutin. Ihr abseitiges Detailwissen und seine Straßenweisheit, so will „Art of Crime“ den Zuschauer glauben machen, ergeben eine unwiderstehliche Spannungsmischung. Statt Temperamentsreibungsfunken versprüht oder vielmehr verbreitet die Krimiserie aber vor allem andächtig gepflegte Langeweile. Man kann es elegant finden, dass des Renaissancerätsels Lösung durch die etymologische Auseinanderlegung von süd- und nordtoskanischem Dialekt in die Wege geleitet wird. Man kann aber auch selbst mal wieder in ein Museum gehen und sich durch eigenbetriebene Auslegungskunst weit mehr inspirieren lassen.

          Art of Crime läuft freitags um 21.45 Uhr auf ZDFneo.

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