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„Zauberflöte“ bei Arte : Die Scala bringt uns die Flötentöne bei

Hast Du Töne? Papageno (Till von Orlowsky) versucht, auf einen grünen Zweig zu kommen. Bild: Teatro alla Scala

Peter Stein zeigt in Mailand eine werktreue, politisch inkorrekte „Zauberflöte“. Sie lebt vom Temperament und Können junger Nachwuchssänger. Und läuft heute europaweit im Fernsehen.

          Treffen sich zwei Fremdlinge, in der Fremde. Dass sie einander in die Arme fallen, wäre zu viel verlangt. Bitter genug, dass sie einander fürchten und mit Aggression begegnen. Emanuel Schikaneder rettete diese alltägliche Situation anno 1791 ins Komische: „Hu!“, ruft da der Sklave Monostatos, als er den Vogelmenschen Papageno erblickt: „Das ist der Teufel sicherlich!“ Und der ruft im gleichen Augenblick dasselbe, um sofort eine Moral daraus zu ziehen, wie dies auch sonst häufig vorkommt in Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“, nämlich immer dann, wenn die Figuren die Handlung anhalten, aus ihrer Rolle heraus und an die Rampe treten, um das Publikum mit einer Weisheitslehre zu erfreuen. Sie lautet, an dieser Stelle: „Es gibt ja schwarze Vögel in der Welt, warum denn nicht auch schwarze Menschen?“

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Damals, in Wien, war das auf jeden Fall noch politisch korrekt. Und auch als Max Slevogt, eben heil zurückgekehrt aus dem Ersten Weltkrieg, in dem er Tote und Sterbende zu zeichnen hatte, 1918/19 seinen Zyklus von Aquarellbildern zur „Zauberflöte“ schuf, darin zwar die Konturen verwischt erscheinen, die Zuordnungen jedoch eindeutig sind, waren Worte wie „Mohr“ oder „Neger“ noch nicht verboten. Slevogts Vogelmensch trägt viele Federn auf dem Kopf, nebst Bürzel am anderen Körperende. Slevogts Monostatos beschleicht Pamina wie ein böses Panthertier, dicht am Boden, rabenschwarz und splitternackt, bis auf das Baströckchen. Und genauso sieht man die beiden, mit Bürzel, im Baströckchen, dieser Tage auf der Bühne des Teatro alla Scala herumtoben. Das hat Peter Stein zu verantworten, der alte Provokateur.

          Kein Genderlehrstück

          Zum ersten Mal in seiner Laufbahn hat Stein in Mailand die „Zauberflöte“ inszeniert und sich damit einen lange gehegten Wunsch erfüllt. Dabei interessiert ihn weder die Aufklärungsparabel noch das Genderlehrstück, und schon gar nicht ein Ägyptenmysterienspiel à la Assmann. Stein inszeniert vielmehr Wort für Wort und Ton für Ton das gesamte märchenhafte Machwerk in schönster Werktreue, mit all seinen logischen Brüchen, allen Stegreifwitzen, allen Höhen und Tiefen sowie den kompletten Dialogen, die sehr laut, deutlich, ernsthaft und so langsam gesprochen werden, dass auch in der letzten Reihe jeder alles mitkriegt. Als Vorlage für das Bühnenbild von Ferdinand Wögerbauer und die Kostüme von Anna Maria Heinreich dienen die „Zauberflöten“-Randzeichnungen Slevogts, dank deren plötzlich lauter alte, archetypische Bilder aus dem kollektiven Unterbewussten wieder auftauchen und lebendig werden: Sarastros Sonnenwagen, hereingezogen von vier wohlerzogenen jungen Löwen. Die sternflammende Königin, bei deren Auftritt das ganze Theater von Donner und Blitz erfüllt wird. Die Knaben, rosenbekränzt, in ihrer Himmelsgondel. Die Geharnischten, wie ungeschlachte Transformers, jederzeit gewärtig, sich zu verwandeln. Und vor allem: Pamina und Tamino, hell und schön, Liebe um der Liebe willen, die an die Gottheit heranreicht.

          Das macht froh und glücklich, auch wenn es manchmal etwas volkstheatermäßig quietscht und ruckelt. Die Prospekte sind auf Falten werfende Stoffbahnen gemalt, die Tempelkulissen auf schwankende Pappe, wie auch die Feuer- und Wasserprobe. Doch all dies vom Feinsten, und es wird vergoldet vom Temperament der jungen Sängerinnen und Sänger, die hier ihre jeweils eigne Probe ablegen. Die lupenrein strahlende Fatma Said als Pamina ist eine Entdeckung, Martin Piskorski als Tamino für einen lyrischen Tenor fast schon zu stark, Yasmin Özkan eine schlackenlos spitze Königin der Nacht, und Till von Orlowsky als Papageno trägt den winzigen Knödel, der noch seinen schönen Bass verschleiert, mit Anmut. Diese „Zauberflöte“ ist ein „Progetto Accademia“: ein Nachwuchsprojekt. Lauter Absolventen der „L’Accademia di perfezionamento per cantanti lirici“ bevölkern die Bühne, die ist quasi die Kadettenanstalt der Mailänder Scala. Auch musizieren lauter Akademisten im Orchestergraben, unter der handfesten Leitung von Ádám Fischer.

          Da gibt es Kostüme satt: Die „Zauberflöte“ in der Scala.

          Mit diesem Projekt läutet die Scala eine große Glocke: Professioneller Nachwuchs muss professionell behandelt werden. Zehn ausverkaufte Vorstellungen im Haupthaus wurden für diese „Abschlussprüfung“ angesetzt, rund 19000 Menschen erlebten sie live. Der Rest der Welt kann sich heute Abend die Aufzeichnung ansehen.

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