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Gespräch über „Babylon Berlin“ : Im Rausch, vor dem Untergang

  • -Aktualisiert am

„Zu Asche, zu Staub“ singt Psycho Nikoros (Severija Janušauskaite), im Tanzcafé Moka Efti ist die Hölle los. Das ist der Sound von „Babylon Berlin“. Bild: ARD/X-Filme/Beta/Sky

„Babylon Berlin“ ist die teuerste deutsche Serie aller Zeiten. Sie startete bei Sky, hat international Erfolg und nun Premiere im Ersten. Was ist so faszinierend an Berlin im Jahr 1929? Ist es der Tanz auf dem Vulkan? Die Regisseure geben Auskunft.

          Vor einem Jahr hatte „Babylon Berlin“ im Abofernsehen bei Sky Premiere, nun folgt die Ausstrahlung im Ersten. Längst schreiben Sie an der Fortsetzung. Fühlen Sie sich manchmal wie in einer Zeitschleife?

          Henk Handloegten: Da ist schon was dran, aber das hat eher mit unserem Stoff zu tun. Wir sind angetreten mit dem Gedanken, die Geschichte bis 1938 zu erzählen. Also wie in der Vorlage von Volker Kutscher, die ja auch noch nicht abgeschlossen ist. Jetzt kommen wir aber gerade für die dritte Staffel schon aus dem Jahr 1929 nicht so leicht hinaus. Es wäre unvollständig, wenn wir nicht die Weltwirtschaftskrise erzählen und den Tod Stresemanns, das war beides im Oktober 1929. Und das sind Eckpunkte für die ganze große Erzählung, die zuletzt beim Schreiben so viel Raum eingenommen haben, dass wir immer noch nicht im Jahr 1930 sind. Ich glaube nicht, dass sich das mit dem Ziel 1938 erfüllt. Zurzeit sieht es eher danach aus, als würden wir das Unabwendbare, worauf das alles zusteuert, hinauszögern.

          Achim von Borries: Wir haben alle Füße auf der Bremse.

          Das deutet auf einen idealtypischen Serieneffekt hin: Vertiefung überwiegt gegen Ergebnisorientierung.

          von Borries: Die Verlangsamung hat mit der Vertiefung zu tun, mit unserem immer noch wachsenden Interesse, mit den immer neuen Schubladen, die sich auftun. Irgendwann wird das Babylonische auch zu Ende gehen. 1930, 1933 oder 1936 – wir sind sehr gespannt, wo wir am Ende sein werden.

          Sie hatten einen Plan und zogen ihn durch: Achim von Borries, Henk Handloegten und Tom Tykwer (von links) setzen mit „Babylon Berlin“ ein Zeichen.

          Wie viele Leute haben „Babylon Berlin“ vor der Free-TV-Premiere gesehen?

          Tom Tykwer: In Deutschland ist das schwer einzuschätzen. Fernsehen und Pay-TV sind ja nur in wenigen Ländern so strikt voneinander wegoperiert wie hier. Die Serie wurde jedenfalls quasi in alle Länder, die irgendwas mit Fernsehen zu tun haben, verkauft. In Amerika läuft sie auf Netflix. Wobei: eigentlich ist Netflix in Amerika die ARD. Hierzulande kann man nicht davon ausgehen, dass mehr als 1,3 oder 1,4 Millionen das gesehen haben.

          Handloegten: Für Sky war „Babylon Berlin“ nach der sechsten Staffel von „Game of Thrones“ das Erfolgreichste, was sie gezeigt haben. International ist der Erfolg überwältigend. Wir hatten aber insgesamt doch eher den Eindruck, dass die deutsche Öffentlichkeit davon noch keine so große Notiz genommen hat. Dass Liv Lisa Fries (die weibliche Hauptdarstellerin) nicht mehr U-Bahn fahren kann, so ist es noch nicht.

          Tykwer: Ich treffe Leute, die fragen: „Wann kann ich das denn endlich mal sehen? Nicht: Wie wird die dritte Staffel?

          von Borries: Die Wahrheit ist natürlich, dass die wirkliche Premiere jetzt bevorsteht. Und dann können auch die anderen Free-TVs nachziehen in Europa, die mussten alle auf diesen Oktober warten. Das wird schon eine Feuertaufe am Sonntag.

          Was will der Kommissar aus Köln wirklich in Berlin? Volker Bruch spielt Gereon Rath.

          Für die Fernsehöffentlichkeit ist das ein Lernprozess. Sie lernt, wie man Zuschauergruppen, die nicht mehr „linear“ schauen, mit dem klassischen „Tatort“-Publikum zusammenführt, also mit den Menschen, die noch in Sendeplätzen denken.

          Tykwer: An diesem Sonntag sehen sie keinen „Tatort“.

          von Borries: Das ist tatsächlich der letzte und einzige Programmplatz in Deutschland, der übriggeblieben ist, wo alle gucken. Es gab früher das ganze Zeug, bei dem man wusste, wann es läuft und wo man einschalten musste. Davon sollte „Babylon Berlin“ jetzt auch profitieren. Trotzdem: Viele Zuschauer werden das auch in der ARD online sehen.

          Führt ein Doppelleben: Liv Lisa Fries spielt Charlotte Ritter.

          Wie kam es denn zu dem Modell, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen und der Bezahlsender Sky gemeinsam für Babylon Berlin gewonnen werden konnten?

          Tykwer: Es war uns relativ früh klar, dass das Geld, das man da in die Hand nehmen muss, selbst mit Förderunterstützung aus dem Ausland nicht zusammenkommen würde. Man musste da neue Wege gehen. Alle sind zurzeit mit dieser Transformation beschäftigt, die das Fernsehen durchmacht. In unserem Projekt lag ein Heilsversprechen. Links sah man den Abgrund, rechts den Geldspeicher. Wir sind ein so festgefahrenes System wie kein anderes, wenn da einer mal einen Ruck macht, und in diesem Fall war das vor allem Stefan Arndt von der Firma X-Filme und wir drei mit unserer Idee, dann löst das was aus. In der Musik ist jetzt gerade diese Wende passiert, dass 2017 zum ersten Mal Downloads den Hardwarekauf überholt haben. Das Blatt hat sich in dieser Branche nun sehr plötzlich gewendet. Das sind diese Erdbebenverschiebungen, vor denen viele Leute beim Fernsehen Angst haben. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als aufgeschlossen zu sein.

          Auf welche Intuition hin haben Sie an etwas Großes gedacht?

          von Borries: Die Liebe zu der Zeit. Die Hoffnung, sie aufleben zu lassen und zu feiern. „Babylon Berlin“ ist eine Liebeserklärung an die Stadt, die uns allen drei Heimat geworden ist. Eine Liebeserklärung an eine Zeit, die unterbelichtet ist. Wir empfinden das Wort „Babylon“ nicht als negativ, wir feiern Berlin. Natürlich weiß jeder, wo das endet. Aber wir wollen erst mal einen radikalen Aufbruch in die Moderne zeigen. Alles, was uns heute modern vorkommt, ist damals erfunden worden.

          Handloegten: In meinem Fall hat das viel mit persönlicher Geschichte zu tun. Ich bin 1985 hierhergezogen. Die Teilung der Stadt habe ich als persönlich bedrückend erlebt. Mein Vater arbeitete als westdeutscher Diplomat an der ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Wir lebten in Ost-Berlin in der Leipziger Straße, jeden Morgen musste ich über den Checkpoint Charlie nach West-Berlin, wo ich das Askanische Gymnasium besuchte. Ich habe jeden Tag mehrmals die Mauer passiert, als zu Unrecht privilegierter Mensch, wie mir vorkam. Dass die Teilung unnatürlich war und ein Ende finden musste, war mir klar. In West-Berlin war das nicht klar, da gab es keine Hoffnung, die Leute hatten sich mit diesem merkwürdigen und faszinierenden Gebilde abgefunden. Mein Bezugspunkt hingegen wurde die Weimarer Republik. Das hatte ganz einfach visuelle Gründe. Es gab überall die Narben der Stadt. Das eindringlichste Bild für mich waren die Straßenbahnschienen in der Charlottenstraße, da stand die Mauer drauf. Diese eine Stadt, in der die Leute damals unterwegs waren, wurde für mich zu einem Sehnsuchtsort. Und wenn man da einmal zu lesen und zu suchen beginnt, stellt man fest: Das Berlin der Weimarer Republik ist sehr gut dokumentiert, geschlafen haben die Leute offensichtlich überhaupt nicht, sondern dauernd geschrieben, und gefeiert haben sie auch. 2001 haben wir (Henk Handloegten und Achim von Borries) ein Drehbuch geschrieben, aus dem wurde der Film „Was nützt die Liebe in Gedanken“, bei dem Achim dann Regie geführt hat. Tom sprach irgendwann mal mit einer solchen Zärtlichkeit über diesen Film, dass ich mir dachte, okay, der hat auch ein Faible für diese Zeit. Daraus entstand ein lockeres Gespräch. Da ist uns allen aufgefallen, dass es im Kino und im Fernsehen dazu eigentlich nichts gibt außer „Berlin Alexanderplatz“ von Fassbinder und den Film „Cabaret“. Der ist übrigens immer noch großartig, obwohl es überhaupt keine Außenaufnahmen gab.

          Großer Aufruhr: „Babylon Berlin“ knüpft mit seiner Szenerie an internationales Niveau an.

          Hinter „Berlin Alexanderplatz“ stand damals der WDR. Die Serie gilt als große Kunst, aber auch als Antifernsehen.

          Handloegten: Das trifft meine Erfahrung. Es ist erstaunlich, was für unglaublich dichte Szenen da drin sind, häufig mit Barbara Sukowa. Dazwischen gibt es dann aber immer wieder 45 Minuten Theater. Das wirkt wirklich veraltet.

          von Borries: Man hat nicht das Gefühl, dass Fassbinder in die Zeit verliebt war.

          Handloegten: Nein, aber Fassbinder hat etwas Interessantes gesucht: Ein Missing Link zwischen dem Ufa-Film und dem Autorenfilm. Diese Suche hat er in der Zeit von Döblin angesiedelt. Das ist eine Suche, die auch mich immer beschäftigt. Da fehlt doch was zwischen Fritz Lang und dem „Förster vom Silberwald“.

          Im Hinterhof: Szene aus „Babylon Berlin“.

          Dabei könnte man manchmal den Eindruck haben, die deutsche Filmbranche wäre geradezu auf die NS-Zeit fixiert.

          Tykwer: Das ist statistisch auch zu erhärten. Hitler ist unser größter Star. Von den Printmedien bis zum Netz, überall gilt: Wenn du nicht weiter weißt, mach was über Hitler! „Der Untergang“ war ein spektakulärer Erfolg im Kino, und zwar auch unter Teenagern. Für uns war die Frage: Inwiefern war das denn damals schon potent? Wer sind denn diese Nazis im Jahr 1929? Henk sagte den entscheidenden Satz: Die Nazis sind immer die anderen. Das ist die Verdrängung. Dabei ist es doch so wie in diesem Film von Theodor Kotulla „Aus einem deutschen Leben“: Der Nazi ist ein absolut durchschnittlicher Mann.

          Und er leitet Auschwitz wie einen Mittelbetrieb.

          Tykwer: Wir wollen die Nazis nicht als die anderen zeigen, in unserer Welt werden fast alle in ein paar Jahren dazugehören. Wir führen nicht einige besonders vulgäre Typen ein, die dann später Nazis werden.

          Ein Attraktionsmoment der Serie liegt auch in den Andeutungen von Alternativgeschichte. Hätte alles auch anders verlaufen können? Wie geht man mit der erzählerischen Freiheit um, wenn man an das historische Ergebnis gebunden ist?

          Tykwer: Wir sind fest davon überzeugt, dass die Geschichte von Nadelöhr zu Nadelöhr verläuft, und dass vieles geradezu abstrus zusammenkommen musste, um dann am Ende zu einer winzigen Chance zu führen, dass das eintreten konnte, was dann mit der Machtübernahme von Hitler eintrat.

          von Borries: Man spürt, glaube ich, in der gesamten Serie eine gewisse Verunsicherung aller Figuren, eine Instabilität, die auch Angst macht. Wir erzählen von einem Kampf um die Demokratie. Es soll beim Zuschauer – wider das historische Wissen – die Hoffnung machen, dass es vielleicht doch besser ausgehen könnte.

          Handloegten: Wir öffnen das aber auch historisch nach hinten. Es gibt zum Beispiel einen Aspekt, der bis auf den Film „Das Spinnennetz“ von Bernhard Wicki kaum einmal aufgegriffen wurde: Was heißt es denn, einen Krieg verloren zu haben, ohne eigentlich zu begreifen warum? Was macht das mit einer ganzen Generation von Soldaten, die entehrt, traumatisiert, betrogen, besiegt, verkrüppelt zurückkommen und das noch nicht einmal zugeben dürfen? Zu einer anderen Zeit wäre das wohl als Revanchismus betrachtet worden, was wir da erzählen: Rechte Freikorps, die sich den Sieg zurückholen wollen. Das hat absolut seine Berechtigung, das so zu zeigen. Wir müssen diesen Leuten eine Seele und eine Sicht geben.

          2014 lasen viele Menschen in Deutschland „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark. Da wurde auch eine Erinnerung aufbewahrt an die Größe der Gründerzeit im 19. Jahrhundert, an die zurzeit in Berlin vieles wieder anschließt. Das Weimarer Berlin wirkt wie ein frenetisches Zwischenspiel zwischen diesen beiden Momenten, die wiederum ein Jahrhundert der Kriege rahmen. Die Serie trifft nun auch die Gegenwart auf einer Kippe zwischen gründerzeitlicher Behaglichkeit und hochgradiger Nervosität.

          Tykwer: Komplexe Totalität ist das Einzige, was diesen Schichtungen gerecht werden kann. Ich denke dabei oft an „Mad Men“. Wie lange finde ich eigentlich Don Draper zum Kotzen? Er ist wahrscheinlich der am langsamsten sich selbst findende Mensch der Filmgeschichte, und dann hat er auch noch diese schockierenden Rückfälle. Das zarte Pflänzchen Moral ist uns so wichtig. Bevor alles einbricht, darf der Boden nicht zu fest sein.

          Demnächst beginnen die Dreharbeiten zur dritten Staffel, die 2020 im freien Fernsehen kommen soll. Bei aller Freude am Detail bleibt Ihnen letztlich wohl doch nichts anderes übrig, als nach einem übergeordneten Plan zu arbeiten.

          Tykwer: Alle, die uns umgeben, träumen zumindest davon. Wir glauben aber, dass ein Teil des Gelungenen an der Serie auch mit unserer autorenfilmerhaften Verstrickung in das Material zu tun hat, und hoffen sehr, dass über die lange Strecke der Eigensinn auffällt.

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