http://www.faz.net/-gqz-8xrtg

Macron und die Medien : Französisches Frühlingsmärchen

Gemeinsam sind sie ein Traumpaar: Emmanuel und Brigitte Macron. Bild: Reuters

Frankreichs Medien erzählen folgsam von Emmanuel Macrons Triumphzug an die Macht. Heimlich Regie führt eine Frau, die unsichtbar bleibt: Michèle Marchand, die „Mata Hari der Paparazzi“.

          „Besser als ,Borgen‘“, schwärmte Michel Houellebecq fast schon ein bisschen neidisch im französischen Fernsehen über die Wahlkampagne. Auch für einen Roman hält er sie tauglich. Liebend gerne wäre er jedenfalls bei den „Republikanern“ dabei gewesen, als es um François Fillons Affären, Lügen und Niederlage ging.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Wir waren bei Emmanuel Macron, als Fillon seinen Besuch bei der Landwirtschaftsmesse in letzter Minute absagte und alle über seinen Rückzug spekulierten. Über seinen Rücken hinweg sehen wir die Bilder des Rivalen. „Er wird nicht aufgeben“, beschwichtigt Macron seine aufgeregten Berater, die den möglichen Ersatzkandidaten Alain Juppé für den viel gefährlicheren Gegner halten. Wir sind auch kurz vor den TV-Debatten mit Macron. Und wir erleben seinen Frust, als seine Lieblingsmannschaft Marseille gegen Monaco verliert. Deutlich vernehmbar hören wir einen Fluch aus seinem Munde und sehen die Reaktion seiner Frau: „On s’en fout“, das ist uns sch...egal.

          Hagiographie ist nichts dagegen

          Die Szene ist Teil des Films „Les coulisses d’une victoire“, den der Sender TF1 schon am Tag nach der Wahl zeigen konnte, und die einzige, die einen Hauch von Widerspruch vermittelt. In der Nacht hatte man die letzten Sequenzen geschnitten. Neunzig Minuten aus Bildern und O-Tönen, ohne Kommentar aus dem Off. Fünf Monate lang hatte Yann L’Hénoret Macron – das offene Mikrofon an der Krawatte – begleiten können. Zwei ähnliche Produktionen wurden ebenfalls bereits ausgestrahlt. Sie erzählen das französische Märchen vom Wunder von Emmanuel Macrons Aufstieg an die Macht als Hagiographie.

          Dass die unbekannte Michèle „Mimi“ Marchand heimlich die Regie führte, bleibt ausgeblendet. Als „Königin der Paparazzi“ porträtierte sie vor drei Jahren das Weltblatt „Le Monde“, dessen Eigentümer zu den eifrigsten Fans von Emmanuel Macon gehören und sich selbst an keine der Auflagen, die sie ihren Redakteuren machten, halten. Das Porträt erschien, nachdem „Closer“ Fotos von Präsident Hollande auf der nächtlichen Fahrt mit einem Motorrad zu seiner Freundin veröffentlicht hatte: „Es gibt keine Beweise, aber alle Insider sagen es: Dieser Streich war undenkbar ohne die erfahrenste, die brillanteste, die bestinformierte und am meisten gefürchtete Informantin der Presse, die sich mit dem Privatleben der Berühmtheiten von Paris bis Hollywood befasst: Michèle Marchand. Mimi für die Vertrauten. Die Mata Hari der Paparazzi.“

          In Macrons Dienste trat sie dank der Vermittlung durch Xavier Niel, den Miteigentümer von „Le Monde“. Als Gründer der Telefongesellschaft Free wurde er Milliardär. Vor einem Jahrzehnt saß er ein paar Wochen wegen „verschärfter Zuhälterei“ im Gefängnis: Er hatte Telefonsex-Dienste im Angebot. Wie er Brigitte Macron mit Mimi Marchand verkuppelte, beschreibt „Vanity Fair“. Der Autor hat die 1947 geborenen Marchand in ihrer Fotoagentur „Bestimages“ besucht. Sie verhandelte gerade mit den Redaktionen über die Fotos von Marine Le Pens vergeblichem Versuch, im Trump Tower in New York den frisch gewählten Präsidenten zu treffen.

          Präsidentenmacherin im Hintergrund: Michèle „Mimi“ Marchand.
          Präsidentenmacherin im Hintergrund: Michèle „Mimi“ Marchand. : Bild: AFP

          Marchands Leben ist ein Roman. Zwei ihrer Ehemänner waren im Gefängnis, sie selbst auch – zwei Jahre lang. Sie gründete Nachtclubs für Lesben. Ein Agent des innenpolitischen Geheimdiensts, der beruflich gekommen war, verliebte sich in Mimi. Auch aus seinen Quellen sollen die Informationen geflossen sein, mit denen sie zur Pionierin des französischen People-Journalismus wurde.

          Weitere Themen

          Dieter Rams Thesen für gutes Design Video-Seite öffnen

          Produktionsdesign : Dieter Rams Thesen für gutes Design

          Dieter Rams ist einer der einflussreichsten Produktdesigner der Moderne. Viele seiner Entwürfe sind Design-Klassiker. Sein Motto: Weniger ist mehr. Seine "Zehn Thesen für gutes Design" jetzt in einem Bildband.

          Topmeldungen

          Jamaika-Koalition : Der Grünstreifen am Horizont

          Vor vier Jahren haben die Grünen ihre Chance auf eine Beteiligung an der Regierung vertan. Diesmal wollen sie ernsthaft verhandeln. Das geht nur, wenn die Parteilinken mitmachen. Doch, sind die dazu bereit?
          Die britische Regierungschefin Theresa May und der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bei ihrem Treffen in Brüssel.

          Treffen von May und Juncker : Jetzt aber flott!

          Das Stocken der Brexit-Verhandlungen sorgte zuletzt für viel Kritik. Nun machen Jean-Claude Juncker und Theresa May Dampf. Bis Dezember soll ein Plan für die Scheidung stehen.
          Jordi Ciuxart, Vorsitzender des katalanischen Kulturvereins Omnium Cultural, und ANC-Chef Jordi Sànchez vor dem Gerichtstermin in Madrid.

          Krise in Katalonien : Führende katalanische Separatisten inhaftiert

          Die spanische Staatsanwaltschaft hat zwei katalanische Separatistenführer festnehmen lassen. Auch gegen Polizeichef Josep Lluís Trapero wurde Untersuchungshaft beantragt, er kam gegen Kaution jedoch vorerst frei.
          „Es war eine Landtagswahl“: Merkel am Montag in Berlin

          Nach der Niedersachsen-Wahl : Runter vom Baum und Schwamm drüber

          Die Parteien, die eine schwarz-gelb-grüne Bundesregierung bilden wollen, haben bei der Niedersachsen-Wahl alle verloren. Angeblich schadet das nichts. Denn nach der Wahl ist vor der Sondierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.