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Netflix-Serie „Atypical“ : Wer nervt, wird in den Schrank gesperrt

  • -Aktualisiert am

Lebt in seiner eigenen Welt: Sam (Keir Gilchrist). Bild: Netflix

In der Netflix-Serie „Atypical“ über einen autistischen Jungen ist alles so, wie man sich das bei einer amerikanischen Comedy vorstellt. Und das ist ein großes Problem.

          Das Gute vorab: In die „Rain Man“-Falle geht diese Serie nicht. Keir Gilchrist, den man vielleicht noch aus „United States of Tara“ kennt, spielt den liebenswerten achtzehnjährigen Autisten Sam, der sich eine Freundin wünscht, so normal wie es eben geht. Während Dustin Hoffmans Regenmann vor dreißig Jahren sämtliche staunenswerten Inselbegabungen und Asperger-Schrägheiten in sich zu vereinen schien, hat sich Robia Rashid, zuvor Ko-Produzentin und Mitautorin von „How I Met Your Mother“, für eine milde Ausprägung von Autismus entschieden, die dennoch im Mittelpunkt der Serie steht und – leider – auch für die Komik sorgen soll.

          Sams brutal ehrliche Art, sein Antarktis-Tick und ein Hang zu Regeln führen zu zahlreichen Missverständnissen, die vor allem durch Einfallslosigkeit glänzen. Er ruiniert ein romantisches Date durch einen Ausraster, als das Mädchen gerade ihr Shirt ausgezogen hat; er verknallt sich in seine Psychologin (Amy Okuda), deren Leben er durcheinanderbringt; er sucht eine Übungsfreundin und sperrt sie, als sie nervt, in den Schrank. Wer über die eine oder andere Szene noch grinsen könnte, dem zieht spätestens Sams bester Freund den Stecker: Gockel Zahid (Nik Dodani), der im selben Elektrofachgeschäft jobbt, doziert nämlich pausenlos selbstverliebt übers Frauen-Rumkriegen. Aber es kommt in Sachen Drehbuch noch schlimmer.

          Familienrat: Sam fällt die Aussprache mit seinen Eltern und seiner Schwester nicht gerade leicht.

          Um das Atypische hervorzuheben, hat Robia Rashid die Hauptfigur in einer so typischen amerikanischen Familiensituation verankert, dass man nicht nur jede Einstellung und jeden Satz, sondern selbst die Kücheneinrichtung, die Schlafzimmervorhänge und Garderobenhaken zu kennen meint. Sam wohnt in einem Mittelklasseheim nach amerikanischer Sitcom-Norm, man kann auch sagen: in einer Studiokulisse.

          Auch seine Familie erfüllt diese Norm: Die von Sams Streben nach Unabhängigkeit verunsicherte, ja gekränkte Mutter (Jennifer Jason Leigh) rumpelt bei der Suche nach einem neuen Lebenssinn kopfüber in eine Romanze mit einem schlechten Witz von Liebhaber. Allen Ernstes der Barkeeper! Sams nur leicht jüngere, eher sportlich begabte Schwester Casey (Brigette Lundy-Paine), die sich zu seiner Beschützerin entwickelt hat, wird ebenfalls gerade flügge und bringt einen verständnisvollen Freund mit nach Hause. Bleibt noch der Vater (Michael Rapaport), der just in dem Moment erstmals einen Zugang zu seinem Sohn findet – Gespräche unter Männern –, in dem seine Familie zur Disposition zu stehen scheint. Dazwischen fallen aufdringlich belehrende Sätze wie „Niemand ist normal, Kumpel“. Und wir müssen quälend langatmige Sitzungen einer müde karikierten Selbsthilfegruppe durchstehen.

          Bei so wenig erzählerischem Esprit (wie es flotter geht, hat vor einem Jahr die ABC-Serie „Speechless“ gezeigt) können auch die erfahrensten Schauspieler – Jennifer Jason Leigh fiel zuletzt in Quentin Tarantinos „Hateful Eight“ auf; Michael Rapaport war in den Serien „Prison Break“, „Justified“ und „Public Morals“ zu sehen – wenig ausrichten. Dabei ist nicht die empathische Konzentration auf die Alltagsprobleme einer Familie mit autistischem Kind das Problem, ganz im Gegenteil: Dieser Aspekt macht die immerhin durchweg freundliche Serie, die nur mit und nie über Sam lacht, zu einer willkommenen Normabweichung im Netflix-Universum, in dem es sonst oft schrill und abgedreht zugeht. Nur hat man diese Normalität eben denkbar schlecht simuliert. Joggen, Streiten, Umarmen, das ist alles. Und das ist zu wenig.

          Sämtliche Figuren sind eindimensional geraten, auch und gerade der Antiheld Sam, der – Hauptcharaktermerkmal – Pinguine für die besseren Menschen hält, was vermutlich alle der in der Fernsehunterhaltung so ungeheuer beliebten Soziopathen von Sherlock bis Dexter unterschreiben würden. Auch der Überbau wirkt platt: Woran Sam scheitert, ist unser aller routinierter Umgang mit Lügen, Tricks und Selbstbetrug; und damit öffnet er anderen die Augen.

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          Darauf, dass eine Dating-Plot-Serie mit einem zuckrigen Happy End während des großen Schulballs endet (und trotzdem noch einen bemühten Cliffhanger mit Blick auf eine zweite Staffel einbaut), hätte man blind wetten können; auch die Szenen mit der plötzlich allzu lockeren Mutti auf Dope, dem harten Knochen von Schulsport-Trainer oder dem über sich selbst hinauswachsenden Vater dürften nur jemanden überraschen, der die Highschool-Serien der Achtziger, Neunziger und Nullerjahre verschlafen hat. Diese Produktion darf man getrost aussitzen. Amazons „Mr. Robot“ ist die spannendere, die BBC-Reihe „The A Word“ die authentischere Autisten-Serie.

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