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Amazon-Serie „Catastrophe“ : Sorry, wie war noch mal dein Name?

Eine Familie hat man, die andere macht man: Sharon (Sharon Horgan, links) und Rob (Rob Delaney) sind plötzlich zu dritt; Robs Mutter (Carrie Fisher) ist schockiert. Bild: Amazon

Die Serie „Catastrophe“ erzählt die Geschichte eines unmöglichen Paars. Die Story von Sharon und Rob hat so viel ernsten und bösen Witz, dass sie in Großbritannien zum Überraschungserfolg wurde.

          Das war nichts Ernstes“, sagt Rob beschwichtigend. „Das war nichts Ernstes?“, fragt Sharon mit einem leichten Beben in der Stimme. Er gerät ins Stottern. Doch, doch, selbstverständlich sei es etwa Ernstes gewesen, im Sinne von – sie bekommt einen Lachanfall. Dass sie ihm als „wahnsinnig gut duftende Frau“ mit tollen Rundungen in Erinnerung bleibt, findet sie ganz okay. Schließlich wollte sie nach dem rauschhaften, einwöchigen One-Night-Stand mit dem „standhaften Liebhaber“, der nett zu Taxifahrern und Kellnern ist, ja auch nur die Zahnpasta aus dem Hotelzimmer als Souvenir behalten. Danach sollten sich ihre Wege trennen. Sie wollten einander „vertraute Bekannte“ bleiben. Der werbetreibende Handelsreisende Rob fliegt zurück nach Boston, die Lehrerin Sharon geht zurück in den Unterricht an der Londoner Grundschule. Und tschüss. Doch dabei bleibt es selbstverständlich nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sharon ist schwanger, und da sie sich dann doch wenigstens Robs Telefonnummer aufgeschrieben hat, lässt sie ihn es wissen. Womit sie nicht rechnet, ist, dass er es plötzlich sehr ernst meint und in den nächsten Flieger steigt. Am Gate erwartet sie ihn mit einem unsicher formulierten Namensschild: „Rob?“ Er grinst bei der Ankunft. „Ich wusste ja gar nicht, ob du mich wiedererkennst.“ Richtig vorgestellt hatten die beiden sich einander nicht. Sie heißt Morris, er heißt Norris. Das wäre doch schon mal ein Anfang, alles weitere wird sich finden in der Serie, deren Titel die sich anbahnende Beziehungsgeschichte auf den Punkt bringt: „Catastrophe“.

          Wer solche Freunde hat, braucht sich über Beziehungsstress keine Sorgen zu machen: Sharon und Rob inmitten ihrer Entourage.

          Dass Sharon schwanger ist, halten allerdings weder sie noch Rob für eine „Katastrophe“. Bei ihren Eltern, ihrem Bruder, ihren Freunden ist das schon etwas anderes. Allerdings sind die Damen und Herren selbst durch die Bank allesamt beziehungsgestört. Robs Mutter ruft jeden Tag an und versorgt ihn mit Ratschlägen, wie er sich aus der Affäre ziehen kann, obwohl er davon nichts hören will. Sharons Eltern bekommen Gesichtslähmung, als sie hören, dass Rob ihrer Tochter einen Antrag gemacht hat. Als Amerikaner verfügt Rob für die beiden Iren offenbar über den falschen Migrationshintergrund.

          Sharons Exfreund taucht scharwenzelnd auf, für Rob scheint sich ihre vermeintlich beste Freundin zu interessieren (und deren Ehemann vielleicht auch). Das ist erst der Anfang.

          Hat immer einen schlechten Rat auf Lager: Robs Mutter Mia (Carrie Fisher).

          Über die medizinische Diagnose zu Sharons später Schwangerschaft haben wir noch gar nicht gesprochen (sie befürchtet, Krebs zu bekommen, auf jeden Fall aber, aus dem Leim zu gehen), nicht über Robs prekären Job (er lügt seiner Firma über vermeintliche Deals das Blaue vom Himmel herunter) und über all die Laster, welche die beiden ablegen wollen (Rauchen, Alkohol, Sex mit anderen), auch nicht. Skepsis, so weit das Auge reicht: Aus zwei passionierten, bindungsfernen Singles, Anfang vierzig, soll ein Paar werden? Das kann nicht funktionieren.

          Die BBC traute dem Serien-Konzept nicht

          Das funktioniert ganz und gar nicht, dachte man bei der BBC, als die beiden Hauptdarsteller Sharon Horgan und Rob Delaney, die auch Autoren der Serie sind, vor drei Jahren mit ihrer Geschichte vorstellig wurden. Eine Romanze, deren einzige Besonderheit darin besteht, dass die beiden, die da vielleicht eine Familie werden, nicht mehr die Jüngsten sind und jeder für sich schon eine eigene Geschichte auf dem Buckel hat? Der Privatsender Channel 4 fand das nicht so abwegig und gab eine Staffel von sechs Folgen in Auftrag. Inzwischen wird die vierte Episodenreihe geplant, von der man beim Sender fürchtet, es werde die letzte. Die letzte Staffel könnte es sein, weil Sharon Morgan und Rob Delaney so beschäftigt und gefragt sind. Was wiederum viel mit „Catastrophe“ zu tun hat. Die Serie ist nämlich ein großer Erfolg.

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          Den verdankt sie ihrer Machart. Eine unromantischere Romanze hat man selten gesehen. Auch nicht eine Komödie, deren Dialoge vor Zynismus nur so strotzen, aber nicht zu einem bloßen Pointen-Feuerwerk verkommen. Und auch nicht ein Drama, das sehr wohl zu Herzen geht, weil es nicht kitschig ist, die zu bewältigenden Katastrophen realistisch sind und man den Figuren die Konfliktbewältigung in jeder Wendung abnimmt. Das ist Erwachsenenfernsehen, das sich nicht gleich zu dem Anspruch versteigt, ein Generationenbild abzugeben, sondern einfach die Geschichte erzählt, wie zwei zueinanderfinden – oder auch nicht.

          Keiner in ihrer Umgebung nimmt ihnen ab, dass sie es könnten. Die Spannung wird von Folge zu Folge gehalten. Doch Sharon und Rob wollen beweisen, sich selbst und allen anderen, dass ihre amour fou kein Witz ist. Das wird mit sehr viel Witz erzählt, in dem sich das Beste der britischen und der amerikanischen Comedy vereint. Das gibt es auf unseren Fernsehkanälen nicht im Übermaß. Im Fall von „Catastrophe“ wird es den auf dem von den Sendern gefütterten Bildschirm auch nicht geben, weil Amazon die Serie gekauft hat und jetzt für seine „Prime“-Kunden in Deutschland vorstellt.

          Diese sehen dabei auch die im Dezember des vergangenen Jahres verstorbene, frühere „Star Wars“-Heldin Carrie Fisher als Robs Mutter in ihrer letzten Fernsehrolle. Die vorerst letzte Folge der Serie ist ihr gewidmet.

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