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Veröffentlicht: 21.04.2017, 20:34 Uhr

Netflix-Serie „Girlboss“ Ich will mich vermarkten, wie ich bin

Eine junge Frau ist ganz unten, dann ganz oben: Die Serie „Girlboss“ feiert den Aufstieg der Online-Händlerin Sophia Amoruso, die mit Second-Hand-Mode reich wurde. Wir kennen das Schnittmuster.

von
© Photo by Karen Ballard Auf dem Weg zur Stil-Ikone: Sophia (Britt Robertson) schaut nur noch nach vorn.

Von der Schulabbrecherin, Gelegenheitsjobberin und Diebin mit Modemacke zur Internetunternehmerin, die sich mit 22 Jahren anschickt, vom Sofa ihres verschrammelten Apartments in San Francisco aus ein Millionengeschäft aufzuziehen, in die Forbes-Liste der Superreichen mit einem geschätzten Vermögen von 280 Millionen Dollar einzieht und als gefeierte Social-Media-Influencerin einen Bestseller mit Hashtag im Titel über ihre Selfmade-Karriere landet: Die Geschichte der Sophia Amoruso, Jahrgang 1984, bietet wahrlich Stoff für eine Fernsehserie. Und ist nicht – nach Biopics über Mark Zuckerberg und Steve Jobs – die Zeit überreif für eine Girlie-Story aus dem Land der märchenhaften Möglichkeiten des frühen Internetbooms?

Ursula Scheer Folgen:

Schade nur, dass Netflix die interessanten Parts von Sophia Amorusos fabelhafter Karriere wohl nicht beleuchtet. 2015 gab es Ärger, weil sie vier schwangere Mitarbeiterinnen widerrechtlich gekündigt hatte. 2016 zog sich die „Cinderella of tech“ – so nannte sie die „New York Times“ – aus dem von ihr zehn Jahre zuvor gegründeten Online-Handel für Second-Hand-Mode „Nasty Gal“ zurück. Das Unternehmen meldete Insolvenz an und wurde von einer britischen Gruppe geschluckt. Sophia Amoruso hatte Zeit für neue Projekte, zum Beispiel als Mitproduzentin bei Netflix neben Charlize Theron die Serienadaption ihres autobiographischen Erfolgsbuchs „#Girlboss“ von 2014 voranzubringen.

45968489 © Photo by Karen Ballard Vergrößern Erste Frage: Passen die Stiefel? Zweite Frage: Wer ist der halbnackte Mann im Zimmer? Szene aus „Girlboss“.

In dreizehn knapp halbstündigen Episoden folgt „Girlboss“, die Serie, der von Britt Robertson verkörperten Sophia auf ihrem buchstäblichen Weg from rags to riches. Locker, wirklich sehr locker an wahre Begebenheiten angelehnt sei das Ganze, zwinkert der Vorspann einem zu, bevor man in Sophias kunterbunte Welt eintaucht, in der sie zu feministischem Elektropunk wie in ihrem eigenen Musikvideo lebt. Wie er sie finde, fragt Sophia den schnuckeligen Drummer (Johnny Simmons), mit dem sie in San Francisco durch Clubs, Kinos, abgehalfterte Spielkasinos und Wahrsagerhöhlen zieht, und zeigt auf ihr Gesicht. „Verrückt, tough, cool, böse, spontan, böse, schön“, antwortet er, und sie ist zufrieden.

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„Nasty Gal“ wird vom Image seiner Gründerin leben. In „Girlboss“ wirkt Sophia wie eine rotzige Westküsten-Version von Holly Golightly. Kein Escort-Girl, dafür aber so jung, klug und hübsch, dass keiner begreift, warum sie so dermaßen neben der Spur läuft. Angst vor dem Erwachsenwerden habe sie, sinniert sie auf einer Parkbank – woraufhin ihr eine wildfremde alte Dame eine Ohrfeige verpasst. Ihrem Vater jammert Sophia die Ohren voll, alles kotze sie irgendwie an. Da hat sie gerade den Job verloren, einen Teppich geklaut, den sie im Restaurant neben dem Tisch abstellt, Brötchen aus dem Müllcontainer gegessen und eine Lederjacke in einem Trödelladen erstanden. Auf neun Dollar hat sie den Verkäufer heruntergehandelt, der nicht ahnte, dass er ein Designerstück zum Spottpreis verhökerte. Sophia wusste es besser. Sie streift das gute Stück über, schießt ein sexy Selfie (das damals noch nicht so hieß) und stellt die Jacke derart bebildert bei Ebay zum Verkauf. 615 Dollar zahlt der Käufer. Ein Geschäftsmodell ist geboren, und Sophia schreit ihr Glück auf die Straße hinaus. Sie habe endlich verstanden, wie das Leben funktioniere. Das Problem Krankenversicherung ist nicht gelöst: Beim Herumhopsen holt sie sich einen Bauchdeckenbruch.

© Netflix

Schräg, schnell und todschick will „Girlboss“ sein und ist es. Die Dialoge in der von Kay Cannon erdachten und geschriebenen Serie zelebrieren Seltsamkeit, die Kamera dreht sich gerne mal um neunzig Grad, und Sophia ist unter der Regie von Christian Ditter eher ein überdrehter Teenager als eine junge Frau auf Selbstfindungstrip. Das hat Unterhaltungswert, aber so richtig bei der Stange hält einen das hektische Gehampel, das mehr ein Lebensgefühl einfängt als eine Geschichte erzählt, auf Dauer dann doch nicht. Deshalb ist wohl in jeder Episode schon nach einer knappen halben Stunde Schluss. Eine Viertelstunde hätte es vielleicht auch getan.

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