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Die Medien und die Präsidentenkrise Zwischen Mainstream und Volkes Seele

Die Berichterstattung zur Präsidentenkrise ist selbst in die Krise geraten. Journalisten warnen einander vor der „öffentlichen Meinung“. Was das ist, weiß leider keiner so genau.

© IMAGO Vergrößern Als der Bundespräsident einmal Suppe ausschenkte: an der „Tafel der Demokratie“, im August 2010 auf dem Pariser Platz in Berlin

In dieser Woche schaltete sich eine längst vergessene Expertin für düstere Medienmachenschaften in die Debatte ein. Die Nachrichtensprecherin Eva Herman hatte sich vor gut vier Jahren aus der Öffentlichkeit verabschiedet, seitdem arbeitet sie als professionelles Medienopfer beim Weltverschwörungsverlag Kopp, wo sie eine Sendung hat, die so tut, als ginge es um Nachrichten mit DVDs voller „Fakten und Hintergrundinformationen, die Ihnen von den Mainstream-Medien verschwiegen werden“. Am Mittwoch befragte Herman den „Querdenker“ Arne Hoffmann zu der Frage: „Wulff-Krise oder Medien-Desaster?“ - was natürlich eine rein rhetorische Frage war. Eine Hetzjagd sei im Gange, so Herman, „die inzwischen auch den Bürger traumatisiere“. Und auch Hoffmann attestierte den Medien „freiwillige Selbstgleichschaltung“ und stellte Christian Wulff in eine Reihe mit anderen Opfern „medialer Massensteinigungen: Möllemann, Hohmann, Sarrazin, Herman.

Harald Staun Folgen:  

Sie haben wieder Konjunktur, die Warnungen vor der „Medienmeute“, die Klagen über den gutmenschlichen Mainstream (willkommen im Club, „Bild“-Zeitung!) und über die Hauptstadtjournalisten und ihr Kartell. Die Vorstellung, dass es sich bei der Berichterstattung über die Unzulänglichkeiten des Bundespräsidenten um eine Hetzkampagne handele, ist so präsent, dass sich überzeugte Paria wie Herman, die ihre Ansichten natürlich ungehindert überall herummeinen können, sich demnächst schwertun werden damit, sich weiterhin als Opfer von Denkverboten zu inszenieren.

Der allgemeine Nutzen überwiegt den Ekel, aber nur leicht

Neu aber ist, dass sich diesmal nicht nur notorische Gleichschaltungsparanoiker über den Mangel an Meinungsvielfalt beschweren. Auch die an der Debatte beteiligten Journalisten sind irritiert darüber, wie sehr sie sich in der Sache einig zu sein scheinen - und mit wem. Womöglich, fürchten sie, dröhnt dieser Gleichklang in den Ohren ihrer Leser lauter als all die Fakten und Argumente, die sie herausarbeiten.

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Es ist nicht nur der Schreck über die Rolle, welche die „Bild“- Zeitung in der Sache spielt, der vielen Journalisten jetzt in den Knochen sitzt; aber der ist es schon auch. Weshalb es nicht nur umso interessanter wäre zu wissen, was letztlich zu dem Bruch des Blattes mit dem ranghöchsten Homestorylieferanten des Landes geführt hat (und warum er nicht schon viel früher vollzogen wurde, und zwar von Wulff). Solange die Agenda der „Bild“ im Dunkeln liegt, das ist das Dilemma, können sich andere Zeitungen nur schwer davon distanzieren; und müssen sich doch gleichzeitig von einer skeptischen Leserschaft unterstellen lassen, sie ließen sich instrumentalisieren. Vielen Redakteuren geht es nun wie Staatsanwälten, die dubiosen Kronzeugen Strafmilderung anbieten müssen: Der allgemeine Nutzen überwiegt den Ekel, aber nur leicht.

Womöglich noch unbegreiflicher ist es für viele, dass nicht einmal die große Koalition wulffkritischer Medien genügend argumentative Kraft entfalten konnte, um eine Mehrheit der Bevölkerung gegen den Präsidenten einzunehmen. Oder auch nur für das Thema, wie die einen verwundert, die anderen zeigefingerhebend zur Kenntnis nehmen. Von der Sorge jedenfalls, dass „die Menschen“ nach drei Wochen Präsidentenkrise nichts mehr davon wissen wollen; dass die Beharrlichkeit der Journalisten bei „den Bürgern“ als doppelmoralische Peinigung ankommt, der wahlweise kommerzielle Interessen (Quoten und Klicks) oder politische Mauscheleien unterstellt werden, war diese Woche auch in Blättern zu lesen, die sich in der Sache eher unnachgiebig zeigen.

In Wahrheit unter einer Decke

In der „Süddeutschen Zeitung“ diagnostizierte Johan Schloemann „Katerstimmung“. Er verwies auf die handelsüblichen Probleme des politischen Journalismus, auf zunehmende Hektik, Kleinteiligkeit, Personalisierung und Dramatisierung, die den heutigen Echtzeitjournalismus bestimmen und beim Publikum gewissermaßen den Eindruck eines Nachrichtenmaschinenfeuers hinterlassen, das längst auf Autopilot läuft.

Auch Marc Brost in der „Zeit“ klagte über den „Herdentrieb“ der Journalisten, die angesichts der Komplexität der Welt und unter dem Joch der Onlinemedien sicherheitshalber nur noch im Gleichschritt marschieren: „Die Verunsicherung vieler Medien darüber, was bei den Lesern oder Zuschauern (noch) zieht, führt dazu, dass Journalisten häufig das schreiben, was andere Journalisten schreiben.“ Ob das auch für ihn gilt, ließ er offen.

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