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Veröffentlicht: 11.06.2016, 14:41 Uhr

Rufmord an Appelbaum Die letzte Schlammschlacht von Gawker

Mit Lügen in die Insolvenz: Mit einem haltlosen Bericht über einen angeblichen sexuellen Übergriff in Hamburg zeigt der amerikanische Blogkonzern, was er kann – und warum er untergeht.

von Don Alphonso
© dpa Opfer einer Kampagne: Jacob Appelbaum

Es sah einfach zu gut aus. Auf der einen Seite steht scheinbar allein das Böse, der bekannte Netzaktivist Jacob Appelbaum, früher ein wichtiger Mitarbeiter des TOR-Verschlüsselungsdienstes, heute ein gejagter Mann, dem anonym im Internet durch eine Prangerseite sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wird. Ein Star der Szene, der zum Paria geworden ist, nachdem er das TOR-Projekt letzte Woche verlassen hat. Auf der anderen Seite stehen die Guten: Wütende Feministinnen, die den Bösen als Vergewaltiger bezeichnen, eine Netzöffentlichkeit, die nach weiteren Details der Übergriffe verlangt, und drei Helden, die bereit sind, offen und mit Klarnamen zu berichten, wie sie Augenzeugen bei einem Übergriff von Appelbaum wurden.

Außerdem soll sich das alles in der Öffentlichkeit zugetragen haben, beim renommierten Kongress des Chaos Computer Clubs im letzten Dezember, der seit längerem von Feministinnen wegen der Frauenfeindlichkeit in der Techszene kritisiert wird. Der Kongress, ein Jagdgrund für einen Frauenschänder, und andere Teilnehmer schauen einfach zu, bis drei Zeugen genug haben und dem Übeltäter seine sicher geglaubte Beute entreißen.

Eine Opfergeschichte

Das ist die Geschichte, die die Zeugen Meredith Patterson, Andrea Shepard und Emerson Tan dem Redakteur William Turton vom Internetmagazin Gizmodo erzählten. Sie berichteten mit vielen Details, vom verstörten Blick der Frau, von Appelbaums Benehmen, seiner unerwünschten Grabscherei und seinen Versuchen, sie für sich zu gewinnen, und von der Rettung des Opfers in Form einer Intervention. Gizmodo gehört zum Konzern Gawker, der jüngst einen Prozess gegen den Wrestler Hulk Hogan verlor, und nun gezwungen ist, ihm 140 Millionen Dollar wegen der Veröffentlichung eines Sexvideos und anderer Eingriffe in seine Privatsphäre zu zahlen.

Gizmodo ist die 2002 gegründete Keimzelle des Medienkonzerns, der Skandalfreunde mit Gawker.com und Feministinnen mit Jezebel unterhält: Eine bunte Palette von Nischenpublikationen, alle laut, alle auf den Klickerfolg ausgerichtet. Gizmodo ist das Kronjuwel der Firma, und die Gelddruckmaschine im Konzern. Und nun hat Gizmodo drei Augenzeugen, die dabei waren, als sich eine Szenegröße an einer Frau vergreifen wollte. Der Redakteur versuchte nach eigenen Angaben, Appelbaum zu erreichen, aber der schwieg. Also veröffentlichte Gizmodo die Geschichte einseitig. Sie schlug ein wie eine Bombe, wurde weit verbreitet und von vielen anderen Publikationen übernommen.

Ein Scoop. Mit einem Schönheitsfehler. Gizmodo hatte die Zeugen und den angeblichen Täter. Aber nicht das angebliche Opfer.

Attacke aus dem Verborgenen

Das angebliche Opfer heißt Jill Bähring und meldete sich bald zusammen mit dem Chaos Computer Club zu Wort. Die Geschichte, die einfach zu gut aussah, war zu gut, um wahr zu sein: Die angeblichen Zeugen hatten den Vorgang aus größerer Distanz beobachtet, und sich in ihrer  Voreingenommenheit gegenüber Appelbaum alles nur passend zusammengereimt.

Jill Bähring war freiwillig bei Appelbaum. Sie sind gut befreundet und haben sich gut verstanden. Niemand ist eingeschritten, weil es keinen Grund zum Einschreiten gab. Sie hatte andere Sorgen und sah deshalb nicht glücklich aus. Es gab keine Grabscherei. Der einzige unerwünschte Übergriff geschah, als Bähring sich von Appelbaum verabschieden wollte und der Zeuge Emerson Tan dazwischen platzte, und sich dabei ganz anders verhielt, als er Gizmodo gegenüber behauptet hatte. Sie hätte Appelbaum an jenem Abend gern noch einmal gesehen.

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