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Die Lage beim „Spiegel“ Vertreten, verraten

 ·  Seit April gab es keinen Chefredakteur mehr beim „Spiegel“, die Redaktion machte derweil erfolgreich Blatt. Jetzt hat Wolfgang Büchner übernommen. Er muss zeigen, dass und wofür er gebraucht wird.

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© dpa Vergrößern Leuchtende Fassade, düstere Stimmung: Das neue Verlagsgebäude des „Spiegels“ an der Hamburger Ericusspitze

Beim „Spiegel“ ist es ein schöner Brauch, dass viele Autoren ihre Namen unter wichtige Artikel setzen. Der Text, der seit Ende der Woche seine Runde durch die Redaktion macht, dürfte alle Rekorde brechen: Mit einer Unterschriftenliste fordert die Redaktion ihre Vertreter in der Mitarbeiter KG zum Rücktritt auf; kaum ein Name fehlt. Wenn man nach den Gründen fragt für die Wut auf Marianne Wellershoff und Gunther Latsch, gibt es kaum jemanden, der nicht von „Verrat“ spricht.

Am Montag der vergangenen Woche hatten die Ressortleiter die Ernennung des „Bild“- Journalisten Nikolaus Blome zum stellvertretenden Chefredakteur schriftlich und einstimmig abgelehnt - was nicht zuletzt die KG im Kampf gegen diese Lieblingspersonalie des neuen Chefredakteurs Wolfgang Büchner befeuern sollte.

Am Mittwoch schlug Büchner vor, Blome zum „Mitglied der Chefredaktion“ umzuetikettieren, eine Degradierung, die in den Augen der meisten „Spiegel“-Leute keine ist. Es geht ja nicht bloß um Blomes Schulterklappen, es geht den „Spiegel“-Redakteuren längst um die Frage, ob Büchner begriffen habe, was der gedruckte „Spiegel“ wert ist, mit all den Schönschreibern (die er verhöhnt), mit den Anzeigen und Gewinnen - mit seinem immer noch furchterregenden Prestige. Den fünf Geschäftsführern der Mitarbeiter KG, also auch Wellershoff und Latsch, reichte aber die semantische Korrektur; sie winkten Blome durch.

„Mexican stand-off“, jeder gegen jeden

Am Mittwoch, bei einer Versammlung der Mitarbeiter, wurden die KG-Kollegen zum Rücktritt aufgefordert. Sie weigerten sich. Die Wut ist groß, die Möglichkeiten, die KG-Geschäftsführer zum Rücktritt zu zwingen, sind aber gering. Einem Abwahl-Antrag müssten zwei Drittel aller stillen Gesellschafter zustimmen; Voraussetzung ist, dass „ein wichtiger Grund im Rechtssinne vorliegt“.

Stimmberechtigt sind auch die Mitarbeiter aus Dokumentation und Verlag; die scheinen aber eher am Ende des Streits interessiert zu sein. Und selbst wenn Büchners Kritiker die Macht in der KG wiedergewönnen: um Büchner zu stürzen, brauchten sie die Unterstützung des Verlags Gruner+Jahr, der eine Sperrminorität besitzt (und die Zerfleischung mit Entsetzen beobachtet).

Seit Sonntag ist Büchner tatsächlich der Chefredakteur - und die Lage, die er vorfindet, heißt im Western „Mexican stand-off“. Drei Parteien, jeder gegen jeden. Die Redaktion, die Mitarbeiter KG, der Chefredakteur. Im Western sind, fast immer, alle tot am Schluss. Auch durch die Berichte über den „Spiegel“ schwang in den letzten Tagen eine böse Freude über dessen baldigen Untergang.

Dabei hat der „Spiegel“ in den vergangenen Monaten bewiesen, dass er ganz lebendig ist. Es gab, seit April, keinen Chefredakteur, es gab nur eine Redaktion, die sich selbst überlassen war. Die Auflage war stabil, die NSA-Enthüllungen erregten Aufmerksamkeit. Sogar die Stimmung in der Redaktion soll passabel gewesen sein.

Was vielleicht die größte Herausforderung für Wolfgang Büchner ist: Es ging ohne ihn, jetzt muss er zeigen, wofür ihn der „Spiegel“ braucht.

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