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Veröffentlicht: 18.05.2017, 18:03 Uhr

TV-Komödie „Ein Dorf rockt ab“ Highway to Melkmaschine

Die am Wacken-Festival orientierte Wohlfühlkomödie „Ein Dorf rockt ab“ ist eine echte Luftgitarrennummer: Hier geht es mit Hannes Jaenicke in Totenkopf-Shirts zum narrativen Headbangen.

von Oliver Jungen
© ZDF und Conny Klein Schlammauge, sei wachsam: Die Crew von „Ein Dorf rockt ab“ war offenbar in ihrem Element.

Ob die bei der Gema angeblich als Textdichter geführten Schimpansen, die im Writers Cage Jan Böhmermanns Gefühlspop-Persiflage „Menschen Leben Tanzen Welt“ aus Kalendersprüchen und Kitschphrasen zusammengesetzt haben sollen, jetzt wohl auch Drehbücher schreiben?

Gefühlspop trifft die Stimmungslage von „Ein Dorf rockt ab“ jedenfalls recht genau, obgleich darin rülpsende Metalheads zwischen Kuhfladen und Trachten-Lieseln herumspringen und einer spießigen Gartenzwerggemeinde fröhlich den satanischen Pommesgabel-Gruß entgegenrecken – eine rührend naive Variante von Kulturzusammenstoß. Dabei wissen wir doch dank all der Reportagen über das Wacken Open Air Festival, welches bis hin zu Woodstock-Hippies geklauten Matschsuhlen hier offenbar Pate stand, dass weder Marmor, Stein noch Eisen bricht, wenn schwarzgekuttete Höllenpriester ihre Botschaften mit 120 Dezibel in den Gemeindeanger rammen: Kirche, Dorf und Schwermetallerszene prosperieren in trauter Harmonie, die Kassen klingeln und Metal-Musik erfreut sich auf dem Land ohnehin knallharter Beliebtheit.

© dpa, ZDF Fernsehtrailer: „Ein Dorf rockt ab“

Gefühlspop ist das, weil im Vordergrund des Films das Aufmöbeln der Beziehung der Hofbesitzerin Caro (Christina Große) und ihres umtriebigen, aber untergebutterten Ehemanns Paul (Roman Knižka) steht, sosehr es auf dem Biobauernhof kriseln mag. Mit der Hilfe von Obermetaller Mike (Hannes Jaenicke) kommt das eingerostete Paar sogar über Pauls Ausrutscher mit Laura (Judith Hoersch, ungelenk) hinweg.

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Dass Checker Mike mit seiner knuffigen Motorrad-Bande (Daniel Zillmann, Lara Mandoki) überhaupt auf dem Hof gelandet ist, wird umständlich begründet: Dem Konzertveranstalter ist eine Location geplatzt – ganz lustig, dass Umweltaktivist Jaenicke auf den Naturschutz schimpfen muss – weshalb er gern auf das Angebot eingeht, sein Hellway-Festival auf Caros Wiesen auszurichten. Caro sieht in dem Deal die Chance, eine Steuernachforderung und die neue Melkmaschine abzuzahlen. Wegen ihrer eigenmächtigen Entscheidung hat sie jedoch bald den Großteil des Dorfes gegen sich. Nur eine Charmeoffensive kann das Festival retten. Nicht weniger müde konstruiert wirkt der Nebenstrang, der von der Wunderheilung der Bauernkinder durch den rohen Besuch erzählt: Söhnchen Mo (Leo Knižka) wird einen eingebildeten Begleiter los, und die pubertierende Metal-Tochter Antonia (Amelie Herres) interessiert sich plötzlich für Mathematik.

Wenngleich sich die Handlung auf die Schlagworte Menschen, Leben, Tanzen, Weltuntergang reduzieren lässt, muss die Eingangsfrage verneint werden. Solcher Hilfe bedarf es nicht, wenn ein ulkfilmerprobter Autor wie Stefan Kuhlmann zur Hand ist. Die Regie von Holger Haase, die man getrost als imagemelkend bezeichnen darf, setzt dann sogar auf noch mehr Kontraste, so dass keine Figur überhaupt erst die Chance bekommt, sich zu entwickeln.

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Christina Große macht noch das Beste daraus, nämlich hemmungslosen You’ve-been-Thunderstruck-Klamauk, aber Hannes Jaenicke, der als Clanchef lausige Mackersprüche („Andere Mütter haben auch nette Söhne“) und als Gefühlsrocker blamable Liebeserklärungen ans Dröhn-Genre („Gitarrensoli, die sich anfühlen, als hätte dein Zahnarzt gerade aufgehört zu bohren: Wenn du das mal gespürt hast, dieses totale Loslassen, kein Gestern, kein Morgen, nur der Moment, keine Kontrolle, dann verstehst du die Jungs und Mädels hier“) absondern muss, wirkt arg derangiert.

46457211 © ZDF und Conny Klein Vergrößern Für Übernachtungsmöglichkeiten ist gesorgt.

Man hat das Gefühl, er bringe es nicht über sich, einen derart klischeehaften Charakter so zu spielen, dass man ihm das Unbehagen nicht ansieht. Die mit erwartbaren Hardrock-Stücken untermalten Poser-Szenen knallt man uns übrigens gleichmäßig über die Romantikkomödie verteilt vor den Latz, eine ganz neue Bedeutung von Headbangen. Die Bilanz fällt ernüchternd leicht: Diese Luftgitarrennummer des ZDF ist monotoner und peinlicher als jeder Manowar-Auftritt.

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