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Die Kölner Moschee : Der Film zum Bau

Weit gediehen, noch nicht fertig: Die Moscheefassade Ende Juni Bild: dapd

Das Bauprojekt war und ist heftig umstritten: Die ARD-Dokumentation „Allah in Ehrenfeld“ hat den Moschee-Neubau in Köln von Anfang an mit der Kamera begleitet.

          Aktualität ist (fast schon) alles im Fernsehen. Wer die Story als Erster bringt, hat gewonnen und die größte Aufmerksamkeit. In diesem Sommer sollte die Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union (Ditib) in Köln eröffnet werden, und so schien eine Dokumentation darüber am 10. Juli genau richtig plaziert. Doch der Bauverlauf hat sich so weit verzögert, dass er voraussichtlich erst im nächsten Jahr abgeschlossen wird. Der Film „Allah in Ehrenfeld“ von Birgit Schulz (mit Gerhard Schick) wird dennoch heute gesendet. Der Zwang der Programmleitung, aktuell zu sein, ist offenbar größer als ihre Möglichkeit und Bereitschaft, flexibel zu reagieren.

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Die Autorin hat das heftig umkämpfte Bauvorhaben seit Herbst 2005 filmisch begleitet. Da steht auf dem Gelände noch eine ehemalige Tapetenfabrik, die zur Moschee umgewidmet ist: Aufgehübscht mit Blumenkübeln und Halbmondfahnen, können die einfachen, wie provisorisch aneinandergesetzten Zweckbauten, eingeschossige Büro- und Lagerräume zumeist, mit gestapelten Getränkekisten unter den Vordächern und vollgeparkten Freiflächen nicht über die nüchterne Tristesse der geräumigen Hinterhofsituation hinwegtäuschen. Die unscheinbaren Außenaufnahmen des Ortes und Innenaufnahmen mit Männern auf Gebetsteppichen, die sich, dem Ruf des Muezzins folgend, nach Mekka richten - das sind die ersten Bilder.

          Ein über die Stadt hinausreichender Konflikt

          Zwischen diesen Kontrasten, zwischen Alltag und Fremdheit, wird die Chronik entwickelt: von der Entscheidung des Kölner Stadtrats, hier eine repräsentative Moschee zu bauen, über den Abriss des Altbestands, den siegreichen Wettbewerbsentwurf von Paul Böhm, der eine teiltransparente Kuppel und zwei fünfundfünfzig Meter hohe Minarette vorschlägt, über Baugenehmigung, Grundsteinlegung und Richtfest bis zur fristlosen Kündigung des Architekten und dem mühsamen Ringen um eine vorläufige Verständigung, die einen Baustopp und den damit drohenden Skandal verhindert.

          Die Auseinandersetzungen, die über die Kölner Moschee geführt wurden, haben politische Konfliktlinien aufgezeigt, die über die Stadt hinausreichen. Der Film konzentriert sich darauf, die Standpunkte der am Ort selbst tonangebenden Akteure abzubilden: des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters Fritz Schramma (CDU), der sich, zunächst gegen die Mehrheit in seiner Partei, für den Bau starkmacht und sich auf der Straße mit ausländerfeindlichen Pöbeleien konfrontiert sieht; des zweckoptimistisch kämpferischen Bezirksbürgermeisters Josef Wirges (SPD), der, ein Kind des multikulturellen Viertels, in anonymen Schreiben als „Vaterlandsverräter“ beschimpft wird; des Publizisten Ralph Giordano, der sich im Gespräch mit Bekir Alboga, dem Dialogbeauftragten der Ditib, zwischen Provokation und Ignoranz in seinem eigenen Fundamentalismus verbeißt. Dazu die Aktionen und Aufmärsche der rechtsradikalen Gruppierung „Pro Köln“, deren präpotente Dreistigkeit in einem Umfang vorkommt, der ihre politische Bedeutung weit überschätzt.

          Beschädigung des interkulturellen Dialogs

          Die erfahrene Filmemacherin (“Die Anwälte“) verzichtet nach persönlicher Sympathiebekundung weitgehend auf eine Kommentierung. Der Zuschauer kann sich sein eigenes Urteil bilden. „Die Ditib gilt als liberal“, heißt es am Anfang einmal. Was davon zu halten ist, wird klar, als ihre Sprecherin die Pressekonferenz, in der die fristlose Entlassung des Architekten mitgeteilt wird, mit stalinistischen Frageverboten durchpaukt. Der Film nimmt sich anderthalb Stunden Zeit für das Thema, doch um herauszuarbeiten, wie sich der Konflikt in die türkische Community verlagert, fehlt es an nachhakender Detailrecherche. Dass die Bauherrin mit ihrer Wendung in die Konfrontation den interkulturellen Dialog beschädigt hat, klingt zwar an, wird aber ebenso wenig weiterverfolgt wie etwa die Frage, inwieweit die Ditib damit auch Teile der Gemeinde, die mit drei türkischen Frauen, die drei Generationen vertreten, eindrucksvoll zu Wort kommt, brüskiert hat.

          “Die Moschee wird von dem türkischen Architekten Orhan Gökkus zu Ende gebaut. Paul Böhm hat nur noch eine beratende Funktion“, heißt es vor dem Abspann. Wer ist Orhan Gökkus? Wofür steht er? Und was bedeutet das für die Ausgestaltung des Innenraums? Der Film von Birgit Schulz lässt das offen: Er ist so wenig fertig wie die Moschee.

          Allah in Ehrenfeld läuft am Dienstag, den 10. Juli, um 22.45 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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