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Die Kanzlerin bei Anne Will Angela Merkel macht den Obama

23.03.2009 ·  Bei Anne Will legt Angela Merkel einen Auftritt hin, wie man ihn ihr gar nicht zugetraut hätte. So schlagfertig, ja witzig, hat man die Kanzlerin selten gesehen. Die Krise dient ihr offenbar als Lockerungsübung. Zumindest wirkt das im Fernsehstudio so. Das Großekoalitionschaos ist weit weg.

Von Michael Hanfeld
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Wenn man so im Fernsehstudio sitzt, ist man zwar nahe dran, doch bekommt man nicht unbedingt den besten Eindruck. Oder vielleicht gar einen falschen? Im Studio von Anne Will jedenfalls war die Stimmung am Sonntag bestens. So aufgeräumt, als gäbe es die Krise nicht. Mehr als einen Lacher erntete Angela Merkel bei ihrem Soloauftritt. Geradezu unheimlich war das, so als wären wir im falschen Studio und bei Jauch oder Gottschalk gelandet. Und doch war es eine richtig gute Sendung - für Anne Will und für die Bundeskanzlerin.

„Wir zeichnen sonst nie auf“, erklärt Anne Will dem Studiopublikum, bevor es am Sonntagnachmittag um fünf Uhr losgeht. „Wenn doch, dann muss schon viel passieren. Und heute, das darf ich ihnen versprechen, wird viel passieren.“ Von großem Nachrichtenwert aber ist nicht unbedingt, was sich in den nächsten sechzig Minuten abspielt. Doch es ist von Bedeutung.

Angela Merkel pariert in hohem Tempo im Minutentakt die Kritiker aus den eigenen Reihen ihrer Partei und die des politischen Gegners in der großen Koalition; sie schont Horst Seehofer und die CSU demonstrativ; sie tritt Guido Westerwelle und der FDP kräftig vors Schienbein, weil die sich in der Debatte über das Enteignungsgesetz zur Hypo Real Estate „einen schlanken Fuß“ mache, es aber auch nicht besser wisse („Wer will denn schon enteignen? Ich bitte Sie!“), wünscht sich die Liberalen zugleich und nach wie vor als Koalitionspartner nach der Wahl.

„Ich habe sie einfach gern, die CDU“, sagt Angela Merkel

Sie bekennt sich - für ihre sonstige Stimmlage geradezu emphatisch - zu ihrer eigenen Partei („Ich habe sie einfach gern, die CDU. Sie ist meine Heimat“) und - diesmal unfreiwillig komisch - zu deren Flügeln („Ich bin mal liberal, mal christlich sozial, mal konservativ“); sie verteidigt ihre Kritik am Papst; sie nimmt sich Manager und Banker zur Brust („Das Irre an Boni ist, dass wir früher dachten, die gibt es nur für Erfolg. Und jetzt stellen wir fest, dass es sie für Misserfolg gibt.“), sie vertröstet die Mitarbeiter von Opel, ohne falsche Versprechungen und Hoffnung auf eine staatliche Übernahme zu machen und - jetzt kommt die bedeutendste politische Nachricht - sie schließt vorgezogene Bundestagswahlen aus. Das sei doch geradezu „absurd“, sagt sie, angesichts der Krise, an so etwas zu denken.

„Ich als Bundeskanzlerin werde in dieser Koalition meine Aufgabe erfüllen, und zwar für die Zeit, für die wir gewählt sind. Und ich kann nur jedem raten, genau dasselbe zu tun.“ Für Merkelsche Verhältnisse ist ein solches Diktum, was für ihren Amtsvorgänger Gerhard Schröder das „Basta“ war.

Nur der Papst bekommt eins auf die Zwölf

Ziemlich schnell und abwechslungsreich geht es so dahin. Angela Merkel formuliert eher volkstümlich denn langatmig, ist selten unsicher, zumeist gelingt es ihr, all ihre Kritiker schlecht aussehen zu lassen, obwohl sie keinen der Schläge, die sie im Augenblick bekommt, direkt pariert. Wann sie denn endlich einmal austeilen wolle, fragt Anne Will irgendwann. Es habe eben jeder seine Art, auszuteilen, erwidert Angela Merkel. (Und wir denken an den Spruch, der da lautet, die Rache sei ein Menü, das man kalt genieße.)

Bei ihr bekommt nur der Papst eins auf die Zwölf, und auch das nur, weil sie sich als Bundeskanzlerin gefordert sah, sich deutlich und öffentlich zu Wort zu melden, sobald es um die Leugnung des Holocaust gehe. Auch Erika Steinbach und den Bund der Vertriebenen habe sie nicht im Regen stehen lassen, sagt Angela Merkel, im Gegenteil: Ihre Haltung ermögliche, dass es die Stiftung zur Erinnerung an die Vertreibung überhaupt gebe. Punkt, und kein Komma.

Opelfamilie auf dem Betroffenheitssofa

Sogar das Gespräch mit der Familie Mittelstädt, die auf Anne Wills Betroffenheitssofa Platz genommen hat, bewältigt die Bundeskanzlerin mit Anstand. Sie spricht sich dagegen aus, dass sich der Staat direkt an dem Autobauer Opel beteiligt - wo Vater und Sohn der eingeladenen Familie seit Jahrzehnten arbeiten -, will aber die Hoffnung nicht fahren lassen, dass es eine Chance für ein starkes, europäische Unternehmen Opel gibt, mit eigenen Patenten und einer eigenen „ordentlichen Kontonummer“, also frei und unabhängig vom Mutterkonzern General Motors. Doch das hänge von GM und von der amerikanischen Regierung ab. Am 31. März will Angela Merkel die Opelaner in Rüsselsheim dennoch wie versprochen besuchen. Wahlkampfgetriebene Versprechungen, wie sie der Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier gerade gemacht hat - der Staat muss Opel retten - wird man von Angela Merkel bei dieser Gelegenheit wohl nicht hören.

Man kann all dies opportunistisch nennen, für fahrig und führungslos halten. Für einen Politiker aber kann es bei einem solch wichtigen Fernsehtermin um nichts anderes gehen als den Eindruck zu vermitteln, dass nicht alles verloren sei und man am Ende, wie Angela Merkel ein um das andere Mal sagt, „gestärkt“ aus der Krise hervorgehe. So macht man - ganz nebenbei - Wahlkampf, indem man sagt, die Lage sei zu ernst, als dass man Wahlkampf machen könne. Irgendwann aber wird Angela Merkel wieder echten Wahlkampf machen müssen, und das ist nicht ihre beste Disziplin, wie man bei der letzten Bundestagswahl gesehen hat.

Genauso wie ihr Pendant und Gegner Steinmeier es vor ein paar Tagen bei Reinhold Beckmann nicht tat, wollte aber auch Angela Merkel dezidiert nicht den Wahlkampf eröffnen - der längst eröffnet ist, dafür sorgen die Münteferings, Pofallas und Seehofers dieser Welt. Die Feldherren selbst steigen noch nicht von ihrem Hügel, noch haben sie vorgeblich Wichtigeres zu tun. Diesen Eindruck möglichst lange zu erhalten, darauf wird es am 27. September, dem Tag der Bundestagswahl, ankommen. In diesem Sinne hat Angela Merkel ihren Auftritt am Sonntag bei Anne Will mit Bedacht gewählt und - genutzt.

Macht es glücklich, Kanzlerin zu sein?

Und Anne Will, die ja auch von allen Seiten (gerade von uns) kritisiert worden ist, hat diese Sendung auch genutzt. Es ist nach der Talkshow, die sie und ihre Redaktion zu dem Massenmord in Winnenden am zurückliegenden Wochenende auf die Beine gestellt haben, schon die zweite von besonderer Qualität. In dem einstündigen Dialog mit Angel Merkel findet Anne Will zu der Form, für die sie als Moderatorin der „Tagesthemen“ gepriesen worden ist. Sie fragt konzentriert, bleibt im Ton locker und ironisch, aber bei der Sache. Sie bedrängt oder überfällt ihr Gegenüber nicht, lässt aber auch nicht los.

So lange, bis Angela Merkel endlich wenigstens näherungsweise verrät, welchen Stimmenanteil sie bei der Bundestagswahl mit der Union denn erringen möchte: Mehr als die 35 Prozent, die sich Frank-Walter Steinmeier für die Sozialdemokraten erhofft, sollten es schon sein. Die Union muss sich also, blicken wir auf die aktuellen Zahlen, wohl noch etwas steigern. Ob den Parteifreunden der Auftritt ihrer Chefin Mut macht? Er dürfte ihn zumindest nicht genommen haben. Ganz unerschrocken nimmt Angela Merkel sogar hin, dass Berliner Passanten - von Anne Wills Redaktion befragt - spontan etwas zu Adenauer, Kohl und Schröder einfällt, aber niemand weiß, wofür sie steht. Das erschüttere sie nicht, die Geschichte werde es weisen und das Urteil bestimmen, sagt Angela Merkel. Warten wir es ab.

Ob Kanzlerinsein glücklich macht, will Anne Will noch wissen. Es sei auf jeden Fall „ein toller Job“, sagt die Frau, die ihn hat. Zwei Mal an diesem Abend bezeichnet sich Angela Merkel irrtümlicher Weise als „Staatsoberhaupt“. Erst nachdem das Aufnahmelicht aus ist, winkt sie ins Publikum. Nur in den Augenblicken, in denen sie sich von den Kameras unbeobachtet glaubte, haben wir gesehen, wie viel Kraft dieser tolle Job kostet.

Eine Ruckrede?

Angela Merkel hat ihren Obama gemacht. Wir haben ihr „Yes, we can“ gehört und es klingt nicht falsch. Sie hat davon gesprochen, dass die Krise noch lange nicht zu Ende ist, dass noch viele Menschen arbeitslos werden, dass wir eine neue Weltwirtschaftspolitik brauchen und dass wir es schaffen können. Die Bundeskanzlerin verharmlost nicht, und doch ist die Frage, ob das nicht noch viel zu beschönigend und die der Lage angemessene politische Rhetorik ist.

Vielleicht wäre es langsam an der Zeit für einen Appell an die Weitsichtigen, für eine Ruck-Rede und ein Programm à la Roosevelt und einen neuen „New Deal“, für ein grundlegendes Plädoyer für die Freiheit in Verantwortung und nicht von Verantwortung. Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die University in Exile, New School for Social Research in Berlin hat Angela Merkel Mitte Februar genau davon gesprochen. Und bei dem G20-Treffen am 2. April will sie auf eine neue Weltfinanzordnung im Sinne dieser Verantwortung in Freiheit dringen. Barack Obama will das ja angeblich auch. Davon könnte die Bundeskanzlerin dann bei Anne Will berichten. Das wäre eine Sendung, in der wirklich viel passiert.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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